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KosmetikbrancheWie das Beauty-Start-up Tomorrowlabs den Markt erobert

Ob Moderatorin Nina Ruge oder Douglas-Chefin Tina Müller. Viele glauben an ein geheimnisvolles Start-up – und auch den Milliardenmarkt dahinter. Axel Höpner und Thomas Tuma 10.02.2020 - 04:05 Uhr

Die Tomorrowlabs-Gründer sehen sich nicht als Kosmetikunternehmen, sondern als Biotechfirma.

Foto: Tomorrowlabs GmbH

München, Düsseldorf. Manche Weltrevolutionen beginnen mit einer Panne: Bei der TV-Moderatorin Nina Ruge war‘s ein irrtümlich verschenktes Give-away am Rande der Forschungspreis-Verleihung, die sie moderierte. Statt einer Pflegecreme gab‘s ein Narben-Gel. Aber weil sie gerade eh an einer kleinen Verletzung laborierte, dachte sich Ruge: „Kann ja nix schaden.“

Und was soll man sagen: „Die Narbe hat sich in kürzester Zeit zurückentwickelt.“ Also kontaktierte sie die Produzenten, informierte sich über zugrunde liegende Patente und bekam prompt die komplette Pflegereihe zugeschickt, die bis dahin nur von Dermatologen vertrieben wurde. Nach einigen Monaten war sie „total überzeugt“ – nicht nur von der Wundheilung.

Ruges Haut „wurde insgesamt straffer“. Damit hätte es sich dann auch, die geheimnisvollen Cremes wären vielleicht noch was als Smalltalk-Geheimtipp beim Friseur gewesen. Aber Ruge erzählte ihrem Mann davon, der nicht irgendwer ist, sondern Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratschef von Linde sowie Conti und immer noch einer der bekanntesten Manager der Republik.

Reitzle, im vergangenen Jahr dynamische siebzig geworden, probierte selbst mal – und spürte den Jungbrunnen schnell im wahrsten Sinne des Wortes hautnah. Sogar sein etwas – nun ja – schütter gewordenes Haupthaar spross plötzlich wieder. Es soll sogar Leute gegeben haben, die ihn fragten, ob er transplantiert habe.

Also konsultierte Reitzle den früheren Goldman-Sachs-Banker und heutigen Private-Equity-Profi Alexander Dibelius, immer noch einer der bestverdrahteten Finanzprofis Deutschlands. Der erzählte von dem neuen Wundermittel auch Tina Müller, Chefin der größten deutschen Parfümeriekette Douglas, die wiederum dem Finanzinvestor CVC gehört. Bei dem ist Dibelius Deutschlandchef, womit sich der neue Anti-Aging-Fankreis schließt.

Einige Monate, bilaterale Treffen und Präsentationen sowie einen Nobelpreis später sind Ruge und Reitzle mit je neun Prozent an der Firma hinter dem Gel, Tomorrowlabs, beteiligt. Müller rollt die Pflegeserie dieser Tage in 35 ihrer Filialen exklusiv aus: „Das kann sehr schnell sehr groß werden, auch wenn man den Erfolg eines Produkts nie genau vorhersehen kann.“ Und Dibelius ärgert sich allenfalls, dass er aus Compliance-Gründen nicht selbst einsteigen kann.

„Höhle der Löwen“ ohne Käfig

Es wirkt ein bisschen wie die Gründer-Castingshow „Die Höhle der Löwen“ – nur mit unternehmerischem Top-Personal auf einem Markt, der nun wirklich viele Milliarden Euro schwer ist im Gegensatz zu den Smoothie-Lieferdiensten und Katzenstreu-Onlineplattformen, die bei Vox gern durch den TV-Raubtier-Käfig gezogen werden.

Die beiden Investoren waren schon nach einigen Monaten von Tomorrowlabs überzeugt.

Foto: action press

Die beiden Gründer hinter dem österreichischen Start-up Tomorrowlabs können ihr Glück jedenfalls kaum fassen: Dominik Duscher hatte es im Rahmen des Medizinstudiums einst in die USA verschlagen, wo er sich intensiv mit dem Thema Wundheilung beschäftigte. Zurück in Wien ließ ihn das Thema nicht los. Doch eine Geschäftsidee wurde erst daraus, als er Dominik Thor kennen lernte.

Der Wiener Arztsohn hatte ein Medizinstudium angefangen, war dann aber zur Betriebswirtschaft gewechselt. „Für einen Arzt und Forscher ist es ja schwer, Anwendungsmöglichkeiten zu finden“, sagt Thor, der später auch noch Pharmazie studierte. Und so reifte in beiden die Idee, Anti-Aging-Produkte zur Marktreife zu bringen.

