Dax aktuell: Dax schließt mit niedrigstem Schlusskurs seit viereinhalb Monaten
Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.
Foto: dpaDüsseldorf. Der deutsche Aktienmarkt zeigt nach den deutlichen Verlusten am Vortag keine Gegenwehr: Am Abend schließt der Dax weitere 0,9 Prozent im Minus auf 12.063 Zähler. Das Tagestief lag bei 12.034 Zählern. Am Montag war der Index an der Frankfurter Börse um 3,7 Prozent auf 12.177 Zähler gefallen. Auf einem so niedrigen Stand hatte der Dax zuletzt Anfang Juli einen Handelstag beendet.
Der gestrige Börsentag war aus technischer Sicht ein schwerer Schlag ins Kontor. Während der gesamten Handelszeit fiel der deutsche Leitindex ungebremst, es gab nur wenige Käufer. Mit dem Abstieg auf 12.037 Zähler, das heutige Tagestief, ist der Dax seit dem Corona-Hoch bei 13.460 Zählern um mehr als zehn Prozent abgerutscht. Laut Markttechnik gelten Verluste von mehr als zehn Prozent als Korrektur, ein Einbruch um mehr als 20 Prozent als Bärenmarkt.
Fast alle charttechnisch wichtigen Marken wurden am gestrigen Montag durchbrochen, lediglich die 200-Tage-Linie hatte gestern noch gehalten. Diese Linie, die vor allem von langfristig orientierten Investoren beachtet wird, notiert derzeit bei 12.133 Zählern und wurde mit dem heutigen Handelstag ebenfalls durchbrochen. Mit dem Rutsch unter den Bereich von 12.200 Zählern hat der deutsche Leitindex auch seine mehrmonatige Seitwärtsphase nach unten aufgelöst, ebenfalls ein Zeichen von Schwäche.
Dennoch könnte dieser Kursrutsch möglicherweise positive Folgen haben. Vielleicht war es der finale Ausverkauf, der die Grundlage für eine Fortsetzung der Rally bildet. Was sich zunächst widersprüchlich anhört, ist fester Bestandteil der Sentimentanalyse.
Nach längeren Seitwärtsphasen wie derzeit hat in der Vergangenheit erst eine extrem negative Stimmung, die in Richtung Panik geht, für einen Boden am Aktienmarkt gesorgt, von dem aus die Kurse wieder gestiegen sind. Bereits vor zwei Wochen warnte Sentimentexperte Stephan Heibel, der die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment auswertet, vor solch einem Ausverkauf. „Ich gehe davon aus, dass wir weitere Kaufgelegenheiten präsentiert bekommen“, sagte er Mitte Oktober.
Hat der deutliche Kursrutsch für solch einen Stimmungsumschwung gesorgt? Eine Antwort wird erst die Auswertung der Dax-Sentimentumfrage am kommenden Montag geben können. (Hier können sich Anleger zur Dax-Sentimentumfrage anmelden.)
Doch warum ist der Dax im Vergleich zu anderen Indizes so deutlich gefallen? So fiel der Euro Stoxx 50 mit einem Minus von 2,9 Prozent deutlich weniger als die 3,7 Prozent, die das deutsche Börsenbarometer abrutschte.
Der Grund war die erneut gesenkte Jahresprognose des Softwarekonzerns SAP. Die Aktie verlor knapp 22 Prozent und zog als Dax-Wert mit der höchsten Marktkapitalisierung nicht nur den deutschen Leitindex ins Minus, sondern belastete auch die Kurse der anderen Indexmitglieder.
Doch ist solch ein Verhalten der Anleger gerechtfertigt? Da in dieser Woche viele Quartalszahlen veröffentlicht werden, dürfte es eine schnelle Antwort auf diese Frage geben.
In der Verhaltensökonomik bezeichnet man solch eine Reaktion als Repräsentativitätsirrtum. Was im Umkehrschluss bedeutet: Die Erwartungen der Anleger an die kommenden Quartalszahlen sind deutlich gesunken. Das dürfte tendenziell eher für steigende als für fallende Kurse sorgen, auch wenn es zu weiteren Enttäuschungen kommen dürfte.
