Aktien: Raketen fürs Depot: So können Anleger am Raumfahrtrausch teilhaben
Der Aktienkurs von Virgin Galactic ist diese Woche eingebrochen, trotz des erfolgreichen Flugs am Sonntag. Erstmals reiste eine komplette Crew ins Weltall. Die Investoren sind aber verschnupft wegen einer Kapitalerhöhung.
Foto: imago images/Cover-ImagesMünchen. Gutes Timing ist alles: Im All und an der Börse. So startete an diesem Mittwoch der Seraphim Space Investment Trust auf dem Parkett in London. Das öffentliche Interesse war beachtlich für eine mit 180 Millionen Pfund, umgerechnet 211 Millionen Euro, eher kleine Aktienemission.
Das lag nicht nur an dem Wagniskapitalgeber für Raumfahrtfirmen selbst, sondern auch an einem prominenten Investor: Richard Branson. Der britische Milliardär hat sich an Seraphim beteiligt. Erst am Sonntag war der 70-Jährige mit seinem eigenen, börsennotierten Unternehmen Virgin Galactic in den Weltraum gereist.
Anschließend schwärmte Branson von dem einstündigen Ausflug auf eine Höhe von 86 Kilometern. „Willkommen am Beginn eines neuen Raumfahrtzeitalters“, tönte der umtriebige Unternehmer – dem Zeitalter des kommerziellen Weltraumtourismus.
Vom kommenden Jahr an will Virgin Galactic derartige Flüge vermarkten. Kunden müssen vermutlich rund 300.000 Dollar für einen Trip hinblättern, 600 Vorbestellungen soll die Firma in den Büchern haben. Branchenexperten der Schweizer Großbank UBS rechnen damit, dass sich bis Ende des Jahrzehnts ein Markt von jährlich drei Milliarden Dollar für derartige Reisen entwickelt.
Der nächste spektakuläre Flug in den Orbit steht unmittelbar bevor: Am kommenden Dienstag will sich Amazon-Gründer Jeff Bezos von seiner Firma Blue Orbit ins All befördern lassen – und wieder zurück.
Die publikumswirksamen Expeditionen rücken ein Segment in den Fokus, das Anleger sonst eher weniger im Blick haben: das der Raumfahrtfirmen. Dabei gibt es eine ganze Menge börsennotierte Unternehmen, die ihr Geld über den Wolken verdienen. Und weitere könnten demnächst dazustoßen auf dem Parkett.
Milliardär Richard Branson sowie seine Mitarbeiterinnen Beth Moses und Sirisha Bandla in der kurzen Phase der Schwerelosigkeit während des Ausflugs ins All am Sonntag.
Foto: via REUTERSIm Fokus steht in diesen Tagen natürlich vor allem Virgin Galactic. Der Aktienkurs ist jedoch schon kurz nach dem Flug eingebrochen. Am Montag verloren die Papiere 17 Prozent an Wert.
Den Investoren vergällte eine geplante Kapitalerhöhung die Freude über den Erfolg. Das Unternehmen kündigte am Montag an, neue Anteilscheine im Volumen von 500 Millionen Dollar auszugeben. Zuvor hatte sich der Kurs seit Jahresbeginn verdoppelt. Am Dienstag ging es erneut gut sieben Prozent bergab.
Über Jahrzehnte war der Orbit die Domäne staatlicher Akteure wie der US-Raumfahrtbehörde Nasa, der russischen Roskosmos oder der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Das lag vor allen Dingen an den horrenden Ausgaben für die Aktivitäten im All. Doch bahnbrechende Neuerungen haben die Kosten gesenkt.
Die zwei wohl bekanntesten Raumfahrtfirmen sind indes in privater Hand: Tesla-Gründer Elon Musk ist Eigentümer des Raketenunternehmens SpaceX. Musk setzt auf wiederverwertbare Fluggeräte. Im Mai ist der Prototyp des künftigen Raumschiffs Starship erstmals nach einem Testflug ohne Zwischenfall gelandet. Musk hat sich das Ziel gesetzt, Menschen zum Mars zu fliegen. Aber erst ist der Mond an der Reihe. Die Nasa hat SpaceX vor Kurzem mit der Entwicklung des ersten kommerziellen Mondlandegeräts beauftragt. Wiederverwertbare Raketen entwickelt auch Blue Origin, das Unternehmen von Bezos.
Der Milliardär will nächste Woche ins All reisen mit seiner Firma Blue Origin.
Foto: Reuters„Das Wachstum bringt immer mehr Unternehmen dazu, das Abenteuer Börsengang zu wagen, um sich an der bevorstehenden Revolution zu beteiligen“, sagt Rolando Grandi, Fondsmanager bei LFDE.
