Kommentar: Beim digitalen Impfnachweis droht das nächste Digitaldesaster
Die EU will den digitalen Impfpass bis zum Sommer realisieren.
Foto: imago images/Political-MomentsEuropa öffnet, die EU-Kommission will das Reisen mit einem digitalen Impfnachweis im Sommer erleichtern – und aus Deutschland hört man vor allem Klagen. Klagen gibt es beispielsweise darüber, dass der digitale Nachweis die durch die Impfungen ohnehin schon überlasteten Hausarztpraxen endgültig zur Aufgabe bringen würde. Man sei ja kein Pass-Amt, sagte kürzlich der Hausärzteverbands-Chef Ulrich Weigeldt. Ja, das stimmt wohl.
Ende Juni soll der digitale Impfpass an den Start gehen, also pünktlich zur Urlaubssaison. Zwar sollen ihn auch Impfzentren und Apotheken ausfertigen können. Man stelle sich aber alleine den Ansturm auf die Praxen vor – von Dutzenden Millionen von Geimpften und Genesenen, um am besten noch am selben Tag in den Urlaubsflieger zu steigen. Denn dafür ist der Nachweis ja auch gedacht: Mit ihm sollen nach dem Willen des EU-Parlaments die Einreisebeschränkungen in den europäischen Ländern fallen.
Wer die Vorgaben erfüllt, soll ohne Quarantäne oder andere Auflagen wieder nach Frankreich, Spanien, Italien oder etwa Österreich reisen können. Das sorgt nicht nur für Begehrlichkeiten, sondern verständlicherweise auch für Horrorvorstellungen bei den Hausärzten.
Klagen gibt es auch darüber, dass es noch viele offene Fragen gibt, wie der Ausweis ausgestellt werden kann. Die Software der Hausärzte ist noch nicht bereit dazu, den entsprechenden QR-Code zu erstellen. Nur die größten Hersteller werden Ende Juni eine Lösung anbieten, die anderen verspäten sich wohl. Der Pass startet damit theoretisch zwar pünktlich, weil die Technik Ende Juni zur Verfügung steht – aber eben nicht jedem, der sie auch nutzen möchte. Schon weiter sind in Europa jene Länder, die die Impf- und Testkampagne von vornherein digital geplant und kein datenschutzrechtliches Problem damit haben, alle Daten zentral zu speichern, wie beispielsweise Schweden.
Nicht so in Deutschland – hierzulande zeigen sich an allen Ecken und Enden mal wieder die Folgen der verschleppten Digitalisierung. Schlimmer noch: Einen digitalen und fälschungssicheren Nachweis hätte es längst geben können. Seit Januar können Versicherte die elektronische Patientenakte auf ihr Handy herunterladen. Der digitale Impfpass soll darin erst im kommenden Jahr integriert werden. Die Pläne wurden vor der Corona-Pandemie geschrieben – dass sie allerdings nicht angepasst wurden, liegt an den teils technologie- und fortschrittsfeindlichen Irrungen des deutschen Gesundheitswesens.