Im Mittelpunkt steht das in den Zellen vorhandene Protein Hypoxia Inducable Factor (HIF), das für die Erneuerung des Gewebes verantwortlich ist. Der sogenannte HIF-Signalweg ermöglicht es gesunder Haut, sich quasi selbst zu heilen. Alter und Stress lösen aber eine biochemische Veränderung von HIF aus. Das Protein wird vom Körper nicht mehr erkannt und abgebaut. „Die Zellregeneration kommt zum Erliegen und sichtbare Alterszeichen unserer Haut und Haare entstehen“, dozieren sie bei Tomorrowlabs.

Für Forschungen rund um das Thema HIF-Signalweg wurde im vergangenen Jahr sogar ein Medizin-Nobelpreis vergeben. Die US-Amerikaner William G. Kaelin jr. und Gregg L. Semenza sowie der Brite Peter J. Ratcliffe wurden für ihre Arbeiten über die Regenerationsmechanismen von Zellen ausgezeichnet. Die Erkenntnisse könnten zum Beispiel zu neuen Krebstherapien führen.

Tomorrowlabs hat nun einen Faktor namens HSF entwickelt, der das HIF-Protein vor der Veränderung durch Sauerstoff und Enzyme schützen soll. „Der Körper kann sich selbst regenerieren, Haut‧alterung und Haarverlust werden wirkungsvoll bekämpft“, verspricht das Unternehmen. Die Folgen seien „weniger Falten und eine verjüngte Haarstruktur“.

Pflege made in Germany boomt

Das indes versprechen viele: Das Terrain wird von Riesen wie L’Oréal, Procter & Gamble oder Beiersdorf beherrscht. Der globale Markt ist hart umkämpft. Die Zielgruppe der über 50-Jährigen, die auf die ewige oder zumindest verlängerte Jugend hoffen, gilt als ebenso zahlungskräftig wie -willig. Laut der US-Marktforschungsfirma Lucintel dürfte der weltweite Markt für Anti-Aging-Produkte bis 2023 um jährlich im Schnitt knapp sechs Prozent auf 66 Milliarden Dollar steigen.
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Mit der Lebenserwartung der Menschheit steigen die Geschäftschancen, wobei die Anbieter auf die unterschiedlichsten Technologien und Rezepte setzen. So hat Beiersdorf zum Beispiel Nivea-Produkte entwickelt, die Hyaluron mit „innovativen Kollagen-Booster-Perlen“ kombiniert. Auf diese Weise sollen die Gesichtskonturen von innen heraus aufgepolstert werden. Auch Vitamine und Antioxidantien kommen häufig zum Einsatz.

„Tomorrowlabs passt genau in das aktuell boomende Segment der sogenannten ‚Doctor Brands‘, denen auch im Ausland unter ‚G-Beauty‘ bereits ein immenses Potenzial prophezeit wird“, sagt Douglas-Chefin Müller, die man hier vielleicht kurz übersetzen darf: Mit „Doctor Brands“ meint sie all jene Marken, die von einem echten Mediziner entwickelt oder wenigstens präsentiert werden. Und das „G“ vor der Beauty steht für „Germany“, weil dort in den vergangenen Jahren einige der erfolgreichsten dieser „Doctor Brands“ entstanden sind.

Da gibt es nicht nur „Dr. Hauschka“, sondern etwa auch „Dr. Barbara Sturm“ (eine gelernte deutsche Orthopädin), die von Düsseldorf aus sogar Hollywood eroberte. Oder „Dr. Susanne von Schmiedeberg“. Oder „Doctor Duve“ von einem gleichnamigen Münchener Dermatologen oder „Royal Fern“ von Dr. Timm Golüke aus München. Oder „The Cream“ unter dem Label „Augustinus Bader“ des gleichnamigen Stammzellforschers. Oder, oder, oder …

Von der Kooperation erhoffen sich alle Beteiligten Millionenumsätze.

Foto: German Select/Getty Images

Gern werden die Cremes und Gels in minimalistischen Schächtelchen präsentiert, die an die kühle Eleganz von Jil Sander oder den Bauhaus-Purismus erinnern. Was die Marken außerdem gemeinsam haben: Sie stammen aus dem deutschsprachigen Raum, was offenbar im Rest der Welt mehr denn je für Verlässlichkeit und wissenschaftliche Effizienz steht. Und sie vermitteln die Vertrautheit medizinischer Expertise, können somit entsprechend teuer verkauft werden.

Das gilt auch für die Produkte von Tomorrowlabs: Den „Eyelash Booster“ (4 ml) gibt’s für 80 Euro, der „Overnight Activator“ (50 ml) schlägt schon mit 167 Euro zu Buche. Das alles ist übrigens noch gar nichts gegen die Pflegeserie DNA4You, die damit wirbt, dass man nach einem Gentest der eigenen „Haut-Veranlagung“ quasi maßgeschneiderte Präparate bekommt. Kostenpunkt fürs Basispaket (100 ml) bei Douglas: 949 Euro. Da geht also was.

