Michael Zahn: Vor dem Dax-Aufstieg: Streitbarer Deutsche-Wohnen-Chef baut sein Lebenswerk aus
Der gebürtige Stuttgarter ist seit 2007 im Vorstand des Konzerns.
Foto: imago images / tagesspiegelErfurt. Kaum etwas kann Michael Zahn und seinen Konzern noch aufhalten: Wenn Donnerstagnacht die Entscheidung über die Auf- und Absteiger im Dax fällt, dann wird aller Voraussicht nach die Lufthansa ihren Platz unter den Dax-30-Konzernen an Deutsche Wohnen verlieren, prognostizieren Aktienanalysten.
Steigt der Berliner Wohnungsvermieter auf, dann ist das allen voran der Verdienst des Chefs Michael Zahn. Seit 2007 lenkt er nicht nur die Geschicke des Konzerns, er hat ihn maßgeblich geprägt. Als Zahn, 56, damals in den Vorstand einzog, umfasste das Portfolio gerade einmal 50.000 Wohnungen. Bis heute hat Zahn Deutsche Wohnen auf mehr als 160.000 Wohnungen und damit zum zweitgrößten deutschen Wohnungsvermieter Deutschlands aufgebaut.
Für den gebürtigen Stuttgarter wird damit eine lange und ereignisreiche Karriere in der Immobilienwirtschaft ausgezeichnet. Nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre kam er nach der Wende nach Berlin. Als Prüfer arbeitete er damals unter anderem im Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen. Später leitete er die Gehag, bevor diese zu Deutsche Wohnen stieß.
Sein Interesse für Immobilien reicht bis ins Privatleben hinein. Ihm wird ein Faible zur Architektur nachgesagt. In einem Interview bekannte er einmal, dass seine Traumimmobilie schlicht aussehe, am besten im Stile des Bauhaus-Architekten Bruno Taut.
Praktisch, wenn sich beides vermischt: Im Portfolio der Deutsche Wohnen befindet sich mit der Berliner Hufeisensiedlung eine Immobilie ebendieses Architekten. Als diese restauriert wurde, hat sich Zahn bis zur Farbgebung persönlich mit eingebracht, berichtet ein Insider.
Vonovia-Offerte 2015 abgewehrt
Investoren, Banker und Anleger schätzen die Detailarbeit des Volkswirts. Mit Zahlen und ihren Herren kennt er sich aus. 2009, in einer nervösen Phase kurz nach der Finanzkrise, setzt er eine Kapitalerhöhung durch und überzeugte „trotz seines damals schlechten Englisch“ internationale Investoren, um die Grundlage für das Wachstum des Unternehmens zu schaffen, erinnert sich ein langjähriger Wegbegleiter.
Viel wurde in den vergangenen Wochen über einen erneuten Übernahmeversuch debattiert, diesmal auf freundlicher Basis. Der Aufstieg in den Dax ändere zwar nichts an den grundsätzlichen Vorzeichen, dass die große Vonovia hier die kleinere Deutsche Wohnen übernähme. Doch die Tatsache, dass sich nun zwei Dax-Unternehmen gegenüberstehen, könnte die unternehmerische Eigenständigkeit eher weiter fördern, vermutet ein Banker.
Bekannte Kommunikationsprobleme
Zahn ist ein Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt. Auf Fragen plaudert er nicht wild drauf los. Und doch fand er lange Zeit keinen klaren Kurs in einer öffentlich aufgeheizten Debatte, in deren Zentrum Deutsche Wohnen und Zahn als Person stehen. Lange Zeit ignorierte er die Berliner Bürgerinitiative „Deutsche Wohnen enteignen“.
Weder er noch sein Unternehmen wollten sich öffentlich äußern. Die Strategie des Aussitzens ging nicht auf. Die Initiative sammelte mehr als 70.000 Unterschriften. Großdemos in Berlin entfalteten eine große öffentliche Wirkung – und das Feindbild Nummer eins blieb weitgehend still.
Wenn sich Zahn dann doch zu einem Kommentar hinreißen ließ, dann wurde er deutlich: Eine „völlig irre“ Diskussion sei die Enteignung. Klar lehnt er auch den Mietendeckel ab: Er führe zu Chaos, Investoren würden verunsichert, der Wohnungsmangel in Berlin würde damit nicht behoben.
Schon bei der Mietpreisbremse zeigte er klare Kante: Den Berliner Mietspiegel, der als Grundlage für die Bremse fungiert, kritisierte er mehrfach öffentlich. Er spricht sich zwar für einen Mietendeckel aus, dieser müsse aber bundesweit einheitlich bestimmt werden.
Bei Investoren konnte er mit seinen Ausführungen punkten, bei der Mieterschaft nicht. „Mit Kommunikation hat er‘s nicht so“, sagt einer aus der Wohnungswirtschaft. Die vielen politischen Unsicherheiten rund um den Berliner Wohnungsmarkt verunsichern auch die Investoren: Nachdem sich der Mietendeckel abzeichnete, brach der Aktienkurs ein.
Mieterbund kritisiert Dax-Aufstieg
Dabei hat das Unternehmen vor gut einem Jahr kommunikativ eine Kehrtwende vollzogen. Zahn räumte Fehler ein, plädierte plötzlich für ein „Solidarmodell“ von Politik, Vermietern und Mietern. Seinen Mietern hat er ein Versprechen gegeben: Nach Mieterhöhungen sollen sie nicht mehr als 30 Prozent ihres Nettohaushaltskommens für die Miete zahlen. Mindestens jede vierte neu vermietete Wohnung soll an einen Haushalt gehen, der Anspruch auf eine geförderte Wohnung hat.
Überzeugt hat das die Mietervertreter offenbar nicht: Der Mieterbund befürchtet, dass mit dem Dax-Aufstieg das Investoreninteresse noch stärker in den Fokus rückt und der „Druck zu Mietsteigerungen“ wachse. Für Mieter sei der Aufstieg kein Grund zur Freude.
Dabei sei der Dax-Aufstieg gar kein festes Ziel für Zahn, berichtet einer, der ihn schon lange kennt. Der Ökonom habe stets das operative Geschäft im Blick gehabt. Die Börsenliga sei für ihn immer zweitrangig gewesen. Und doch steht der Dax-Aufstieg nun wie eine Auszeichnung für sein Lebenswerk.