Coronakrise: Bund will sich 2021 fast eine halbe Billion Euro am Finanzmarkt holen
Der Finanzminister plant mit einer Nettokreditaufnahme von 180 Milliarden Euro.
Foto: dpaFrankfurt. Über Langeweile werden sich die Schuldenmanager des Bundes im kommenden Jahr nicht beklagen: Die deutsche Finanzagentur wird 2021 am Finanzmarkt rund eine halbe Billion Euro einsammeln. So viel frisches Geld brauchte der Bund noch nie – doch die Corona-Quittung treibt die Verschuldung in die Höhe. Die Neuverschuldung muss zusammen mit Altschulden refinanziert werden – und das ist die Aufgabe der Schuldenmanager.
Schon im zu Ende gehenden Jahr hatte Deutschland mit 406,5 Milliarden Euro eine Rekordsumme an den Geld- und Kapitalmärkten eingesammelt, um die Steuerausfälle zu kompensieren und Ausgaben für die Staatshilfen rund um die Corona-Pandemie zu refinanzieren. Vor Corona hatten die Planungen bei maximal 218 Milliarden Euro gelegen.
Gut die Hälfte der für 2021 fest geplanten Emissionen entfällt auf Geldmarktpapiere mit Laufzeiten von drei bis zwölf Monaten, mehr als 228 Milliarden Euro entfallen auf Bundesanleihen mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren. Gleichzeitig werden im kommenden Jahr Anleihen und Geldmarktpapiere für 355 Milliarden Euro fällig. Netto kommt der Bund damit auf ein Emissionsvolumen von 119 Milliarden Euro.
Für das kommende Jahr plant Finanzminister Olaf Scholz mit einer Nettokreditaufnahme von 180 Milliarden Euro, weil die geplanten Ausgaben die erwarteten Einnahmen nicht decken. Die Differenz zu den Netto-Emissionen von 119 Milliarden Euro ist aber kein Problem. Zum einen bringt die Finanzagentur einen Puffer für die Refinanzierung aus dem zu Ende gehenden Jahr mit, in dem ein zweistelliger Milliardenbetrag nicht benötigt wurde. „Wir haben schon eine gewisse Vorfinanzierung“, sagt dazu Tammo Diemer, Chef der Finanzagentur, bei der Vorstellung der Emissionspläne.
Grüne 30jährige Anleihe geplant
Außerdem will die Finanzagentur im kommenden Jahr an die Inflationsrate gekoppelte Anleihen für sechs bis acht Milliarden Euro begeben, für deren Platzierung es noch keinen festen Termin gibt. Mehr Geld sammelt die Agentur zudem im Mai über eine grüne Bundesanleihe mit 30 Jahren Laufzeit ein und im September über eine herkömmliche Bundesanleihe mit 30 Jahren Laufzeit. Diese Anleihen werden im Unterschied zu den übrigen Bundeswertpapieren nicht im Auktionsverfahren unter Banken versteigert, sondern über Konsortialbanken im sogenannten Syndikatsverfahren direkt an Investoren verkauft.
Konkrete Angaben zu den geplanten Volumina machte Diemer nicht. Grüne Anleihen, mit denen klimafreundliche Investitionen refinanziert werden, sollen in Deutschland laut Diemer ein Volumen von mindestens vier Milliarden Euro haben – zumindest nach Aufstockungen. Die geplante 30-jährige herkömmliche Anleihe dürfte im Syndikatsverfahren ebenfalls deutlich größer ausfallen als die zwei Milliarden Euro, die der Bund bei der Emission der letzten 30-jährigen Anleihe im August 2019 eingesammelt hat.
Die Syndikatsverfahren kosten den Bund zwar geringe Gebühren, mit ihnen lassen sich aber auf einen Schlag größere Volumina platzieren. Die Nachfrage ist durch die gezielte Ansprache der Investoren groß – und das drückt die Zinsen, die der Bund und damit der Steuerzahler aufbringen muss. Der Bund nutzt diese Emissionen bei besonderen Laufzeiten oder eben bei grünen Bundesanleihen. Auch die erste grüne Bundesanleihe für 6,5 Milliarden Euro im vergangenen September hatte der Bund über Banken platziert – sie war mehr als fünffach überzeichnet.
Im nächsten September will Deutschland die nächste zehnjährige grüne Bundesanleihe über drei Milliarden Euro im Auktionsverfahren neu begeben und einen Monat später um drei Milliarden Euro aufstocken. Die fünfjährige grüne Bundesanleihe für fünf Milliarden Euro, die der Bund im November über eine Auktion platziert hatte, wird im nächsten Jahr nicht aufgestockt. Grüne Bundesanleihen liegen im Trend und sind bei Investoren sehr gefragt.
Andere Euro-Länder brauchen noch mehr Geld
Über die Nachfrage nach anderen Anleihen muss sich der Bund aber auch bei den anderen Bundeswertpapieren trotz der Rekordemissionen keine Sorgen machen. Das liegt unter anderem an den Anleihekaufprogrammen der Europäischen Zentralbank (EZB). Diemer schätzt, dass die Bundesbank im Auftrag der EZB im nächsten Jahr in etwa so viele Anleihen kaufen wird, wie der Bund sie netto – also abseits der Refinanzierung der auslaufenden Anleihen – begibt. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern bei allen Anleihen der Euro-Zone.
Das Fondshaus Union Investment schätzt, dass die Euro-Länder im kommenden Jahr insgesamt neue Anleihen über rund 1,2 Billionen Euro begeben werden. Mehr Anleihen als Deutschland begeben nur Italien mit mehr als 330 Milliarden Euro und Frankreich mit rund 260 Milliarden Euro. Fällig werden im Euro-Raum Anleihen für mehr als 670 Milliarden Euro, und die EZB dürfte Anleihen für 740 Milliarden Euro kaufen. Netto sinkt damit sogar das Angebot an Anleihen, die ganz neu auf den Markt kommen.
Das ist ein Grund dafür, dass die Renditen der Anleihen im ganzen Euro-Raum sinken. Am niedrigsten sind sie aber nach wie vor in Deutschland. Der Grund: Deutsche Bundesanleihen gelten als die sichersten und am besten handelbaren Anleihen im Euro-Raum – ihre Renditen liegen über alle Laufzeiten deutlich im Minus. Investoren zahlen dem Bund also quasi eine Art Gebühr dafür, dass sie ihr Geld bei ihm parken dürfen. Von daher erhöht die steigende Schuldenlast die Zinskosten nicht. Im Gegenteil, der Bund verdient Geld mit dem Schuldenmachen. Die durchschnittliche Rendite der bis Ende November begebenen Papiere lag bei minus 0,56 Prozent.