„Der Markt der Hauptpflege ist generell sehr interessant geworden“, sekundiert Investor Dibelius. Während das Parfümgeschäft durch Graumarktware, Onlineplattformen und hohe Rabatte bedroht werde, sei, sei die Hautpflege ein stark wachsender Bereich. Sein Fazit: „Da kommt man nur mit einer Premiumstrategie weiter.“

Das Gründerduo Duscher und Thor ist sicher, sich mit seinen Doktor-Spielen von der Konkurrenz absetzen zu können: „Wenn einer von der Regeneration der Haut erzählt, dann winken alle erst einmal ab und sagen: ,Schon wieder so ein Bullshit‘“, meint Duscher. Die Österreicher verfolgen nach eigener Einschätzung einen ganz anderen Ansatz. „Unsere Produkte sind kein Marketingversprechen“, sagt Thor, „sie kommen aus der seriösest möglichen Forschung.“

Und weiter: „Wir sind kein Kosmetikunternehmen, wir sind eine Biotechfirma.“ Die ersten Cremes wurden ja auch über Ärzte vertrieben, nicht in Drogeriemärkten. Finanziert wurde die Tomorrowlabs GmbH anfangs von Business-Angels. Unternehmer aus dem Alpenraum ließen sich von der Idee überzeugen, der Deutsch-Österreicher Hanno Bästlein von der B+C Holding zum Beispiel und Michael Pieper (Artemis), einer der erfolgreichsten Schweizer Unternehmer. „Vier Jahre später sind wir bei Douglas … der Wahnsinn“, sagt Thor.

Finanziert wurde die Tomorrowlabs GmbH anfangs von Business-Angels.

Foto: Douglas

Mit dem Quartett Ruge, Reitzle, Dibelius, Müller schoss sich das Duo in eine neue Dimension. Von der Kooperation erhoffen sich alle Beteiligten Millionenumsätze. Bislang seien sie noch die Einzigen, die den HIF-Signalweg nutzen. Duscher ist überzeugt, dass das auch so bleibt. „Wir haben uns eine kleine Patentfamilie gesichert.“

„Nachdem Wolfgang Reitzle mir Tomorrowlabs vorstellte, habe ich mir die Produkte angeschaut, mit den Gründern dahinter gesprochen und kam schnell zu der Ansicht: Das ist wissenschaftlich sauber abgesichert“, schwärmt CVC-Mann Dibelius, in seinem ersten Leben selbst als Mediziner aktiv.

„Natürlich müsste es in größeren Gruppen noch langfristig getestet werden. Aber der Ansatz ist spannend, und alle, die ich kenne, waren bislang von dem Produkt sehr angetan, auch meine Frau. Das hat Hand und Fuß im Vergleich zu vielem anderen Kram auf dem Terrain.“ Sprach’s und schickte das Ehepaar Ruge/Reitzle weiter zu Douglas-Chefin Müller.

Ist Altern heilbar?

Die zeigte sich „im ersten Moment“ etwas überrascht, als Herr Reitzle und Frau Ruge mit dem Projekt auf sie zukamen. „Wir bekommen viele Ideen für neue Produkte auf den Tisch und müssen genau prüfen: Was ist wirklich einzigartig“, so Müller. „Aber nachdem wir uns das Konzept genau angeschaut hatten, waren wir überzeugt.“ Ein Exklusivvertrag war schnell geschlossen. Gerade der Bereich Haut- und Haarpflege sei der „am stärksten wachsende Markt überhaupt“.

Thor und Duscher klapperten daraufhin die Douglas-Filialen ab, um die Verkäufer zu schulen. Einmal kam laut den beiden auch ihr neuer Co-Investor Reitzle unangemeldet vorbei und hörte sich eine zweistündige Schulung an. Wenn’s läuft, kann sich Müller „gut vorstellen“, das Projekt „auszurollen – stationär wie digital“. Wenn nicht, hat’s die Douglas-Chefin nur ein bisschen Zeit und Nerven gekostet.

An mangelndem Marketing soll das Projekt jedenfalls nicht mehr scheitern. Auch Nina Ruge, die über ein abgeschlossenes Biologie-Studium verfügt, bringt sich ein. Die TV-Frau hat schon viele Bestseller auf den Markt gebracht – über gesunde Haut, Selbstheilungskräfte, ja, sogar über die Stille.

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Nun schreibt sie mit Tomorrowlabs-Co-Gründer Duscher über „die Kraft der drei Zellkompetenzen: Erneuerung, Energieerzeugung und Entgiftung“ ein weiteres Buch. Im Sommer soll es bei Gräfe & Unzer erscheinen. Und auch wenn die Pflegeserie darin nicht erwähnt werden soll, der Titel ist Programm: „Altern wird heilbar.“

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