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GastkommentarKlimaschutz darf nicht zum Etikettenschwindel werden

Unternehmen überbieten sich gerade darin, ihre Klimaschutzmaßnahmen anzupreisen. Vertrauen schaffen sie aber nur, wenn sie belegbar CO2 einsparenAlexander Birken 17.02.2020 - 14:41 Uhr

Birken Chief Executive Officer der Otto Group mit Sitz in Hamburg.

Foto: Isadora Tast

Wer hätte das noch vor ein paar Jahren für möglich gehalten? Seit den Protesten der Generation Fridays for Future überbieten sich die Unternehmen mit öffentlich zelebrierten Klimabekenntnissen – als ginge es darum, von Greta Thunberg persönlich ins Herz geschlossen zu werden. Besonders beliebt sind dabei Versprechen wie: Klimaneutralität für 2050, 2030 oder gleich für dieses Jahr 2020 anzukündigen, gerne umwölkt mit viel PR-Grün.

Damit wir uns richtig verstehen: Als Vertreter eines Unternehmens, dem der Naturschutz seit 1986 ein Herzensanliegen und Unternehmensziel ist, begrüße ich die Proteste gegen den Klimawandel ausdrücklich. Und es freut mich, dass viele Unternehmer*innen den Weckruf zu mehr unternehmerischem Umweltschutz gehört haben.

Aber statt nur lautstark in den Chor der Klimaretter einzustimmen, müssen wir uns sowohl als Teil des Problems wie auch der Lösung wahrnehmen. Das verloren gegangene Vertrauen in uns als Erwachsene und in uns als Unternehmer*innen gewinnen wir nicht mit starken Sprüchen und vordergründigen Aktionen wieder. Vertrauen schaffen wir nur, wenn aus Reden transparentes Handeln, wenn aus klar formulierten Zielen auch messbare Taten werden.

So kann es bei der Emission von CO2 nie allein darum gehen, sich durch den Kauf von Zertifikaten quasi freizukaufen. Es mag edel, hilfreich und gut sein, wenn der eigene Klimafußabdruck durch die Aufforstung von Wäldern irgendwo auf dieser Welt gelindert wird. Das wird auch in Zukunft notwendig sein, Kompensation sollte aus meiner Sicht aber am Ende einer Kette von wertvolleren Maßnahmen stehen.

Ehrlicher Umweltschutz muss sich zum Ziel setzen, CO2 tatsächlich einzusparen. Das wird schmerzhaft. Denn es geht an die Produkte und Prozesse und ist harte Kärrnerarbeit tief im Maschinenraum des Unternehmens: Gebäudesanierung, Prozessoptimierung, E-Mobilität, um nur diese drei zu nennen.

Wenn wir den Prozess der konsequenten Einsparung aktiv angehen, erwachsen uns Wettbewerbsvorteile. Ein Beispiel aus meiner Branche: Der Onlinehandel inklusive aller Retouren hat schon heute den wissenschaftlich erwiesenen Vorteil, von den Transportemissionen her klimafreundlicher zu sein als der Einkauf in stationären Handelsgeschäften. Wenn wir dank neuer Technik die Retouren weiter senken, die Touren optimieren und die Transporte konsequent mit grünem Strom gestalten, schaffen wir weitere gute Gründe für den Onlinekauf.

Ein Weiteres: Wir müssen deutlich machen, dass wir bei der Produktion und dem Handel von Waren auch ihren inneren Wert im Blick haben. Wenn wir Produkte aus 100 Prozent nachhaltiger Baumwolle anbieten, wenn wir Produkte klimaschonend färben, wenn wir die Waren durch kluge Vorhersageverfahren vermehrt als See- statt als Luftfracht durch die Welt schicken, dann können wir uns gegenüber US-amerikanischen und chinesischen Handelsplattformen wirksam und für den Kunden sichtbar abgrenzen.

Denn eines ist aus meiner Sicht sicher: Die Haltung eines Unternehmens und einer Branche zu gesellschaftlich relevanten Fragen wird auf kurz oder lang zu ihrer „licence to operate“, zur unternehmerischen Überlebensfrage.

Ich will nicht verschweigen, dass eine konsequente und transparente Nachhaltigkeitsstrategie beharrliche Überzeugungsarbeit erfordert. Gegenüber den Kund*innen, die davon überzeugt werden müssen, dass der innere Wert einer Ware und Dienstleistung auch einen monetären Wert hat. Und gegenüber Lieferant*innen und Partner*innen, die überzeugt werden müssen, dass nachhaltiges Wirtschaften erst einmal Investitionen und später einen langen Atem erfordert.

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Ganz besondere Überzeugungsarbeit ist gegenüber den eigenen Kolleg*innen vonnöten. Auch wenn Klimaschutz durch unsere lange Tradition nachhaltigen Wirtschaftens Teil unserer DNA und wesentlicher, sinngebender Attraktor als Arbeitgeber ist. Etliche Kolleg*innen sind dennoch skeptisch, wie das derzeitige Triple an Herausforderungen gleichzeitig zu meistern ist: Digitalisierung, Kulturwandel und Klimaschutz.

Meine Antwort darauf: Ebenso wie bei der Veränderung der Unternehmenskultur kann man auch im Klimaschutz nur weiterkommen, wenn man die Kolleg*innen motiviert, selbst aktiv zu werden. Erst wenn sie spüren, dass Klimaschutz eine Sache ist, die sie selbst beeinflussen können und für die es sich auch im Unternehmen gemeinsam zu kämpfen lohnt, wird daraus ein ehrlicher Erfolg. Ganz ohne Etikettenschwindel.

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