Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
ein bemerkenswertes europäisches Quartett wagt einen Vorstoß zur Zukunftssicherung Europas. Es sind vier Regierungschefinnen, die in einem gemeinsamen Appell eine Offensive für mehr digitale Souveränität der Europäischen Union fordern. Zu den „Fab Four“ der Neuzeit gehören neben Angela Merkel noch Sanna Marin aus Finnland, Mette Frederiksen aus Dänemark sowie Kaja Kallas aus dem digitalen Wundergebiet Estland.
„Digitale Wertschöpfung und Innovationen finden in erheblichem Umfang außerhalb Europas statt“, warnen die Vier im Brief an EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. „Abhängigkeiten und Schwächen der europäischen digitalen Fähigkeiten, Kapazitäten und Technologien“ träten immer klarer zutage. Die Aktion soll der EU-Präsidentin Kraft geben – etwa für den Plan, Google, Facebook und Amazon stärker zu regulieren. Noch im März will von der Leyen sagen, wie Europas „Digitale Dekade“ aussieht – und wie der Rückstand auf das Silicon Valley aufzuholen ist.
Mit Nicolas Sarkozy, dem Ruhelosen, hatte Kanzlerin Merkel anfangs einige Schwierigkeiten. Es dauerte, bis sie sich vor elf Jahren an den französischen Präsidenten gewöhnte – wobei das Schauen von Louis-de-Funès-Filmen ihr geholfen haben soll. Als Politiker ist Sarkozy längst Geschichte, 2012 abgewählt, seitdem war er mal Show-, mal Skandalfigur im konservativen Milieu unseres Partnerlandes.
Nun ist „Sarko“ noch einmal historische Person: Ein Pariser Strafgericht verurteilte ihn wegen Bestechung und unerlaubter Einflussnahme auf die Justiz zu drei Jahren Haft, zwei davon auf Bewährung. Er muss nun das schöne Neuilly-sur-Seine mit elektronischen Fußfesseln genießen. Für die Richter war, trotz vehementer Gegenrede, erwiesen, dass der Ex-Präsident versucht hatte, vertrauliche Informationen von einem Top-Juristen des Staates zu erlangen. Im Gegenzug versprach er Hilfe bei dessen Bewerbung für einen Posten im Fürstentum Monaco.
Sarkozys Frau Carla Bruni kann zur Aufheiterung ihren Hit „Quelqu’un m’a dit“ vorspielen, mit der vielsagenden Zeile „On me dit que le destin se moque bien de nous“ – man hat ihr gesagt, dass sich das Schicksal ziemlich lustig über die beiden mache.
Vom Lieblingsphilosophen Karl Popper hat Erich Sixt gelernt, jede Entscheidung zu problematisieren und sich zu fragen, was daran falsch sein könnte. In der Frage, ob er auch im höheren Alter noch der Richtige als CEO der börsennotierten Autovermieterfirma Sixt SE sei, sagte der Münchener Unternehmer auch zuletzt: „Ja!“ So wie er es in 50 Jahren immer gehalten hat, ein Drängler auf der Linksspur des Unternehmertums, der sich mit witziger Werbung bekannt gemacht hat, vor allem wenn sie auf Kosten bekannter Politiker ging.
Doch jetzt, in der Coronakrise, mit 76, verlässt Erich Sixt nach der Hauptversammlung im Juni den Vorstand. Er wechselt an die Spitze des Aufsichtsrats. Seine Söhne Alexander und Konstantin avancieren zu Co-CEOs. Die beiden Betriebswirte haben seit 2015 im Vorstand die Digitalisierung forciert und wohl schon länger auf die Übergabe des goldenen Lenkrads gewartet. 2020 dürfte der Umsatz der Familienfirma um rund eine Milliarde auf 1,5 Milliarden Euro gefallen sein, zwischen 70 und 95 Millionen Euro Verlust fielen an. Ohne Geschäfts- und Ferienreisende ist so eine Pkw-Flotte einfach nur ein überdimensionierter Fuhrpark.
