Autoindustrie: E-Mobilität: VDA-Präsidentin Müller fordert von der EU eine Ausbaupflicht für Ladesäulen
Wer immer mehr Elektroautos zum Schutz von Klima und Umwelt verlange, müsse auch deutlich mehr für das Ladenetz tun, sagt Müller.
Foto: BloombergDüsseldorf. Überall auf den Straßen steigt die Zahl der Elektroautos, vor allem im Autoland Deutschland. Im April lag der Anteil der rein batteriegetriebenen Modelle (BEV) an allen Neuzulassungen nach Angaben des Kraftfahrzeug-Bundesamtes in Flensburg schon bei mehr als zehn Prozent – Tendenz weiter steigend. Dafür sorgt allein die Automobilindustrie, die immer mehr neue E-Modelle zu ihren Händlern bringt.
Eigentlich könnte die Autobranche also erfreut sein: Umweltschutz lässt sich nach den jüngsten Zulassungszahlen mit einem echten Markterfolg verbinden. Doch nicht überall herrscht Zufriedenheit. Besonders beim Verband der Automobilindustrie (VDA), der Interessenorganisation der deutschen Hersteller, ist lautstarke Kritik zu hören.
Diese zielt im Wesentlichen auf zwei Kernpunkte: den schleppenden Ausbau der Ladeinfrastruktur und die mangelhafte Konzentration auf erneuerbare Energien.
„Klimapolitik ist eine Herausforderung für ganz Europa. Das gilt auch für den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Wir brauchen einen Ladenetz-Plan für ganz Europa“, sagt VDA-Präsidentin Hildegard Müller im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die EU-Kommission sollte also nicht nur über schärfere Ziele für die Industrie nachdenken, sondern auch darüber, wie diese Ziele erreicht werden können.“ Ohne Ladenetz könne der Ausbau der Elektromobilität nicht gelingen.
Mitte Juli legt die EU-Kommission ihr Programm „Fit for 55“ vor. Darin sollen die Grundsätze festgeschrieben werden, auf welchem Weg und mit welchen Vorgaben Europa die Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent senken kann. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Automobilindustrie.
Der VDA hofft, dass seine Positionen noch aufgenommen werden können. Die Automobilindustrie könne zum neuen Klimaziel von 55 Prozent nur beitragen, wenn die neuen E-Autos auch überall in Europa verkauft und gefahren werden können, weil die Menschen sie auch laden können, sagte Müller. „Ziele müssen in der Praxis auch erreicht werden können.“ Es reiche nicht aus, den Autoherstellern den Verkauf neuer Elektromodelle aufzuerlegen. Die EU-Kommission müsse gleichzeitig für den Aufbau einer Ladeinfrastruktur in ganz Europa sorgen, betonte die VDA-Präsidentin.
In Europa gibt es fast überall zu wenig Ladepunkte
Von den 200.000 elektrischen Ladepunkten in Europa konzentrieren sich 75 Prozent auf die vier Staaten Niederlande, Frankreich, Deutschland und das Nicht-EU-Mitglied Großbritannien. „Da ist schwer zu erkennen, wie einzelne Mitgliedstaaten die neuen Klimaziele erreichen wollen. Nur in drei Mitgliedstaaten gibt es überhaupt nennenswerte Anstrengungen dazu“, sagt Müller. „Die EU-Kommission muss einen Ausbauplan vorlegen und sollte ihn verpflichtend machen.“
Entsprechend der Zahl der verkauften Elektroautos müsste durch die EU vorgegeben werden, wie viele neue Ladepunkte hinzukommen müssen. „Rechtlich sollte eine solche Ausbauverpflichtung genau wie bei den Klimazielen und Flottengrenzwerten möglich sein“, forderte die VDA-Präsidentin.
