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InsolvenzplanGaleria Karstadt Kaufhof fordert Milliardenverzicht von den Gläubigern

Die Gläubiger sollen rund zwei Milliarden Euro abschreiben. Trotzdem dürften sie dem Insolvenzplan wohl zustimmen – sonst wäre der Schaden noch größer.Florian Kolf 19.08.2020 - 15:15 Uhr

Der Insolvenzplan verspricht eine baldige wirtschaftliche Genesung des Unternehmens.

Foto: dpa

Düsseldorf. Am Dienstag, dem 1. September, um 10 Uhr schlägt für Galeria Karstadt Kaufhof die Stunde der Wahrheit. Dann treten die Vorstände Miguel Müllenbach und Guido Mager und der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz in den Räumen der Messe Essen am Messeplatz 1 vor den siebenköpfigen Gläubigerausschuss.

Im Grunde gibt es bei diesem Treffen nur eine wirklich wichtige Entscheidung: Nehmen die Vertreter der Gläubiger den Insolvenzplan, den die Geschäftsführung am 1. Juli beim Amtsgericht Essen eingereicht hat, an? Oder lehnen sie ihn ab und besiegeln damit die Schließung des Unternehmens?

Die Mitglieder des Gläubigerausschusses, darunter der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Ettl, ein Vertreter der Zurich-Versicherung, eine Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit und Vertreter der Lieferanten und Vermieter, haben letztlich aber nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Lehnen sie den Plan ab, gehen die Gläubiger praktisch leer aus. Doch auch wenn sie der Fortführung des Unternehmens zustimmen, müssen sie auf mehr als zwei Milliarden Euro an Forderungen verzichten.

Das zeigt der Insolvenzplan, dessen 40-seitige Zusammenfassung dem Handelsblatt vorliegt. Die penible Auflistung des finanziellen Desasters, die weitgehend die Handschrift des Insolvenzexperten Geiwitz trägt, hat letztlich nur ein Ziel: Die Gläubiger davon zu überzeugen, dass es wenig zu holen gibt. Und dass der Schaden noch am geringsten ist, wenn sie dem Management freie Hand geben.

Detailliert werden im Insolvenzplan zwei Szenarien dargelegt: die Schließung und die Fortführung des Unternehmens. Kurz erwähnt wird auch noch ein möglicher Verkauf des Unternehmens. Doch dass dieser völlig unrealistisch wäre und deshalb nicht weiterverfolgt wird, darüber hatte sich der Gläubigerausschuss bereits bei seiner Sitzung am 14. Mai geeinigt.

In welch prekärer Lage das Unternehmen ist, das in diesem Jahr nach eigenen Angaben voraussichtlich einen Verlust von einer Milliarde Euro machen dürfte, zeigt insbesondere das Schließungsszenario. Das Management rechnet dort vor, dass bei einer Beendigung des Geschäftsbetriebs zwar noch eine freie Masse in Höhe von 421,2 Millionen Euro vorhanden wäre, dem aber Masseverbindlichkeiten von 662,8 Millionen Euro gegenüberständen. Darunter versteht man die Forderungen, die direkt abgezogen werden müssen, bevor andere Gläubiger bedient werden.

Die übrigen Forderungen würden sich in dem Fall auf 2,8 Milliarden Euro belaufen. Lapidares Fazit des Berichts: „Aus dem Verhältnis der verteilungsfreien freien Masse und den quotenberechtigten Forderungen ergäbe sich im Schließungsszenario eine geschätzte Insolvenzquote von null Prozent.“

Das hat auch damit zu tun, dass Eigentümer René Benko sorgfältig darauf geachtet hat, dass alle von Karstadt und Kaufhof genutzten Immobilien, die seiner Signa-Holding gehören, in separaten Gesellschaften gehalten werden, darunter auch die Häuser, die er 2018 dem damaligen Kaufhof-Eigner Hudson’s Bay Company mitabgekauft hatte. 17 Warenhäuser hat er jüngst bereits für geschätzte 700 Millionen Euro an den Finanzinvestor Apollo weitergereicht.

Rasche wirtschaftliche Genesung geplant

Schmackhafter gemacht werden soll den Gläubigern das sogenannte „Planszenario“, also die Fortführung des Unternehmens. Weil in dem Fall weniger Vermietern und Mitarbeitern gekündigt werden müsste, kommt der Insolvenzplan hier nur auf quotenberechtigte Forderungen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro.

Aber selbst in diesem Fall bietet das Unternehmen den Gläubigern insgesamt nur Zahlungen in Höhe von 100 Millionen Euro an – eine Insolvenzquote von rechnerisch 4,55 Prozent. Die erste Hälfte davon würde fünf Monate nach Beendigung des Insolvenzverfahrens fließen, die andere Hälfte Ende kommenden Jahres. Dazu kommen noch 370 Millionen Euro zur Begleichung sogenannter Aus- und Absonderungsrechte außerhalb des Insolvenzverfahrens, also für Gläubiger, denen besondere Sicherungsrechte zustehen.

Um überhaupt nur diese geringe Kompensation möglich zu machen, müsste auch der Eigentümer René Benko erneut einspringen. Nach der Corona-bedingten Schließung der Warenhäuser hatte er bereits 162 Millionen zugeschossen. Wird der Insolvenzplan angenommen, stellt er über seine Signa-Holding weitere 366 Millionen Euro bereit.

Die Großzügigkeit des Eigentümers kennt Grenzen.

Foto: dpa

Doch auch die Großzügigkeit des Eigentümers kennt Grenzen: Nur 200 Millionen Euro davon wären direkte Zahlungen. 125 Millionen Euro flössen als Massekredit, der irgendwann zurückgezahlt werden müsste. Der Rest käme aus der Übernahme von Schulden der Tochter Karstadt Sports und dem Verzicht auf Forderungen aus einem früheren Ergebnisabführungsvertrag.

