Aktienmarkt: Delivery Hero steigt in den Dax auf
Schon ab nächster Woche darf sich die Firma mit dem Titel Dax-Unternehmen schmücken.
Foto: ReutersFrankfurt. Jetzt steht es endgültig fest: Der Berliner Essenslieferdienst Delivery Hero ersetzt das Skandalunternehmen Wirecard im wichtigsten deutschen Börsenindex Dax-30. Das entschied die Deutsche Börse am Mittwochabend in Frankfurt am Main. Der Aufstieg in den Dax erfolgt demnach bereits am 24. August. Die deutsche Hauptstadt beherbergt damit nach dem Immobilienkonzern Deutsche Wohnen einen zweiten Konzern, der in Deutschlands erster Börsenliga notiert.
Ursprünglich wäre die Ablösung von Wirecard erst im September erfolgt. Doch angesichts des Fiaskos des Aschheimer Unternehmens, das als erster Dax-Konzern in die Insolvenz rutschte, hatte die Deutsche Börse ihre Regeln für den Dax vergangene Woche angepasst und so einen früheren Rauswurf von Wirecard ermöglicht. Demnach werden Firmen, die Insolvenz anmelden müssen, künftig innerhalb kürzester Zeit nicht nur aus dem Dax, sondern gleich aus allen Indizes fliegen. Wirecard muss deshalb auch den TechDax verlassen.
Delivery Hero setzte sich als Kandidat für den Aufstieg in den Index der 30 Börsenschwergewichte gegen den Duftstoff- und Aromenhersteller Symrise aus Holzminden sowie das Biotech-Unternehmen Qiagen durch, die ebenfalls als Aufstiegskandidaten gehandelt wurden.
Doch bei den entscheidenden Ziffern lagen die Berliner besser. Die Aufnahme in das Vorzeigesegment der Börse erfolgt nämlich vor allem nach zwei wichtigen Kriterien: der Free Float-Marktkapitalisierung und dem Börsenumsatz. Grundsätzlich sollte der Aufsteiger in beiden Kategorien Rang 35 oder besser belegen. Im Mdax, dem Index der mittelgroßen Werte, rückt nun für Delivery Hero der Spezialmaschinenbauer für die Chipindustrie Aixtron nach.
Die Deutsche Börse hatte nach Kritik am Umgang mit dem in einen Bilanzskandal verstrickten und insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard eine Überarbeitung des Regelwerks für den Aktienindex Dax angekündigt. Bislang musste ein Unternehmen nur im Fall einer Abwicklung oder einer Abweisung des Antrags auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse „umgehend“ aus einem Auswahlindex herausgenommen werden. Wirecard hatte erst im September 2018 den Platz der Commerzbank im Dax übernommen. Doch inzwischen stellte sich heraus, dass der Erfolg der Aschheimer vor allem auf Schwindel und Betrug basierte.
Mit Delivery Hero rückt nun ein für den Dax ungewöhnliches Unternehmen in den wichtigsten deutschen Index. So wächst der Essenslieferant seit Jahren rasant, unterhält hierzulande aber gar kein Deutschlandgeschäft mehr. Der Lieferdienst betreibt zwar in mehr als 40 Ländern Bestellplattformen für Essen lokaler Anbieter und beschäftigt 25.000 Mitarbeiter, davon rund 1300 in Berlin.
Doch im vergangenen Jahr verkauften die Verantwortlichen das gesamte einheimische Geschäft an den niederländischen Konkurrenten Takeaway. Dieser gliederte die Marken Pizza.de, Lieferheld und Foodora in seine eigene Plattform Lieferando ein und dominiert seither den Markt in Deutschland.
Hohes Wachstum
Dem Wachstum der Berliner tut dies jedoch keinen Abbruch. Das Geschäft mit dem Bestellen von Mahlzeiten im Internet läuft so gut, dass die Berliner jüngst sogar die Jahresprognose anhoben. Das Unternehmen rechnet nun mit einem Umsatz von 2,6 bis 2,8 Milliarden Euro. Bisher waren Erlöse von 2,4 bis 2,6 Milliarden Euro angepeilt gewesen. Die Firma investiert weiter kräftig in Märkte im Nahen Osten sowie in Nordafrika.