Als Interessenorganisation der Automobilindustrie kümmert sich der VDA um die großen Zukunftsthemen, um einen guten regulatorischen Rahmen für die Produkte der Unternehmen und natürlich um die Reputation der Branche. Die Mitglieder hätten unterschiedliche Unternehmensstrategien, sagte Müller, da gebe es zwangsläufig verschiedene Schwerpunkte. Die Prioritäten seien jedoch ähnlich.
„Der VDA ist eine wichtige Stimme der deutschen Autoindustrie in Politik und Öffentlichkeit. Unter Hildegard Müller ist der VDA auf der politischen Bühne deutlich wahrnehmbarer geworden“, sagte VW-Konzernchef Herbert Diess über die aktuelle Entwicklung des Interessenverbandes. Die Autobranche brauche eine Vertretung, die sich konstruktiv in die gesellschaftlichen Debatten um Klimapolitik einbringe und sich für den Erfolg der Elektromobilität einsetze.
Müller moniert „schlechte Gesetzgebung“ auf dem Weg zum Klimaschutz
Den Fokus auf erneuerbare Energien hält Müller für deutlich ausbaufähig. Die Mobilitätswende hin zum Elektroantrieb müsse auch glaubhaft mit der Energiewende hin zu Solar- und Windstrom verbunden werden, betonte die VDA-Präsidentin. Elektroautos seien nur dann sauber und klimaneutral, wenn sie mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben würden.
„Mehr Elektromobilität braucht mehr Ladestrom aus erneuerbaren Energien“, verlangte Müller. Deutschland und Europa lägen beim Ausbau von Wind-, Solar- und Wasserkraft „aber schon jetzt hinter den selbst gesteckten Zielen“, so Müller. Deshalb seien dafür jetzt weitere Investitionen nötig. „Schlechte Gesetzgebung behindert uns auf dem Weg zum Klimaschutz“, sagte sie. Die neuen Emissionsziele beim Kohlendioxid sollten ebenfalls mit dem Ausbau der erneuerbaren Energie verknüpft werden.
Aus Sicht des VDA steht es zwar eindeutig fest, dass die neuen Klimaziele vorrangig mit batteriegetriebenen Elektrofahrzeugen erreicht werden sollten. Gleichwohl sieht Hildegard Müller auch Raum für Wasserstoff in Kombination mit der Brennstoffzelle sowie Biokraftstoffe und E-Fuels.
Wasserstoffproduktion dürfte günstiger werden
„Wasserstoff wird für die ganze Industrie ein weiterer wichtiger Baustein der Energiewende“, erklärte Müller. Europa und Deutschland müssten ambitioniert in eine flächendeckende Produktion und wo nötig in die Infrastruktur von Wasserstoff einsteigen, um eine gute Chance zu bekommen, als weltweit führender Industriestandort zu bestehen. Aktuell seien die Kosten für die Wasserstoffproduktion zwar noch sehr hoch. Aber durch technischen Fortschritt sei in den kommenden Jahren mit einer Kostenreduktion zu rechnen.
Biokraftstoffe und E-Fuels will Müller vor allem in den Autos mit Verbrennungsmotor im Fahrzeugbestand einsetzen, der weltweit auch nach dem Jahr 2030 noch immer 1,5 Milliarden Exemplare ausmachen werde. Diese Autos könnten nicht von heute auf morgen durch E-Fahrzeuge ersetzt werden. Biokraftstoffe und E-Fuels könnten vielmehr fossilen Kraftstoffsorten beigemischt werden.
In diesen Vorschlägen sieht die Verbandspräsidentin keinen Gegensatz zu den Positionen des wichtigsten VDA-Mitglieds, des Volkswagen-Konzerns. Auch wenn die Strategien der Mitgliedsunternehmen unterschiedlich seien, „sind im VDA die Beschlüsse doch einstimmig getroffen worden“. Für alle Mitglieder hätten der Ausbau der Ladeinfrastruktur und die Konzentration auf erneuerbare Energien höchste Priorität.