Interview: Rhetorik-Coach zum Fernduell in den USA: „Trump kann nicht aus seiner Haut“
Der Präsidentschaftskandidat Joe Biden nimmt seine Nominierung per Videolink entgegen.
Foto: AFPDie beiden Kandidaten für die US-amerikanische Präsidentschaft gelten nicht als glänzende Rhetoriker.
Durch die Corona-Pandemie ist ihnen nun auch noch das Publikum auf den Parteitagen abhanden gekommen, was es Joe Biden und Donald Trump noch schwerer macht, ihre jeweiligen Anhänger zu mobilisieren.
Der Rhetorik-Coach Stefan Wachtel hat die Reden der beiden US-Politiker beobachtet und sieht bei ihnen Stärken und Schwächen.
Während Trump mit pointierten Sätzen schlagfertig auftritt, punktet Biden mit einfühlsamen Worten.
Herr Wachtel, der amerikanische Präsidentschaftskandidat Joe Biden hält heute Abend auf dem Parteitag der Demokraten die bislang wichtigste Rede seines Lebens – ganz ohne Publikum, Konfetti und Luftballons. Wie kann er dennoch seine Wähler mobilisieren?
Zunächst haben beide Kandidaten durch die neuen Übertragungstechnologien viel mehr Möglichkeiten, die Massen zu erreichen. Ansonsten haben sich die Bedingungen für Redner, die Herzen und Hirne ihrer Anhänger zu erreichen, durch die von der Corona-Pandemie erzwungenen Online-Auftritte deutlich verschlechtert.
Worauf müssen Biden und Trump achten?
Wie bei jeder Rede geht es darum, Nähe zum Publikum zu erzeugen, große und bewegende Themen anzusprechen sowie auf den Punkt zu kommen.
Wie kann man Nähe herstellen, wenn niemand live dabei ist?
Die Worte, die Stimme und die Mimik werden noch wichtiger. Biden und Trump können ihre Zuhörer nur durch Worte erreichen und berühren. Konkret heißt das, sie müssen noch mehr die Gefühle ansprechen, noch einprägsamer formulieren, noch mehr verbale Empathie ausstrahlen. Vor allem aber muss man mit sogenannten Zielsätzen auf den Punkt kommen. Und hier hat Trump einen leichten Vorteil.
Warum?
Trump benutzt in seinen Reden und seinen Tweets immer eine einprägsame Formulierung wie „Das ist schlecht für Amerika“ oder „verschlafener Joe“. Biden formuliert dagegen weicher und wirkt nicht so schlagkräftig.
Michelle Obama hat es vorgemacht
An wem sollte Biden sich orientieren?
Die Rede von Michelle Obama am Anfang der Woche war vorbildhaft. Sie hat ihre Worte sehr überlegt, aber auch sehr einfühlsam gewählt. Das war hervorragend komponiert.
Wie authentisch können Biden und Trump sein, wenn sie ihre Wähler nur online erreichen?
Der Trick ist, seine Rolle überzeugend auszufüllen. Biden der Herausforderer, Trump der Präsident. Das fällt Trump viel schwerer als Biden. Der US-Präsident kann einfach nicht aus seiner Haut. Seine Authentizität wird also zum Nachteil.
Ein guter Redner muss seinem Publikum etwas vormachen?
Nein, ein guter Redner muss so sein, wie er ist – aber noch zwei oder drei Dinge besser machen. Er muss authentisch sein, dabei aber auch seine Rolle ausfüllen. Trump fehlt die Einfühlsamkeit und die Geduld, anderen zuzuhören – alles Dinge, die man eher mit einer weiblichen Rhetorik verbindet. Biden kann das, muss aber in der Auseinandersetzung mit Trump noch kantiger werden. Trump fällt hingegen aus seiner präsidialen Rolle heraus, ihm fehlt die Souveränität des Titelverteidigers.
Was kann Biden besser machen?
Seine Sätze müssen kürzer und pointierter werden, seine Themen gewichtiger. Gerade vom Herausforderer erwartet man ein entschlossenes Auftreten. Einiges davon hat er bereits umgesetzt. Aber er muss sich beeilen.
In Deutschland wird im nächsten Jahr gewählt. Was können deutsche Politiker von dem Online-Wahlkampf in den USA lernen?
Auch die deutschen Politiker müssen mehr auf die Wirkung ihrer Reden achten und weniger als Welterklärer oder Rechthaber auftreten. Merkel ist ein seltener Glücksfall. Sie ist zwar keine große Rhetorikerin, aber keiner vereinigt Authentizität und Rolle so wie die Kanzlerin: Sie ist nicht Angela, sie ist Deutschland.
Herr Wachtel, vielen Dank für das Interview.
Hinweis: Stefan Wachtel ist Rhetorik-Coach in Frankfurt und berät auch das Handelsblatt.