Der Volatilitätsindex VDax, der die Nervosität der Anleger misst, notiert mit 35,22 Punkten ein Viermonatshoch. Je höher der VDax notiert, desto höher ist die Nervosität.
Sein europäisches Pendant, der VSToxx lag mit 33,12 Zählern so hoch wie zuletzt vor zwei Monaten. Daher nahmen weitere Investoren Kurs auf „sichere Häfen“ wie Bundesanleihen. Dies drückte die Rendite der zehnjährigen Titel auf minus 0,609 Prozent.
Blick auf Einzelwerte
SAP: Nach dem größten Kurssturz seit 1999 notierte die SAP-Aktie am heutigen Dienstag fast den gesamten Handelstag über im Plus. Erst kurz vor Schluss rutschten die Papiere ins Minus und notierten 0,5 Prozent schwächer. Zu Wochenanfang hatte die zweite Prognosesenkung des laufenden Jahres die Aktien des größten europäischen Softwarehauses um 21,9 Prozent einbrechen lassen.
Der Aufsichtsratschef und Mitgründer des Softwareriesen, Hasso Plattner, hat SAP-Aktien im Wert von fast 250 Millionen Euro erworben. Dies geht aus einer Stimmrechtsmitteilung hervor. Demnach deckte sich auch Firmenchef Christian Klein mit Anteilscheinen ein – allerdings nur für gut 100.000 Euro.
Covestro: Der Kunststoffkonzern Covestro hat im dritten Quartal unter dem Strich deutlich mehr verdient. Der Nettogewinn erhöhte sich um knapp 22 Prozent auf 179 Millionen Euro. Auch Finanzchef Thomas Toepfer hatte sich zuletzt optimistisch für das vierte Quartal gezeigt und von einer breiten Erholung über alle Industrien sowie einer „soliden Verstetigung des Aufwärtstrends“ gesprochen. Auch die Preise zögen dank der anziehenden Nachfrage leicht an. Die Aktie schloss zum Vortag unverändert.
Brenntag: Die Anteilscheine konnten mit 5,75 Prozent im Plus abschließen, nachdem der Essener Chemikalienhändler am Montag nach Börsenschluss in Frankfurt mitgeteilt hatte, dass man weltweit etwa 100 Standorte schließen und rund 1300 Arbeitsplätze in den nächsten zwei Jahren abbauen wolle. Das Unternehmen gilt als Kandidat für den Dax-Aufstieg, wenn der Index auf 40 Mitglieder aufgestockt werden sollte.
Der Chemiedistributor Brenntag ist ein deutscher Weltmarktführer, der bei Produzenten große Mengen an Chemikalien kauft und sie dann in kleineren Mengen an Kunden ausliefert. Der Umsatz ist im zweiten Quartal 2020 um mehr als 13 Prozent eingebrochen. Seit dem Corona-Crash im März hat sich der Aktienkurs fast verdoppelt.
Schaeffler: Anteilscheine des Auto- und Industriezulieferers Schaeffler verloren am heutigen Handelstag mehr als drei Prozent, obwohl das SDax-Unternehmen aus Herzogenaurach am Montagabend überraschend mitgeteilt hatte, dank lukrativer Geschäfte mit der Autobranche besser durch die Coronakrise zu kommen als erwartet.
Rational: Der Großküchenausrüster hat den Rückstand bei Umsatz und Gewinn im dritten Quartal verringert, dämpft aber die Erwartungen für das vierte Quartal. Der übliche Umsatzanstieg im vierten Quartal sei 2020 nicht zu erwarten, erklärte das Unternehmen. Budgets seien vielfach eingefroren, dazu komme die Unsicherheit in der Gastronomie wegen der Coronakrise. „Eine seriöse Prognose ist jetzt, wo vielerorts strengere Maßnahmen angeordnet werden, nicht möglich“, sagte Vorstandschef Peter Stadelmann. Die Aktie konnte 0,6 Prozent zulegen.
