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SchweizWieso die Zürcher zum Sommerbeginn einen Schneemann explodieren lassen

Um herauszufinden, wie gut der Sommer wird, pflegen die Zürcher das Ritual des Sechseläutens. Es verrät mehr über die Schweizer als über das Wetter.Michael Brächer 26.04.2018 - 12:59 Uhr Artikel anhören

Um herauszufinden, wie das Wetter wird, verbrennen die Schweizer einen mit Feuerwerkskörpern gefüllten Schneemann. Dieser Brauch findet alljährlich auf dem Sechseläutenplatz statt.

Foto: Reuters

Zürich. In Punxsutawney in Pennsylvania soll ein Murmeltier verraten, wann der Winter endlich vorbei ist: Sieht es seinen Schatten, wenn es aus dem Bau kriecht, dann kommt der Frühling. In Zürich greift man dagegen zu rabiateren Methoden: Beim sogenannten Sechseläuten wird alljährlich ein riesige Schneemann-Figur gefüllt mit Feuerwerkskörpern auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Je schneller der mit Böllern gefüllte Kopf explodiert, desto schöner wird der Sommer. Am Montag vor einer Woche war es wieder soweit.

Die meteorologische Aussagekraft des Sechseläutens hält sich in Grenzen. Doch das Ritual lässt tief in die schweizerische Volksseele blicken: Mitten in Zürich treffen Tradition und Moderne aufeinander. Das will ich mir nicht entgehen lassen. Also kämpfe ich mich durch die Zuschauermassen zum Sechseläutenplatz, wo der Schneemann namens Böögg auf seine Verbrennung wartet. Sie ist der Höhepunkt der mehrtägigen Feierlichkeiten.

Aus der Ferne sieht es ein bisschen so aus, als würde das Michelin-Männchen von einer Armee aus Liliputanern belagert. Aber das behalte ich dann doch lieber für mich, schließlich will ich nicht den Groll der Tausenden Zürcher auf mich ziehen, die dem Schauspiel beiwohnen.

Sechseläuten, das ist Zürich im Ausnahmezustand: Geschäfte machen früher zu, Straßen werden gesperrt. Vor der Böögg-Verbrennung ziehen die Mitglieder der Zürcher Zünfte in Trachten durch die Stadt, reiten auf Pferden oder Kamelen.

Sie feiern mit dem Sechseläuten, dass die Feierabendglocke im Großmünster erst um sechs Uhr läutet und nicht schon um fünf, der Frühling also endlich da ist. Anders gesagt: Die Zürcher feiern, dass sie eine Stunde länger arbeiten können. Das gibt es wohl auch nur in der Schweiz.

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Die Zünfte feiern den Tag schon seit Jahrhunderten, aber erst seit 1902 muss auf dem Sechseläutenplatz der Böögg daran glauben. Früher verbrannten die Zünfter eine einfache Strohpuppe, heute ist Hightech im Spiel. Im Inneren des Schneemanns sind hundert Kracher und Donnerschläge verbaut.

Natürlich berichtet das schweizerische Fernsehen live vom Ort des Geschehens, schließlich haben viele Schweizer darauf getippt, wann es endlich knallt.

Auch sonst geht das Sechseläuten mit der Zeit: Webcams filmen die Feuersbrunst, im Internet wird per Live-Ticker berichtet (Zitat: „18:16 Uhr: Die Flammen fressen sich an seinem Bein entlang aufwärts. Vielleicht geht es jetzt sehr schnell“). Nur bei den Zünften bleibt alles beim Alten. Die 26 Zünfte sind allesamt reine Männerklubs – und die sich beharrlich weigern, Frauen aufzunehmen oder die Frauenzunft anzuerkennen.

Nicht nur deshalb wird in der Schweiz emsig übers Sechseläuten diskutiert: Ist das noch zeitgemäß? Zu elitär? Und wer denkt an die armen Pferde? Dass der Kopf des Böögg in diesem Jahr dann auch noch in den Farben des FC Basel raucht, sorgt in der Boulevardpresse für Schlagzeilen.

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„Ein FCB-Böögg am Sechseläuten!“, mäkelt der „Blick“. Und die Moderatorin des Schweizer Fernsehens muss sich nach der dreistündigen Marathonshow sogar vorwerfen lassen, dass sie im Eifer des Gefechts die Zahlen vertauscht hat. Deshalb fürs Protokoll: Es sind 20 Minuten und 31 Sekunden vergangen, als der Kopf des Böögg endlich mit einem lauten Knall explodiert.

Für Böögg-Verhältnisse spricht das für einen mauen Sommer, liegt der Rekord doch bei weniger als vier Minuten. Zum Glück ist der Böögg ungefähr so treffsicher wie die Dax-Prognosen mancher Crashpropheten. Das eidgenössische Bundesamt für Meteorologie stellt dem Schneemann ein miserables Zeugnis aus. Eine Analyse ergab „einen Korrelationskoeffizienten von lediglich 0,08, der noch dazu über keinerlei statistische Signifikanz verfügt“. Anders ausgedrückt: Er liegt verdammt falsch.

Ihr Sechseläuten feiern die Zürcher trotzdem. Da kann das Murmeltier von Punxsutawney noch so oft aus dem Bau kriechen, gegen den Böögg zieht es den Kürzeren: Wenn der Umzug vorbei ist, die Zünfter ihre Perücken ablegen und die Sicherheitsleute die Barrikaden wegräumen, wird der Sechseläutenplatz nämlich von den Zürchern zurückerobert, die auf der Glut des Scheiterhaufens ihre Würstchen grillieren. Und alle wissen: Der Sommer kommt – so oder so. 

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