Weil es so schön ist, noch eine Weisheit von Sir Popper, die man Managern wärmstens ans Herz legen kann: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“
In der Affäre um den „Maskenmann“ und CSU-Politiker Georg Nüßlein gibt es einen zweiten Beschuldigten. Es handelt sich nach ZDF-Informationen um den Unternehmer Thomas Limberger. Er soll, so die Generalstaatsanwaltschaft München, den bisherigen Unions-Fraktionsvizechef bestochen haben, um so Verträge zur Lieferung von Corona-Schutzmasken durch eine hessische Textilfirma mit den Gesundheitsministerien im Bund und in Bayern zu befördern. Nüßlein soll 660.000 Euro dafür in Rechnung gestellt haben. Den entscheidenden Tipp erhielten die Ermittler offenbar von der Financial Intelligence Unit: Die Bekämpfer von Terrorismus und Geldwäsche hatten in Vaduz von der Causa Nüßlein gehört.
Wer die Worte „Glasnost“ und „Perestroika“ hört, wird sofort an ihn denken. An den Reformer der Sowjetunion und ihrer einst so mächtigen Kommunistischen Partei. An den Mann, der an den Wandel und ein Ende des Kalten Kriegs glaubte, dessen Sauna-Politik aufs Wunderbarste mit der Strickjacken-Diplomatie des deutschen Kanzlers Helmut Kohl harmonierte. Es war Michail Gorbatschow, der zwar nicht das Ende, wohl aber einen U-Turn der Geschichte schaffte. Seinen berühmtesten Satz will er Erich Honecker per Privatissimum gesagt haben: „Das Leben verlangt mutige Entscheidungen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
Ein knappes Jahr nach dem Empfang des Friedensnobelpreises 1990 wurde der einstige Generalsekretär der KPdSU und Staatspräsident in Moskau aus dem Amt intrigiert. In den drei Dekaden danach hielt er Reden der Freiheit, schrieb Bücher, gab Interviews und engagierte sich für seine Stiftung. Heute wird „Gorbi“, der coronabedingt in Selbstisolation lebt, 90 Jahre alt.
Als „Gold der Millennials“ gilt in der Finanzbranche die Kryptowährung Bitcoin. Sie ist nach einem steilen Aufstieg zum Mythos der Märkte geworden, auch wenn die vorige Woche leichte Kursdämpfer für die Mode-Erscheinung brachte. In unserem aktuellen Report zeigt sich, dass Bitcoin als Risikopuffer für mögliche Aktienkurs-Rückgänge wenig taugt. Nach einer Berechnung der US-Bank JP Morgan müssten institutionelle Investoren 5,4-mal so viel Risikokapital für Bitcoin wie für Gold einsetzen.
Auch wenn das Krypto-Geld an der Wall Street salonfähig geworden ist und Hedgefonds, Family Offices, Stiftungen und Pensionsverwalter über Investments in spezielle Kryptofonds am Boom teilhaben wollen, bleibt es offiziell beim vernichtenden Urteil von Janet Yellen: Die US-Finanzministerin sieht den Bitcoin als „hochspekulatives Asset“, das vor allem für illegale Tätigkeiten genutzt werde.
In der Zeitungskrise ist Kanadas größtes Pressehaus auf eine verwegene Idee gekommen. Die 129 Jahre alte Torstar-Gruppe aus der Provinz Ontario, der mehr als 70 Zeitungen gehören, will künftig Geld mit einem Online-Kasino verdienen. Hierfür wurde jetzt eine Gaming-App gestartet. Diese verantwortungsvolle Marke schaffe neue Jobs, sorge für Wachstum und für Steuererlöse, wirbt der Firmenchef in eigener Sache. Was sich schnell einstellte, war das naheliegende Aperçu, dass Journalismus offenbar nur noch ein Spiel sei.
Und dann ist da noch Friedrich Merz, zweimal gescheiterter CDU-Chefkandidat. Er wurde jetzt von den Stadtverbänden Sundern und Arnsberg einstimmig als Kandidat für die Bundestagswahl im September vorgeschlagen. Merz hatte zuvor öffentlich mit einer Kandidatur geliebäugelt, bald schon will er sich erklären. So sehr es einleuchtet, dass es den Juristen vom Salon in die Küche der Politik drängt, so sehr können solche Pläne doch an der Realität scheitern. Der bisherige Wahlkreisvertreter Patrick Sensburg, Präsident des Bundeswehr-Reservistenverbands, will sich jedenfalls einer Kampfabstimmung stellen. Merz habe im Januar zugesichert, ihn bei der Kandidatur zu unterstützen. Hier gilt Konrad Adenauer: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.“
Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor
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