Kampf gegen Klimawandel: Vernetzte Heizung: Start-up Tado erwägt Börsengang
Emanuel Eibach, Christian Deilmann, Johannes Schwarz und Toon Bouten (von links) streben einen Börsengang an. Das Unternehmen hat eine App entwickelt, mit der sich Heizungen und Klimaanlagen intelligent steuern lassen.
Foto: TadoMünchen. Mehr als 100 Millionen Dollar hat das Start-up Tado in den vergangenen Jahren schon bei prominenten Investoren eingesammelt. Der Internethändler Amazon beteiligte sich zum Beispiel vor drei Jahren an der Firma, mit deren App sich Heizung und Klimaanlagen intelligent steuern lassen. Auch Eon, Siemens und Total sind engagiert.
Nun nimmt Gründer Christian Deilmann einen möglichen Börsengang ins Visier. „Wir sehen uns das Thema sehr intensiv an“, sagte Deilmann dem Handelsblatt. „Es ist gerade ein attraktives Zeitfenster offen.“ Energieeffizienz sei in Zeiten des Klimawandels auch für die Kapitalmärkte ein sehr attraktives Feld.
Mit einem möglichen Gang an die US-Technologiebörse Nasdaq habe Tado die Chance, das Geschäft auf dem Weg zu Milliardenumsätzen in einigen Jahren weiter breit auszurollen.
In Europa sieht sich Tado als Marktführer. Mit der Technologie sind auch alte Heizungs- und Klimaanlagen nachrüstbar. Mit der Tado-App kann die Temperatur für jeden Raum nach Nutzung gesteuert werden. Die Heizung springt also zum Beispiel rechtzeitig an, bevor der Wohnungsbesitzer von der Arbeit nach Hause kommt.
Über das Handy erkennt die Steuerung zudem, wenn die Bewohner einen Raum oder das Haus wieder verlassen. Schlafzeiten werden ebenso berücksichtigt wie der Sonnenstand. Tado kann an das Smart-Home-Betriebssystem für Haushalte vom Anteilseigner Amazon mit Alexa als zentraler Steuerung angebunden werden, aber auch an entsprechende Schnittstellen von Google und Apple.
Umsatz könnte bald die 100-Millionen-Euro-Schwelle durchbrechen
In den vergangenen Jahren wuchs Tado im Schnitt um jeweils etwa 65 Prozent. Der Umsatz dürfte laut Branchenschätzungen inzwischen bei einem höheren zweistelligen Millionenbetrag liegen, in den nächsten zwei Jahren soll die 100-Millionen-Euro-Schwelle durchbrochen werden. „Das Potenzial ist gigantisch“, sagt Deilmann. Auf längere Sicht kann sich die Tado-Führung sogar Umsätze von mehreren Milliarden Euro vorstellen.
Aktuell hat Tado nach eigenen Angaben gut eine Million Heizungs- und Klimaanlagensysteme in Europa mit dem Internet vernetzt und steuert diese digital mittels intelligenter Algorithmen. Man arbeite mit elf der 20 größten Stromversorger in Europa zusammen, die mehr als 100 Millionen Haushalte versorgen.
Intelligente Thermostate, mit denen die Raumwärme intelligent gesteuert werden können, seien eine der wichtigsten Anwendungen für die Alexa-Plattform, sagt Paul Bernard, Manager beim VC-Geber Amazon Alexa Fund. „Wir freuen uns darüber, Tado durch unser Investment und unsere Partnerschaft in ihren ambitionierten Wachstumsplänen unterstützen zu können.“
Tado hat prominente Konkurrenz. Google hatte 2014 für erstaunliche drei Milliarden Dollar den Konkurrenten Nest übernommen. Die Erwartungen erfüllten sich in der Anfangsphase nicht. Zudem drängt auch die Heizungsbranche – wenn auch teilweise spät – ins Internet der Dinge.
Vaillant hat zum Beispiel eine App zur Steuerung entwickelt, über die Nutzer vordefinierte Profile wie „Zuhause“, „Nacht“ oder „abwesend“ aktivieren können. Auch Viessmann entwickelt eigene smarte Geschäftsmodelle und stellt seine smarten Thermostate mittlerweile sogar in Zusammenarbeit mit Tado her. Sie alle haben erkannt, dass das Thema Gebäudeeffizienz zunehmend relevant wird.
