Asia Development Bank: Corona-Pandemie stürzt Asien in eine historische Wirtschaftskrise
Indiens Wirtschaft trifft die Coronakrise hart.
Foto: dpaTokio. Die globale Corona-Pandemie trifft Asien stärker als alle Krisen der vergangenen 50 Jahre. Die Boomregion der Welt, die selbst während der Weltfinanzkrise noch wuchs, wird 2020 erstmals seit 1963 um 0,7 Prozent schrumpfen, erklärte die Asia Development Bank in einem Update ihres Entwicklungsberichts, der die wirtschaftlichen Aussichten in Asien mit Ausnahme Japans beurteilt.
Seit dem Ausbruch der Pandemie hat die ADB damit ihre Wachstumsprognose für die Länder bereits zum zweiten Mal drastisch gesenkt. Im April erwartete die Organisation noch, dass das Wachstum nur von 5,1 Prozent im Jahr 2019 auf 2,2 Prozent abbremsen würde. Doch die Krise erfasst mehr Länder als ursprünglich gedacht.
„Drei Viertel der Volkswirtschaften der Region werden voraussichtlich schrumpfen“, erklärte ADB-Chefökonom Yasuyuki Sawada, der nach der Präsentation exklusiv mit dem Handelsblatt sprach. Nur China, Taiwan (oder im ADB-Jargon Taipei, China), Vietnam und Bangladesch werden demnach noch wachsen.
Am schlimmsten sind die Aussichten für die die vom Tourismus abhängigen Fiji-Inseln – ihnen wird ein Minus von 19,8 Prozent prophezeit. Auch Thailand leidet mit einer Voraussage von minus acht Prozent. Für Indien, das in Asien die meisten Covid-19-Fälle aufweist, korrigierte die ADB ihre Prognose seit April von plus 4 auf minus 9 Prozent. 2021 sollen allerdings alle Länder wieder wachsen und so die Wirtschaftsleistung der Region um 6,8 Prozent erhöhen.
So gering die Rezession im Vergleich zu vielen Industrieländern auch scheint, so massiv sind die Auswirkungen für Asiens entstehende Mittelklasse. „Mehr als 160 Millionen Menschen werden unter die Armutslinie fallen“, sagt Sawada voraus. Das bedeutet, dass sie weniger als 3,20 Dollar pro Tag zum Leben verdienen.
„Potenziell nützliche Staatverschuldung“
Umso wichtiger ist es für den Ökonomen, dass auch die Regierungen der Schwellenländer auf Pump mit großen Hilfsprogrammen die Massen an Mikro- und Kleinunternehmen am Leben halten. Rund 15 Prozent haben die Regierungen in ihre Volkswirtschaften injiziert, die Hälfte davon aus dem Staatshaushalt.
„Dies wird natürlich die ausstehenden Verbindlichkeiten erhöhen“, meint Sawada. „Aber ich denke, dass dies potenziell nützliche Schulden sind.“ Sobald die Gesundheitsrisiken der Pandemie deutlich reduziert seien, könnten die unterstützten Kleinunternehmen und damit die Volkswirtschaften wieder anspringen, erklärt er.
In dem Fall würde die Armut wieder rasch sinken. Die Konsolidierung der Haushalte kann dann beginnen, wenn die Region wieder zu alter Stärke zurückgekehrt ist. Überdies hätten viele Regierungen vorsichtig gewirtschaftet und daher noch Raum für Wachstum unter der Aufnahme von Schulden.
Sawada glaubt nicht, dass die Pandemie den Aufstieg Asiens dauerhaft abwürgen kann. „Der langfristige Trend verändert sich grundsätzlich nicht.“ So hat sich Asien von einem Technikimporteur zum Innovationsführer gewandelt.
Dieser Vorkrisentrend könnte durch die Pandemie sogar noch verstärkt werden, glaubt der Ökonom. Denn mit Heimarbeit, Lebensmittellieferung und Onlineschulen würde die Digitalisierung der Welt noch beschleunigt.
Die Regierungen müssten allerdings dafür sorgen, dass die Verlierer der Digitalisierung wirtschaftlich nicht abgehängt werden, fordert Sawada.
Ein großes Risiko ist und bleibt indes die Dauer der Pandemie. Bisher geht die ADB nur von einem kurzen Rückschlag aus, nachdem die Region auf ihren früheren Wachstumspfad zurückkehren wird. Verlängert sich das Geschehen jedoch, erwartet Sawada Veränderungen der regionalen Wachstumsstrukturen.
Zudem könnte das Coronavirus der Globalisierung schaden. Sollten viele Länder sich wieder auf ihre Volkswirtschaften zurückziehen, dürfte auch Asien leiden. Denn das dortige Wirtschaftswunder ist ein Produkt der Globalisierung, seitdem die Länder sich zu den Fabriken der Welt entwickelt haben.
Wer vom neuen kalten Krieg profitieren könnte
Der eskalierende Wirtschaftsstreit zwischen den USA und China ist ebenfalls ein zweischneidiges Schwert. Er kann Asien schaden. Aber teilweise können einige Länder davon profitieren, von beiden streitenden Parteien als Partner umworben und als neutraler Produktionsstandort gesucht zu werden.
Schon seit ein paar Jahren wandern Fabriken in arbeitsintensiven Sektoren aus China in andere asiatische Länder ab. Denn im Reich der Mitte steigen die Löhne. „Dieser Trend wurde durch die Spannungen nun noch beschleunigt“, beobachtet Sawada.
Bereits in der ersten Hälfte von 2019 investierten laut Sawada amerikanische und chinesische Firmen je vier Milliarden Dollar in der Region, um US-Einfuhrzölle zu umgehen. Besonders Vietnam und Bangladesch profitierten.
Vietnams Exporte in die USA expandierten um etwa 30 Prozent, hauptsächlich von Elektronikprodukten getrieben. Währenddessen sprangen in Bangladesch die Textilexporte in die Höhe.
Je mehr US-Präsident Donald Trump seine Attacken auch auf Technikunternehmen ausdehnt, desto mehr häufen sich die Reaktionen von Unternehmen. Die Lieferketten in der Technikwelt teilen sich nun stärker in deutliche Zweige – für China oder für die USA – auf.
Taiwans Smartphonehersteller, die bisher das Verbindungsglied zwischen China und der Technikwelt waren, verkaufen bereits teilweise ihre Fabriken in China an chinesische Unternehmen und investieren in Indien oder anderen Ländern.
Doch als Auslöser für einen Wachstumsschub ist der Trend wohl zu schwach. Sawada jedenfalls warnt, dass „die Auswirkungen recht begrenzt sind“. Selbst beim bisher stärksten Nutznießer, Vietnam, würde dieser Trend maximal zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. In anderen Ländern wären es meist weniger als ein Prozent.