So könnte zum Beispiel auch Virgin Orbit bald aufs Parkett streben, ein weiteres Unternehmen von Branson. Der Nachrichtensender Sky News berichtete jüngst, Virgin Orbit verhandele mit dem Börsenmantel NextGen Acquisition Corp. Dabei werde die Firma mit drei Milliarden Dollar bewertet. Virgin Orbit gehört zu 80 Prozent Bransons Virgin Group, den Rest hält der Investmentfonds Mubadala aus Abu Dhabi. Das Unternehmen nutzt eine umgebaute Boeing 747, von der aus in großer Höhe Raketen ins All starten, um dort Satelliten abzusetzen.
Auch Airbus hat Aktien von Seraphim gekauft
Börsenneuling Seraphim Space Investment Trust steckt Risikokapital in aufstrebende Raumfahrtunternehmen, Insider sprechen von Space Tech, und hält 19 Beteiligungen; fünf davon werden mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet, sind also sogenannte Einhörner. Chairman der fünf Jahre alten Firma ist Will Whitehorn, ein ehemaliger Manager von Virgin Galactic. Zu den Anteilseignern gehört neben Branson unter anderem der Flugzeughersteller Airbus.
Der Konzern aus Toulouse ist das wohl prominenteste europäische Raumfahrtunternehmen, wenngleich die Aktivitäten im All nur einen kleineren Teil seines Geschäfts ausmachen. Genauso ist es bei Boeing, dem großen US-Rivalen von Airbus. Die Wettbewerber waren an der Börse zuletzt erfolgreich: Binnen Jahresfrist ist der Kurs von Airbus um rund zwei Drittel in die Höhe geschossen. Boeing kommt auf ein Plus von etwa einem Drittel. Diese Woche ging es aber bergab, weil die Amerikaner mit Produktionsproblemen beim Langstreckenjet 787 kämpfen.
So wie Airbus und Boeing ist auch OHB seit Jahrzehnten im Raumfahrtgeschäft. Der Bremer Konzern ist größter Zulieferer für das Ariane-Raketenprogramm von Airbus, hat aber auch eigene Ambitionen. Um den rasant wachsenden Datenverkehr abwickeln zu können, sind Tausende neuer Satelliten notwendig. OHB baut diese Trabanten.
Gleichzeitig hat OHB ein Konsortium weiterer Unternehmen um sich versammelt, um ein Spezialschiff zu einer Startrampe für kleine Trägerraketen umzubauen. Spätestens 2023 sollen die ersten sogenannten Microlauncher von diesem Offshore-Weltraumbahnhof in der Nordsee starten. Etliche deutsche Unternehmen sehnen sich nach einem solchen „Fahrstuhl in den Orbit“.
Die Aktie von OHB kostet aktuell rund 39 Euro und hat in den vergangenen zwölf Monaten etwa sieben Prozent an Wert verloren.
Milliardär Bezos will noch höher aufsteigen als Konkurrent Branson
Vielleicht strebt bald ein weiteres deutsches Unternehmen an die Börse: Isar Aerospace. Im Rahmen einer Privatplatzierung haben die Münchener gerade 75 Millionen Euro bei Investoren eingesammelt. Das Unternehmen arbeitet an einer kleinen Trägerrakete, die noch in diesem Jahr einen Satelliten ins All bringen soll.
Anleger brauchen sich aber nicht unbedingt direkt an Raumfahrtfirmen zu beteiligen. Ark Invest hat jüngst einen börsengehandelten Indexfonds, kurz ETF, aufgelegt: den Ark Space Exploration & Innovation. Der ETF investiert mindestens 80 Prozent des Kapitals in Firmen in den USA, die in den Branchen Weltraumforschung und -innovation tätig sind. Es gehören aber auch Boeing und Lockheed Martin zum Portfolio.
Statt Geld anzulegen, lässt es sich natürlich auch für Ausflüge in den Weltraum verwenden. Das scheint sich durchaus zu lohnen, wenn auch nicht finanziell. „Ich habe aus dem Fenster geschaut, und die Aussicht ist einfach umwerfend“, sagte Betriebsingenieur Colin Bennett nach dem Flug vom Sonntag. „Es ist sehr friedlich dort oben.“ Und Branson, der Virgin Galactic 2004 gründete, war einfach hin und weg: „Es ist unbeschreiblich schön.“
Was wohl Milliardär Bezos berichten wird? Der Kaufmann will kommende Woche sogar 100 Kilometer weit in den Himmel aufsteigen, also noch einmal 14 Kilometer weiter als Branson. Höher geht eben immer, nicht nur auf dem Kurszettel.