Durchbruch nach langer Anlaufphase
Jahrzehntelang hatten die Hausgeräte- und Gebäudetechnikunternehmen vom vernetzten Heim geredet. Doch so recht haben sich der Kühlschrank, der die Milch selbst bestellt, oder die Waschmaschine, die von der Küche aus gesteuert werden kann, nicht durchgesetzt. „Es ist entscheidend, immer auf den konkreten Nutzen abzuzielen“, sagt Deilmann. Für eine technische Spielerei seien die Menschen nicht bereit, Geld auszugeben.
Auch Tado brauchte eine längere Anlaufzeit, um eine breitere Kundenbasis zu gewinnen. Gegründet hat Deilmann hat das Unternehmen bereits vor zehn Jahren gemeinsam mit Johannes Schwarz und Valentin Sawadski. Während seines Studiums in den USA habe er in einer Wohngemeinschaft gelebt und mit den Mitbewohnern ständig über Klimatisierung und Raumtemperatur diskutiert, berichtet Deilmann. „Der Sommer in Boston war sehr heiß.“ Der Betrieb der Klimaanlage konnte auch einmal 1000 Dollar für einen Sommermonat kosten – so wurde die Geschäftsidee für Tado geboren.
Vor drei Jahren dann holte Deilmann für die weitere Kommerzialisierung Toon Bouten, der früher unter anderem bei Compaq und Philips arbeitete, als CEO in die Geschäftsführung.
Am Markt durchzudringen war nicht leicht, denn die Branche ist eher konservativ, und die Haushalte müssen erst einmal von zusätzlichen Investments überzeugt werden. Zuletzt haben sich die Vorzeichen aber geändert. Gebäude sind bei der Energiewende ein zentraler, aber oft unterschätzter Baustein.
Laut Bundeswirtschaftsministerium entfallen in Deutschland fast 40 Prozent des Energieverbrauchs auf den Gebäudesektor. Ziel der Bundesregierung ist es, dass der Gebäudebestand bis zum Jahr 2050 nahezu klimaneutral ist.
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Der Gebäudebereich mache nach wie vor Sorgen, sagte Hermann Dannecker, Vorsitzender des Deutschen Energieberater-Netzwerks DEN. „Er ist der einzige Sektor, der die Klimaschutzziele im vergangenen Jahr verfehlt hat.“ Hier lasse sich „ein erhebliches Potenzial heben und aktivieren“.
Für die Anbieter intelligenter Heizungs-Apps ist das eine zusätzliche Verkaufshilfe. Die Kunden könnten nicht nur Geld sparen – weil Heizung und Klimaanlage nicht unnötig laufen, wenn niemand im Haus ist, und davon profitieren, dass die Wohnung rechtzeitig erwärmt oder gekühlt ist, wenn sie nach Hause kommen. Auch den Klimaschutzaspekt stellen die Anbieter nun stark in den Mittelpunkt.
Nach Einschätzung von Tado lässt sich der Energieverbrauch mit einer intelligenten Wärmeregelung durch Algorithmen im Schnitt um 22 Prozent senken. Die Neuanschaffung der Heizungs- und Klimaanlagenregelung kostet laut Tado etwa 200 Euro. „Das rechnet sich in der Regel innerhalb eines Jahres“, sagt Deilmann.
Da die Heizungen der Kunden mit der Cloud in Echtzeit kommunizieren, können nach Einschätzung des Unternehmens durch vorausschauende Wartung auch die Reparatur- und Servicekosten deutlich verringert werden.
Seitdem Deilmann seine Geschäftsidee in den USA entwickelt hat, hat er das Land fest im Blick. Schließlich geht es um den größten Markt der Welt. Tado spielt hier keine Rolle, der Markt wird von Anbietern wie Nest und Ecobee beherrscht, an dem Amazon ebenfalls beteiligt ist. „Für einen Markteintritt in den USA bräuchte man viel Kapital“, sagt Deilmann. Ein Börsengang sei da eine Möglichkeit, die finanzielle Feuerkraft und die Bekanntheit mit einem Schlag zu steigern.