Homo oeconomicus: Kurzarbeit ist eine Machtfrage in der Sozialen Marktwirtschaft
Sebastian Dullien ist Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung.
Foto: imago images/photothekAuf den ersten Blick verwundert die Heftigkeit des Streits um die Verlängerung der Kurzarbeit. Die Kosten der verlängerten Kurzarbeit machen mit einem einstelligen Milliardenbetrag nur einen Bruchteil der Rettungspakete aus. Auch steht die empirische Belastbarkeit geäußerter Thesen in krassem Missverhältnis zur Vehemenz der Debatte.
Nichts deutet etwa empirisch darauf hin, dass Kurzarbeit die Arbeitsplatzmobilität ausbremst. Tatsächlich wechseln mehr Menschen im Boom ihren Job als in der Krise. Und mehr Menschen wechseln von einer Beschäftigung in die nächste, ohne vorher arbeitslos zu werden. Von daher verbessert eine Konjunkturstützung zunächst einmal die Arbeitsmobilität.
Strukturwandel erfordert empirisch auch nicht die vorherige Pleite von Firmen. Apple hat mit seinen Smartphones den Handy-Markt revolutioniert, ohne dass ein vorheriges Scheitern der traditionellen Hersteller notwendig war. Die Anbieter, die sich nicht anpassten, sind erst später vom Markt verschwunden, haben aber auch Apples Innovation nicht behindert.
Dass Betriebe, die absehbar Beschäftigung abbauen müssen, zunächst über Jahre Kurzarbeit fahren, um dann erst zu entlassen, ist angesichts der bei den Firmen verbleibenden Remanenzkosten von 25 bis 30 Prozent nicht recht plausibel.
Folgen der Kurzarbeit
Warum dann die Wucht in der Debatte? Erklären kann man das nur mit weniger thematisierten langfristigen Folgen der verschiedenen Politikpfade. Wenn in der Debatte als Beispiel für die schädliche Wirkung von Kurzarbeit erklärt wird, dass Gerhard Schröder bei fünf Millionen Arbeitslosen die Hartz-Reformen umgesetzt habe, während Angela Merkel nichts reformiert habe, legt das den Verdacht nahe, dass mit Strukturwandel nicht immer nur die Dekarbonisierung und Digitalisierung der Wirtschaft gemeint ist, sondern auch ein Umbau des Sozialstaats.
Ein Abbau von Arbeitsplätzen in bestehenden Automobilkonzernen und der Aufbau neuer Werke ohne gewerkschaftliche Organisation droht zudem die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften zu verringern.
Der ein oder andere Gegner der verlängerten Kurzarbeit mag das zumindest billigend in Kauf nehmen. Und der ein oder andere Befürworter auf der Linken wird genau dies mit Blick auf die seit den 1970ern im Trend gefallene Lohnquote vermeiden wollen – und setzt auch deshalb auf Strukturwandel in bestehenden Unternehmensstrukturen statt auf Wandel durch Zerstörung.
Am Ende geht es bei der Kurzarbeit also nicht nur um ein isoliertes Instrument und seine Wirkung, sondern perspektivisch um Machtverteilung in der Sozialen Marktwirtschaft. Und das erregt verständlicherweise die Gemüter.