US-Börsen: Rekorde an der Wall Street: S&P 500, Dow Jones und Nasdaq erreichen neue Höchststände
Eine Händlerin auf dem Börsenparkett.
Foto: APDüsseldorf. Die Wall Street trotzt am Freitag den überraschend schwachen US-Arbeitsmarkdaten: Alle wichtigen Indizes erreichten neue Rekordstände. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte kletterte um 0,8 Prozent auf ein Rekordhoch von 30.218 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 legte 0,9 Prozent auf 3699 Zähler zu und der Index der Technologiebörse Nasdaq um 0,7 Prozent auf 12.464 Punkte.
Bereits am Donnerstag hatten S&P 500 und Nasdaq neue Bestmarken markiert, ehe ein Bericht über gekappte Produktionsziele für den Impfstoff der deutschen Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer die Gewinne teilweise wieder zunichte machten.
Auch am Freitag gab es auf den ersten Blick schlechte Neuigkeiten für die Märkte: Im November haben die US-Firmen außerhalb der Landwirtschaft nur noch 245.000 Jobs geschaffen, wie die Regierung mitteilte. Das ist der schwächste Wert seit Mai. Analysten hatten im Schnitt mit 445.000 neuen Stellen gerechnet.
Im September waren es noch 711.000 neue Stellen, im Oktober 610.000. Dass die Dynamik des Stellenaufbaus nach den Entlassungswellen in der Coronakrise nachlässt, könnte darauf hindeuten, dass die wirtschaftliche Erholung länger dauert als bislang angenommen.
„Die Rückkehr zur Normalität wird in Anbetracht des Infektionsgeschehens noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Es bedarf der Verteilung eines Impfstoffes, um auch den Dienstleistungssektor wieder in die Spur zu bringen“, kommentierte Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank.
Drei Gründe für die steigenden Kurse:
- Dass die Kurse trotz der schwachen Arbeitsmarktdaten steigen, kann verschiedene Gründe haben. Zum einen sind die Daten nicht so schlecht, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Brad McMillan, CIO des Commonwealth Financial Network, analysierte beim US-Börsensender CNBC, dass die durchschnittliche Arbeitszeit im letzten Monat „stark geblieben“ sei. Das deute darauf hin, dass die Arbeitsnachfrage insgesamt gesund bleibe.
- Zum anderen gibt es Hoffnung auf einen Kompromiss für ein neues Konjunkturpaket. Seit Monaten streiten sich Republikaner und Demokraten über weitere Corona-Hilfen, jetzt erscheint ein parteiübergreifender Kompromiss über ein Paket in Höhe von 908 Milliarden US-Dollar möglich. Die schwachen Arbeitsmarktdaten erhöhen dabei den Druck auf die Parteien, eine Lösung zu finden.
- Zum dritten sind die Arbeitsmarktdaten für die US-Notenbank ein Alarmzeichen, erklärte VP-Bank-Ökonom Gitzel. „Fed-Chef Jerome Powell muss deshalb wohl noch eine Schippe drauflegen. Vermutlich wird dies noch im laufenden Jahr der Fall sein.“ Die lockere Geldpolitik der Notenbanker gilt als wichtiger Treiber der Erholung an den Aktienmärkten nach dem Corona-Crash.
Einzelwerte im Fokus
Ölkonzerne: Anleger reagierten erleichtert auf die Entscheidung der Opec-Staaten und ihrer Verbündeten, die Ölförderung ab Januar nur sehr behutsam hochzufahren. Angesichts steigender Ölpreise waren die Papiere von großen Ölkonzernen wie Chevron und Occidental Petroleum gefragt. Chevron-Aktien verteuerten sich um 3,9 Prozent, Titel von Occidental Petroleum sogar um 13 Prozent.
Fluggesellschaften: Die Hoffnung auf Konjunkturhilfen trieben die Aktien des von der Corona-Pandemie besonders betroffenen Reisesektor an. Aktien der Fluggesellschaften American Airlines zogen um knapp zwei Prozent an, Titel von Spirit um fünf Prozent. Papiere von Delta, United Airlines, Southwest und JetBlue drehten dagegen nach ersten Gewinner ins Minus.
Boeing: Im Dow zollten Boeing ihrer jüngsten Rally mit einem Abschlag von 1,9 Prozent Tribut. Nachdem die Aktien seit Anfang November wegen der Impfstoff-Hoffnung und dem aufgehobenen Flugverbot für den Krisenjet 737 Max um etwa 70 Prozent gestiegen waren, machten einige Anleger nun Kasse. Wie am Freitag bekannt wurde, will der Flugzeugbauer die Produktion des Langstreckenjets 787 „Dreamliner“ weiter drosseln.
Moderna: Wie der Impfstoffhersteller bekannt gab, deuten Studiendaten darauf hin, dass der eigene Impfstoff über einen längeren Zeitraum Schutz gegen Covid-19 bieten könnte. Die stark gelaufenen Aktien fielen am Freitag wegen Gewinnmitnahmen um drei Prozent.
Biontech: Auch beim Biontech-Kurs wird die Luft allmählich dünner. Am Vortag leicht belastet von einem Bericht über Hindernisse in der Lieferkette und zunächst nochmals schwächer in den US-Handel gestartet, schafften es die Papiere des Mainzer Unternehmens noch mit 1,1 Prozent ins Plus. Die Titel des US-Partners Pfizer legten um 0,6 Prozent zu.
Uber und Lyft: Stärke zeigten ansonsten die Aktien der Fahrdienstleister Uber und Lyft, denen die Coronakrise in den vergangenen Monaten auch zugesetzt hatte. Lyft sprangen um sieben Prozent nach oben und erreichten wieder das Niveau vor dem Viruscrash im Februar. Bei Uber reichte ein Plus von 4,5 Prozent für ein weiteres Rekordhoch. Den Crash hatten sie Anfang November schon ausgeglichen.
Dollar-Kurs stabilisiert sich
Dem Dollar versetzten die Arbeitsmarktdaten vorübergehend einen Schlag. Nach dem Abtauchen in Richtung Zweieinhalb-Jahres-Tiefs konnte sich die Devise aber wieder fangen. Euro-Anleger gingen Händlern zufolge nach der Kursrally der vergangenen Wochen auf Nummer sicher und nahmen Gewinne mit. Die Gemeinschaftswährung fiel zeitweise bis auf 1,2130 Dollar. Am Mittag hatte sie 1,2177 Dollar erreicht, den höchsten Stand seit fast drei Jahren.
„Offenbar bekommen einige Investoren vor der EZB-Sitzung in der kommenden Woche kalte Füße“, sagt Commerzbank-Analystin Antje Praefcke. Sie befürchteten, dass die Währungshüter deutlich Stellung zu der raschen Euro-Aufwertung beziehen werden.
Renditen für US-Staatsanleihen steigen
Die zehnjährigen US-Staatsanleihen waren am Freitag bei Investoren weniger gefragt. Dadurch stieg die Rendite um bis zu sieben Basispunkte auf 0,98 Prozent – das höchste Niveau seit März.
Üblicherweise sorgen schlechte Konjunkturnachrichten dafür, dass Anleger in als sichere Häfen wie US-Bonds flüchten. Dadurch steigen deren Kurse und die Renditen sinkt. Diesmal scheinen die Anleger aber schon weiter in die Zukunft zu blicken: Sie rechnen mit neuen Hilfspakten von Regierung und Notenbank, die die Attraktivität von Anleihen verringern würde.
Mit Agenturmaterial