Osram eröffnet neues Werk für LED-Chips: Projekt Malaysia
Der deutsche Konzern hat in Malaysia bis zu einer Milliarde Euro investiert.
Foto: HandelsblattKulim. Es ist ein bewegender Moment für Olaf Berlien: Der Osram-Chef steht vor 350 Gästen in einem weiß-orange ausgeschmückten Festzelt, darunter nicht nur lokale Prominenz: Auch der malaysische Handelsminister Seri Mustapa Mohamed ist zur Eröffnung der neuen Osram-Fabrik in die Stadt Kulim gekommen, wenn auch mit ein wenig Verspätung. Es sei schwer, seine Gefühle in Worte zu fassen, sagt Berlien. „Ich bin ein wenig überwältigt und mehr als glücklich.“
Dabei war kaum ein Produktionswerk eines deutschen Konzerns so umstritten wie dieses. Vor fast genau zwei Jahren hatte Berlien die Pläne für die Investition von insgesamt bis zu einer Milliarde Euro der Öffentlichkeit vorgestellt – und im gleichen Moment stürzte der Aktienkurs um 30 Prozent ab. Auch die Ex-Mutter Siemens stufte Berliens Ausbau des Geschäfts mit LED-Chips für die Allgemeinbeleuchtung als zu riskant ein. In einem spektakulären Schritt verweigerte Siemens Berlien Anfang 2016 auf der Hauptversammlung die Entlastung. Viele bezweifelten, dass sich der Osram-Chef an der Spitze würde halten können.
In Rekordzeit entstanden
Doch Berlien blieb, und so dürfte die Eröffnung des Werks, das in Rekordzeit aus dem Boden gestampft wurde, für ihn eine Genugtuung sein. Siemens hat inzwischen die letzten Anteile verkauft, sein Vertrag wurde verlängert. Die Kritik an der Investition – in der ersten Ausbaustufe 370 Millionen Euro – ist weitgehend verstummt. Vor einigen Wochen traf sich der Aufsichtsrat in Kulim zu einer Strategietagung. „Ich glaube nicht, dass das ein Flop wird“, sagte ein Kontrolleur dem Handelsblatt, „das Geschäft brummt ohne Ende.“ In Kulim ist Osram in bester Gesellschaft; Werke von Samsung, BASF, Intel und Infineon befinden sich um die Ecke. „Der Anblick ist schon überwältigend.“
Glanz und Elend liegen in der Lichtbranche derzeit eng beieinander, kaum eine Branche hat einen derart radikalen Wandel zu bewältigen. Die Nachrichten rund um Osram, die in den vergangenen Wochen entstanden, zeigen das exemplarisch. Die frühere Glühbirnensparte Ledvance, heute im Besitz von chinesischen Investoren, kündigte die Schließung der Werke in Augsburg und Berlin an und streicht schon wieder viele Arbeitsplätze, diesmal 1.300. „Ledvance setzt Transformation fort“, stand über der Pressemitteilung. Doch tatsächlich geht es um den Niedergang des traditionellen Geschäfts. Trotz unzähliger Restrukturierungsrunden liegt die Auslastung in einigen Ledvance-Werken nur noch bei 20 Prozent.
Berlien weiß, warum er sich vom einstigen Kerngeschäft getrennt hat. Gleichzeitig boomt das Geschäft mit LED-Chips. Als Siemens die Lichttochter abspaltete, dachten viele, die Asiaten seien im Chipgeschäft besser. Osrams Zukunft sah man eher in der Produktion von Leuchten und Autolichtern. Doch die Tochter Osram Opto Semiconductors (OS), weltweit Nummer zwei, erhöhte den Umsatz im Geschäftsjahr 2016/17 um 19 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro bei einer operativen Marge von 28 Prozent. Die meisten Chipkonkurrenten kommen nur auf Umsatzrenditen von 20 bis 24 Prozent.
Das neue Werk in Malaysia, das weltweit modernste seiner Art, soll dafür sorgen, dass es so weitergeht. Wo vor zwei Jahren noch Palmen und Büsche standen, ist nun ein hochmodernes Werk mit 50.000 Quadratmetern Fläche entstanden. Allein der Reinraum der ersten Ausbaustufe ist 10.000 Quadratmeter groß. Zunächst sollen hier 1 500 Menschen arbeiten, nach dem Ausbau könnten es am Ende 6.000 sein. Es zeichnet sich ab, dass die Kapazitäten der ersten Stufe rasch ausgenutzt werden. Zwei Erweiterungen sind möglich. Im benachbarten Penang, wo kein Platz mehr war, beschäftigt Osram bereits 8.000 Menschen.
In dem neuen Werk werden blaue LED-Chips für die Allgemeinbeleuchtung – zum Beispiel für Straßen und Fassaden – produziert, die, mit einer Phosphorschicht versehen, auch weißes Licht erzeugen können. Der weltweite LED-Markt für Allgemeinbeleuchtung von derzeit etwa sechs Milliarden Euro dürfte laut Branchenschätzungen in den nächsten Jahren um im Schnitt sieben Prozent wachsen. In Malaysia kann Osram nun große Mengen herstellen. „Mit einer Wochenproduktion könnte die Straßenbeleuchtung der Metropolen New York, Rio, Hongkong und Berlin komplett auf LED umgerüstet werden“, drückt es OS-Chef Aldo Kamper aus.
Es gibt auch Skeptiker
Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte – und doch gibt es Skeptiker. Denn Osram hat bislang vor allem Chips für Spezialanwendungen etwa in der Autoindustrie produziert. Hier sind die Margen höher als im umkämpften Markt für die Allgemeinbeleuchtung. „Die Strategie ist mutig und vorwärtsgerichtet“, sagt ein Insider, „doch ob sie aufgeht, wird man erst in einigen Jahren wissen.“
Bei Osram kennen sie die Vorbehalte. Sie verweisen darauf, dass in Kulim in einigen Jahren auch LED-Chips für Premiumanwendungen wie Autolicht und Videoprojektion gefertigt werden können. Zudem habe man Kostenvorteile, weil die neue Fabrik besonders produktiv ist. Die Anlagen mit Sechs-Zoll-Siliziumscheiben stellen im Vergleich zur herkömmlichen Vier-Zoll-Technik pro Wafer in einem Fertigungsgang mehr als doppelt so viele LED-Chips her. 160.000 passen auf eine Scheibe. Die Wachstumsperspektiven sind für alle Anbieter gut. Laut Branchenschätzungen dürfte der gesamte Markt für optoelektronische Komponenten einschließlich der LEDs für die Allgemeinbeleuchtung bis 2020 von 17 auf 20 Milliarden Euro wachsen.
Auch der Kapitalmarkt ist nach anfänglicher Skepsis wieder positiver gestimmt. Zunächst war der Kurs zwar auf etwa 40 Euro gefallen, inzwischen liegt er aber wieder bei knapp unter 70 Euro. „Uns gefällt, was wir sehen“, schreibt Redburn-Experte James Moore in einer Studie. Zwar kürzte er unter anderem wegen der höheren Investitionen in Kulim seine Gewinnprognose für 2018 und senkte die Empfehlung auf „neutral“. Er betonte jedoch zugleich, dass er von den Langfristperspektiven überzeugt sei. Die Sechs-Zoll-Produktion verschaffe Osram einen Kostenvorteil, und LED-Technologien würden ihren Siegeszug etwa im Auto fortsetzen. Auch die Commerzbank sieht 2018 als Übergangsjahr. Die strukturellen Trends seien aber intakt.