Im vergangenen Jahr kam mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes aus diesen Regionen. Auch in Asien ist Delivery Hero stark. In Europa ist der Konzern hingegen fast ausschließlich in nord- und osteuropäischen Ländern aktiv. Im Westen sieht Konzernchef Niklas Östberg zu wenig Wachstumspotenzial.
Doch der Wachstumsmodus sorgt dafür, dass die Firma operativ noch in den roten Zahlen steckt. Gewinne macht die Firma bisher keine – und hat auch keine Vorstellung, wann dieser Zeitpunkt erreicht sein wird. Wie es in den nächsten Jahren weitgehen soll, verriet Östberg allerdings im Handelsblatt Podcast Today diese Woche. Zumindest in Europa schaffte es die Firma demnach, dieses Jahr profitabel zu werden.
Der Jubel über den Einzug der Berliner in die erste deutsche Börsenliga hält sich bei einigen Fachleuten dennoch in Grenzen. Der Ex-DWS-Chef und Corporate Governance-Experte Christian Strenger befürchtet, dass sich der Dax mit den Berlinern den nächsten potenziellen Problemfall ins Haus holen könnte. Delivery Hero verfüge zwar über ein funktionierendes Geschäftsmodell und beeindruckendes Wachstum, werde aber noch geraume Zeit Verluste einfahren, moniert Strenger.
Am meisten beunruhigen Strenger aber die Schwachstellen in der Corporate Governance des einstigen Startups, das nur zwei Vorstände und sechs Aufsichtsräte beschäftigt. Für den Dax, so Strengers strenges Verdikt, sei das noch junge Unternehmen einfach noch nicht reif genug.
Gegründet wurde Delivery Hero im Jahr 2011 als GmbH. Auf seiner Plattform vermittelt der Konzern Lieferdienste zwischen Restaurants und deren Kunden. Nach wie vor stammt das meiste Geld aus Provisionen, die die teilnehmenden Restaurants bezahlen, um dafür mehr Reichweite und Bekanntheit zu erlangen. Allerdings betreibt Delivery Hero auch eigene Lieferdienste und Großküchen.
Erst 2017 ging der Konzern an die Börse. Die Umsätze steigen seit Jahren massiv. Allein für das laufende Jahr rechnet Delivery Hero mit Erlösen zwischen 2,6 und 2,8 Milliarden Euro – trotz Corona. Das Unternehmen gilt als ein Gewinner der Krise. Diese Entwicklung spiegelt auch der Aktienkurs wider. Der geriet im Sog des Corona-Börsencrashs seit Februar zwar zunächst unter Druck, erholte sich aber schnell und stieg auf Rekordhöhe. Seit dem März-Tief bei rund 50 Euro hat sich der Wert der Papiere bereits verdoppelt.
Was Analysten meinen
Die meisten Bankexperten sind von dem Unternehmen weiter überzeugt. Das Geschäftsmodell sei reif für den Dax, gab Michael Muders, Fondsmanager von Union Investment, bereits kund. Die Deutsche Bank hob jüngst das Kursziel für Delivery Hero nach den Halbjahreszahlen von 90 auf 120 Euro an und beließ die Einstufung auf „Buy“.
Die starke Bilanz habe gezeigt, dass das Geschäft des Essensauslieferers von den gelockerten Corona-Beschränkungen profitiere, schrieb Analystin Silvia Cuneo in einer Branchenstudie. Die Bankexperten schauen überwiegend positiv auf das Papier. Insgesamt raten dreizehn Analysten zum Kauf, drei zum Halten – aber niemand zum Verkaufen.
In kurzer Zeit sortiert sich der wichtigste deutsche Börsenindex damit neu. Erst im Juni war mit dem Berliner Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen ein neuer Titel in die Beletage der Börse eingezogen. Nun steht mit Delivery Hero bereits die nächsten Firma vor dem Sprung dorthin.
Für den Nachfolger bedeutet ein Aufstieg nicht nur mehr Sichtbarkeit und ein höheres Prestige. Es könnte für dessen Anleger auch ein lohnendes Geschäft sein. Denn zahlreiche Indexfonds bilden die Zusammensetzung des Dax-30 nach. Häufig haben sich institutionelle Investoren und Fondsmanager aber schon vor der Entscheidung entsprechend positioniert.