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  4. Michael Meyer-Hermann: Grenzgänger in der Pandemie-Forschung

WissenschaftlerImmunologe Meyer-Hermann erklärte den Politikern den Ernst der Corona-Lage

Schon früh warnte der Wissenschaftler vor der verhängnisvollen Dynamik der Pandemie. Den dringlichen Appell wiederholte Meyer-Hermann bei der Ministerpräsidentenkonferenz.Barbara Gillmann 15.10.2020 - 16:30 Uhr Artikel anhören

Im Kampf gegen Covid-19 schlug er früh die Brücke zur Ökonomie.

Foto: AFP/Getty Images

Berlin. Wer? Michael Meyer-Hermann? Die Kanzlerin hatte den Braunschweiger Forscher zu ihrem Treffen mit den Ministerpräsidenten geladen, auf dass er ihnen den Ernst der Corona-Lage erkläre. Er ist Physiker wie Angela Merkel und warnte eindringlich: „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf, um das Schiff noch zu drehen“ – eine Formulierung, die der bayerische Ministerpräsident Markus Söder prompt übernahm. 

Deutschland stehe wieder an der Schwelle zum exponentiellen Wachstum der Fallzahlen und damit zum Kontrollverlust, warnte der Leiter der Abteilung System Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, wo auch die diesjährige Chemie-Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier tätig war.

Meyer-Hermann redete den Politikern daher ins Gewissen: Sie müssten an der Maskenpflicht festhalten, strikt Bußgelder verhängen und dürften die Quarantänezeit nicht verkürzen. Sein Vorschlag eines Ausreiseverbots für Menschen aus Risikogebieten stieß allerdings auf viel Skepsis. 

Den meisten Deutschen ist Meyer-Hermann noch unbekannt. Dabei mahnte der Wissenschaftler, der auch Mathematik und Philosophie studiert hat, schon Mitte April bei Anne Wills Talkrunde – am Tag bevor Sachsen als erstes Land eine Maskenpflicht in Nahverkehr und Einzelhandel verhängte – vor der verhängnisvollen Dynamik der Pandemie. „Die Kanzlerin hat verdammt recht, der Spielraum ist verdammt klein“, sagte er auf dem Höhepunkt der ersten Welle.

Bei Maybrit Illner dann wies er Boris Palmer zurecht: „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“, hatte der Grüne schwadroniert. „Nein“, konterte Meyer-Hermann, die am Virus Verstorbenen hätten durchschnittlich noch neun Jahre zu leben gehabt.

In roter Jeans und Lederjacke, mit Kettchen, Dutt und Dreitagebart wirkt der Forscher  zwischen  den Anzugträgern der Politik exotisch. Einen „Grenzgänger der Wissenschaft“ nannte ihn das Magazin der Helmholtz-Gemeinschaft.

Und weit darüber hinaus: Seine Frau, die Künstlerin Anna Laclaque, unterstützt er bei der Entwicklung experimenteller Kunstprojekte durch Fotografie. Gemeinsam versuchen sie, die Grenzen künstlerischer Disziplinen zu sprengen. Zumindest bis zum Corona-Ausbruch waren sie weltweit unterwegs, „immer auf der Jagd nach vergessenen Orten in den Metropolen der Welt, die sich für eine Kunst-Performance eignen“, erzählte er.

Gemeinsame Warnung mit Clemens Fuest

Im Kampf gegen Covid-19 schlug er früh die Brücke zur Ökonomie: Wirtschaft und Gesundheitsschutz hätten angesichts des Virus nur „scheinbar gegensätzliche Interessen“, warb er schon im April. Und untermauerte das kurz darauf in einem Appell mit einem Schwergewicht unter den Ökonomen, Ifo-Chef Clemens Fuest.

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Gemeinsam warnten der Immunologe und Physiker sowie der Ökonom vor zu schnellen Lockerungen. Es  gebe keinen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und medizinischen Kosten, denn eine starke Lockerung „würde kurzfristig zwar mehr Wirtschaftsleistung erlauben, die Phase der leichten Beschränkungen aber nach unseren Simulationsanalysen so sehr verlängern, dass die Gesamtkosten in den Jahren 2020 und 2021 zusammen betrachtet steigen“, schrieben sie. 

Damals empfahlen die beiden, einen Reproduktionswert von maximal 0,75 zuzulassen, dann seien die Kosten am geringsten. Mittlerweile liegt dieser R-Wert schon seit fast zwei Wochen wieder deutlich über eins – und damit über der Schwelle, ab der die Politik sehr schnell „handlungsunfähig“ wird, wie Meyer-Hermann droht.

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