Rheinmetall: Einer der größten Aktionäre von Rheinmetall hat sich von einem rund 77 Millionen Euro schweren Aktienpaket an dem Rüstungskonzern getrennt. Die Investmentgesellschaft Janus Henderson verkaufte 1,2 Millionen Rheinmetall-Aktien zu je 63,80 Euro an institutionelle Investoren.
Der Abschlag zum Schlusskurs vom Montag von 70 Euro war mit neun Prozent ungewöhnlich groß. Das drückte die im Nebenwerteindex MDax notierten Papiere des Düsseldorfer Unternehmens um 5,5 Prozent auf 66,18 Euro.
Janus Henderson ist damit fast komplett ausgestiegen. Die verkauften Aktien entsprechen 2,8 Prozent des Grundkapitals. Im April hatten die Briten eine Beteiligung von 3,01 Prozent gemeldet.
Blick auf andere Assetklassen
Der türkische Präsident Erdogan hat zum Boykott französischer Produkte aufgerufen. Spötter und Kritiker seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik dürften ihm entgegnen, dass sich nur noch wenige Türken solche Produkte leisten können.
Denn die türkische Lira kollabierte weiter. Bereits am gestrigen Montag kletterte der Dollar erstmals über die Marke von acht Lira, am heutigen Dienstag lag der Kurs in der Spitze bei 8,1954. Auch der Euro war mit 9,6904 Lira auf ein neues Rekordhoch geklettert.
Nachdem die türkische Zentralbank in der vergangenen Woche beschlossen hat, ihren Leitzins nicht weiter anzuheben, steht fest: Der politische Druck der Regierung ist einfach zu groß, um die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit Inflationsausblick und Währung stabilisiert werden können.
Commerzbank-Devisenanalystin Esther Reichelt zieht aus den vergangenen Lira-Krisen folgende Erkenntnisse: Die Bereitschaft der Zentralbank, stabilisierende Notfallmaßnahmen zu ergreifen, steigt, je tiefer die Lira fällt. So erhöhten die Notenbanker im Jahr 2018 den Leitzins in zwei Schritten um 16 Prozentpunkte, nachdem die Lira über 40 Prozent ihres Wertes verloren hatte.
Doch dieser Schritt kostete im Sommer 2019 den damaligen Zentralbankchef Murat Çetinkaya den Job. „Auch das spricht dafür, dass die Schmerzgrenze der aktuellen Währungshüter, eine Geldpolitik gegen den Willen der Regierung zu betreiben, eher noch höher sein dürfte als in der Vergangenheit“, meint Reichelt.
Seit Anfang des Jahres hat die Lira gegenüber dem Euro knapp 44 Prozent an Wert verloren. Doch ein Ende des Verfalls ist noch nicht in Sicht.
Was die Charttechnik sagt
Für den Dax geht es nun darum, den Bereich um 12.200 Punkte zu verteidigen. In dieser Zone liegen verschiedene Unterstützungen, die fast alle am gestrigen Handelstag durchbrochen wurden. Übrig geblieben ist nur die 200-Tage-Linie bei 12.133 Zählern. Doch auch diese Line wurde am heutigen Tag durchbrochen,
Nach Meinung der HSBC-Analysten ergibt sich aus dem Bruch dieser Bastion ein rechnerisches Abschlagspotenzial von gut 1.200 Punkten. Damit wäre ein Kursziel von rund 11.000 Punkten aktiviert.
Auf der Oberseite wurde am Montag eine neue Abwärtskurslücke aufgerissen. Solche Abwärtskurslücken entstehen, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt.
Im konkreten Fall lag die tiefste Notierung am vergangenen Freitag bei 12.515 Zählern, der höchste Kurs am gestrigen Montag bei 12.405 Punkten. Laut Chartanalyse gilt dies als wichtiger Widerstand. Im konkreten Fall wäre dieser überwunden, wenn der Dax über 12.515 Zähler klettern würde.
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