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Irkut MC-21Russlands neuer Himmelsstürmer

Airbus und Boeing erwächst im Osten Konkurrenz: Der russische Kurz- und Mittelstreckenflieger Irkut MC-21 hat erstmals zum Rundflug abgehoben. Der Flugzeugbauer greift in einem wichtigen Markt an.André Ballin, Jens Koenen 30.10.2017 - 11:12 Uhr Artikel anhören

Nach einigen Verzögerungen soll das neue Flugzeug 2018 in Dienst genommen werden.

Foto: Reuters

Moskau/Frankfurt. Russland will Airbus und Boeing den Himmel streitig machen: Nach langen Anlaufschwierigkeiten steht nun mit der Irkut MC-21 ein neues Flugzeug auf der Startbahn. Der russische Kurz- und Mittelstreckenflieger erhöht deutlich den Konkurrenzdruck auf die Etablierten. Am 17. Oktober nahm die MC-21 Kurs vom Werk des Flugzeugbauers UAC im sibirischen Irkutsk auf den Militärflughafen Schukowski nahe Moskau. Die 4 500 Kilometer legte der Flieger in sechs Stunden zurück. „Alle Systeme arbeiteten fehlerfrei“, meldete anschließend Pilot Oleg Kononenko.

Kein unwichtiges Detail: Die MC-21, in den 90er-Jahren ursprünglich als Jak-242 geplant, wurde immer wieder durch technische Unzulänglichkeiten zurückgeworfen. Nun soll sie endlich serienreif sein. Seit 2003 wird am Projekt gearbeitet. Ursprünglich sollten die Flugzeuge bereits 2012 in Betrieb gehen, später wurde die Fertigstellung auf 2015 verschoben, nun ist die Indienststellung 2018 geplant. Auch der Jungfernflug verzögerte sich, ehe die MC-21 im Mai erstmals zu einem kurzen Rundflug abhob.

Die technischen Charakteristika aber stimmen. Die MC-21 ist als Großraumflieger konzipiert und kann 163 bis 211 Passagiere befördern. Die Flügel seien aus einem speziell entwickelten Polymer-Kompositmaterial hergestellt, betonte Anatoli Serdjukow, Luftfahrtdirektor der staatlichen Industrie- und Rüstungsholding Rostec, zu der UAC gehört. Der einstige russische Verteidigungsminister verwies auf die hohe Effizienz dank der neuen Materialien, die bis zu 30 Prozent des Gesamtdesigns ausmachten. „Es wird geschätzt, dass die direkten Betriebskosten bei der Nutzung der MC-21 dadurch um zwölf bis 15 Prozent gegenüber analogen Modellen reduziert werden können“, sagte Serdjukow.

Russland will mit einem neuen Mittelstreckenflieger seine zivile Luftfahrtbranche wiederbeleben und den Flugzeugbauern Airbus und Boeing Konkurrenz machen. Der Prototyp des MC-21 vom Hersteller Irkut wurde am Mittwoch in der sibirischen Stadt Irkutsk bei einer Zeremonie mit vielen Showeffekten vorgestellt

Foto: Reuters

Das Flugzeug mit Platz für 150 bis 211 Passagiere soll Nachfolger für die zu Sowjetzeiten gebaute Tupolew Tu-204 werden und ab Ende 2018 ausgeliefert werden. Die ersten Testflüge sind für Ende 2016 oder Anfang 2017 geplant.

Foto: AFP

Regierungschef Dmitri Medwedew bezeichnete die Präsentation des Flugzeugs in der vom Fernsehen übertragenen Zeremonie als „lange erwartetes Ereignis für unsere zivile Luftfahrt, für den Flugzeugbau und unser gesamtes Land“.

Foto: Reuters

Dies zeige, dass Russland in der Lage sei, ein Flugzeug zu bauen, das die zivile Luftfahrt voranbringe und mit anderen Ländern mithalten könne. Der Flieger werde der „Stolz der russischen zivilen Luftfahrt“.

Foto: Reuters

Russland hatte zuletzt vor fünf Jahren den etwas kleineren Regionalflieger Superjet in Betrieb genommen und ebenfalls als große Hoffnung gefeiert. Allerdings plagen den Superjet zahlreiche technische Probleme, der Hersteller Suchoi steckt in finanziellen Schwierigkeiten.

Foto: Reuters

Im März 2012 prallte ein Superjet (hier ein Modell) bei einem Demonstrationsflug in Indonesien gegen einen Vulkan. Alle 45 Insassen starben.

Foto: Reuters

Einen Einspareffekt versprechen sich die Hersteller auch von den neuen Triebwerken, wobei die Kunden später zwischen dem einheimischen Modell PD-14 und einer Turbine des amerikanischen Herstellers Pratt & Whitney wählen können. Das Interesse ist groß: 175 Festbestellungen gibt es schon. Größter Käufer ist die mehrheitlich staatliche Aeroflot. Zuletzt berichteten russische Medien zudem über eine Anfrage der mexikanischen Billigfluglinie Interjet. „Uns interessiert die MC-21 sehr, weil die Komponenten, aus denen sie besteht, sie leichter machen und sie weniger Treibstoff verbraucht. Die Motoren sind aus Nordamerika, aber wir hoffen, dass Russland seinen eigenen Motor haben wird, der leichter sein soll“, wird Interjet-Präsident Miguel Velasco zitiert. Interjet ist bereits Kunde von UAC, die Mexikaner haben 22 Sukhoi-Superjets gekauft, die als kleine Schwester der MC-21 gilt.

Ein schwieriger Markt für Neulinge

UAC hofft, insgesamt 900 bis 1 000 Stück der MC-21 absetzen zu können. Der Markt ist hochattraktiv. Die Familien der A320 und der Boeing 737 zählen zu den weltweit meistverkauften Flugzeugen. Allein vom Typ A320 wurden bisher fast 7 800 Stück gekauft, von der deutlich älteren Boeing 737 sogar 9 700. Und die Nachfrage bleibt hoch. Airbus prognostiziert, dass sich die weltweite Flotte mit Flugzeugen mit mehr als 100 Sitzen bis 2036 auf über 40.000 Jets verdoppeln wird. Verkehrsexperte Alexander Kawa spricht vom „Massensegment im zivilen Luftfahrtsektor“ bei Produktionszahlen von fast 1.000 Flugzeugen jährlich.

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Doch die neuen Hoffnungsträger haben ein Problem: Internationale Airlines tun sich schwer mit dem Kauf neuer Flugzeugmuster von Anbietern, die bisher im Markt nicht tätig waren. Die Betriebskosten eines völlig neuen Flugzeugtyps sind schon schwer zu kalkulieren. Bei Riesen wie Airbus oder Boeing können sich die Airlines aber darauf verlassen, dass es eine weltweite Serviceunterstützung gibt und man Lösungen für mögliche Probleme findet.
Interesse aus Mexiko

Bei Neulingen im Markt ist das nicht garantiert. Deshalb ist es nicht überraschend, dass Hersteller wie UAC aus Russland zwar zahlreiche Vorbestellungen für den MC-21-Jet haben, diese aber vor allem aus der Heimat von dort ansässigen Airlines oder Leasinggesellschaft stammen. Prominente Namen westlicher Fluggesellschaft sind dagegen bislang rar. Interjet bietet einen Ansatz. Allerdings müssen sich die Russen dann sputen. Eigentlich wollte Velasco die ersten Flieger schon 2018. Russlands Industrieminister Denis Manturow hat die Hoffnungen gedämpft. Erste Lieferungen nach Mexiko versprach er 2021. Weitere Verspätungen sind verboten.

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