Zugleich verspricht der Insolvenzplan eine baldige wirtschaftliche Genesung des Unternehmens – wenn die Gläubiger nur großzügig genug verzichten. So sehe das Sanierungskonzept „Galeria 2.0“ vor, bis 2022/23 einen operativen Gewinn von 188 Millionen Euro (Ebitda) zu erwirtschaften, was einer Ebitda-Marge von fünf Prozent entspräche.

Auch wenn noch nicht klar ist, wie sich die wirtschaftliche Gesamtlage in Deutschland angesichts der sich wieder verschärfenden Pandemielage entwickelt, zeigt sich das Management optimistisch. „Durch die verbesserte wirtschaftliche Situation werden zukünftig Investitionen aus eigener Kraft ermöglicht, sodass über fünf Jahre circa 650 Millionen Euro in die Neuausrichtung investiert werden können“, heißt es im Insolvenzplan weiter.

Möglich werden soll das alles durch dramatische Einschnitte. Bereits bekannt ist, dass knapp 50 der 171 Warenhäuser geschlossen werden sollen. Ursprünglich stand sogar eine Zahl von bis zu 80 im Raum, was aber durch großzügigen Mietverzicht von Vermietern reduziert wurde. Doch auch so verlieren Tausende Mitarbeiter ihren Job – und viele Städte ein wichtiges Zentrum für die Nahversorgung.

„Wir zweifeln daran, dass das Management alles unternommen hat, um möglichst viele Filialen zu retten“, hatte der Leiter der Verdi-Bundesfachgruppe Handel, Orhan Akman, jüngst noch gesagt. Und er kritisierte, die Firmenleitung lege die Kriterien für die Schließung von Häusern nach wie vor nicht offen.

Kahlschlag auch in der Logistik

Das zumindest tut jetzt der Insolvenzplan. Dort heißt es, es wären Filialschließungen in Erwägung gezogen worden, wenn eine Filiale nicht mindestens fünf Prozent Ebitda-Marge erreiche, sich die „strategische Perspektive von Standorten als ungünstig erweist“ oder ein Standort aufgrund sonstiger Sonderfaktoren wie etwa Doppelstandorte „als nicht zukunftsfähig eingestuft“ werde. Damit konnten selbst Häuser, die aktuell schwarze Zahlen schrieben, auf die Streichliste geraten.

Besonders bitter ist das, wenn man sich die ehrgeizigen Pläne in Erinnerung ruft, mit denen Eigentümer René Benko die Fusion von Karstadt und Kaufhof begleitet hatte. „Es wird nicht zu Massenschließungen kommen“, sagte er im Oktober 2018 im Interview mit dem Handelsblatt. „Natürlich müssen wir sanieren, aber wir werden wie bisher um jede Filiale kämpfen und versuchen, sie in die schwarzen Zahlen zu führen“, versprach der österreichische Milliardär.

Der Standort steht wie fast 50 weitere Häuser des Unternehmens auf der Streichliste.

Foto: imago images/Jochen Tack

„Wir sind vom Warenhaus als solchem zutiefst überzeugt“, erklärte Benko „Die Innenstädte haben eine goldene Zukunft, glauben Sie mir.“ Solche Sätze müssen heute in den Ohren vieler Bürgermeister, in deren Städte Häuser von Karstadt und Kaufhof schließen, wie Hohn klingen.

Dabei ist die Schließung von Warenhäusern noch lange nicht alles. Weniger im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht der Kahlschlag in der eigenen Logistik. Hat Galeria bisher sieben Distributionscenter (DC), sei „zukünftig eine Bündelung auf nur noch zwei DC-Standorte möglich“, heißt es im Insolvenzplan. Die Standorte Dietzenbach, Erfurt, Frechen und Neuss-Norf sollen danach im Rahmen des Insolvenzverfahrens schon zum 30.September 2020 gekündigt werden.

Noch eine Galgenfrist erhält das Verteilzentrum in Köln-Porz. Doch auch das sei „voraussichtlich ab 30. September 2021 für die logistische Versorgung der Schuldnerin obsolet“, heißt es im Insolvenzplan. Das Unternehmen will jetzt versuchen, dort profitables Drittgeschäft zu entwickeln. Sollte das nicht möglich sein, werde auch dieser Standort geschlossen.

Sollten die Sanierungsmaßnahmen wie geplant durchgezogen werden, erhofft sich das Management insgesamt einen Ergebniseffekt (Ebitda) in einer Größenordnung von bis zu 467 Millionen Euro bis zum Jahr 2022/23. Rund 163 Millionen davon sollen bereits im laufenden Geschäftsjahr wirksam werden, heißt es.

Wenn die Gläubiger Anfang September wie erwartet sich dem Forderungsverzicht beugen und den Insolvenzplan absegnen, könnte das Insolvenzverfahren am 30. September aufgehoben werden – genau ein halbes Jahr, nachdem der Warenhauskonzern mitten in der Corona-bedingten Geschäftsschließung die Eröffnung des Schutzschirmverfahrens beantragt hatte. Für den Sanierungsexperten Geiwitz wäre das ein Meisterstück.

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Für die Geschäftsführer Müllenbach und Mager dagegen finge dann die eigentliche Arbeit erst an. Denn sie müssen ein traditionelles Handelsunternehmen, das heute gerade mal einen Onlineanteil von 4,3 Prozent am Umsatz hat, in ein „Omnichannel-Unternehmen mit nahtlosem Zusammenspiel von Online- und Offlinekanälen transformieren“, wie sie im Insolvenzplan vollmundig versprechen.

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