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VerbraucherpreiseInflation in der Euro-Zone steigt auf 3,4 Prozent – Höchster Stand seit 13 Jahren

Die Teuerungsrate in der Euro-Zone liegt den dritten Monat in Folge über dem Zielwert der EZB. Größter Preistreiber sind die Energiepreise.Jan Mallien 01.10.2021 - 11:56 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Die Energiepreise in Deutschland verteuerten sich im September um gut 14 Prozent.

Foto: dpa

Frankfurt. Die Inflation im Euro-Raum ist auch im September weiter gestiegen. Die Verbraucherpreise kletterten um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie das europäische Statistikamt Eurostat auf Basis einer Schnellschätzung mitteilte.

Damit liegt der Wert über dem Ziel der Europäische Zentralbank (EZB). Diese strebt eine Inflation von zwei Prozent auf mittlere Sicht an. Höher war die Inflationsrate zuletzt im September 2008 mit 3,6 Prozent. Schon im August hatte sie bei 3,0 Prozent gelegen.

Die EZB und viele Ökonomen argumentieren, dass der Preisanstieg hauptsächlich auf Sonderfaktoren zurückzuführen ist. Dazu zählen vor allem pandemiebedingte Lieferengpässe, Nachholeffekte beim Konsum und sogenannte Basiseffekte.

Gemeint ist, dass zum Beispiel der Ölpreis 2020 durch die Pandemie stark eingebrochen ist. Dadurch sind die Steigerungen derzeit im Vergleich zu den niedrigen Vorjahreseffekten besonders hoch. Größter Preistreiber sind derzeit die Energiepreise, die um 17,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegten.

Es gibt aber auch die Befürchtung, dass die Inflation auch länger höher ausfallen könnte. Commerzbank-Ökonom Christoph Weil verweist darauf, dass auch die sogenannte Kerninflation im September auf 1,9 Prozent deutlich gestiegen ist. Aus dieser werden besonders schwankungsanfällige Preise für Energie und Lebensmittel herausgestrichen.

Auch wenn die Rate durch Sondereffekte deutlich nach oben verzerrt sei, zeige sie doch, „dass der unterliegende Preisauftrieb infolge der Lieferengpässe und der Erholung vieler Dienstleistungspreise nach der Lockerung der Coronabeschränkungen zugenommen hat“. Er rechnet allerdings damit, dass der Inflationsdruck von dieser Seite im Laufe des nächsten Jahres wieder nachlassen wird.

Auch Carsten Brzeski, Ökonom der niederländischen Großbank ING, rechnet damit, dass im nächsten Jahr einige Einmaleffekte auslaufen werden. Allerdings hält er es für möglich, dass die Inflation durch sogenannte Zweitrundeneffekte hartnäckiger auf höherem Niveau bleiben könnte.

Gemeint sind Preiserhöhungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen. Zum Beispiel, wenn Produzenten die Preise anheben, weil Vorprodukte teurer werden. In der Vergangenheit haben sie oft darauf verzichtet und stattdessen geringere Gewinnmargen in Kauf genommen.

So schätzen Ökonomen die Situation ein
„Der Verbraucherpreisanstieg wird sich in den kommenden Monaten fortsetzen. Vor allem die deutsche Mehrwertsteuerreduktion des Vorjahres und die gestiegenen Energiepreise treiben die Teuerung nach oben. Weiter steigende Inflationsraten sollten also für kein Raunen sorgen. Notenbanker und Volkswirte wissen, was passieren wird – zumindest was die noch verbleibenden Monate dieses Jahres anbelangt.So sehr das aktuelle Inflationsniveau und das der kommenden Monate prognostizierbar ist, so groß ist die Unsicherheit für das kommende Jahr. Die Inflationsraten werden zum Jahresbeginn 2022 fallen, so viel steht fest. Doch die Frage ist, wie stark es in den Rückwärtsgang geht? Unübersehbar ist, dass derzeit so gut wie alles teurer wird. Jüngst kam nun neue Dynamik beim Gaspreisanstieg hinzu. Letzterer wird seine volle Wirkung erst im kommenden Jahr zeigen.Der Blick gilt deshalb vermehrt der Lohnentwicklung. Würden die höheren Konsumentenpreise Niederschlag in den Arbeitnehmerentgelten finden, bestünde das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale. Dies wären dann die vielgefürchteten Zweitrundeneffekte. Noch ist davon nichts zu spüren, doch die Notenbanker sind mittlerweile nicht mehr ganz so gelassen wie noch vor wenigen Wochen.“
„Die jüngsten erheblichen Preissprünge bei Öl, Gas und Elektrizität haben sich noch nicht in der Inflation niedergeschlagen. Üblicherweise geschieht dies mit Verzögerung, sodass in den kommenden Monaten mit weiter anziehenden Inflationsraten in Richtung vier Prozent wahrscheinlich gerechnet werden muss, bevor sich 2022 wieder eine gewisse Normalisierung einstellen sollte. Das Risiko bleibt aber, dass zusammen mit anderen Problemen im Zuliefererbereich die Inflation 2022 doch höher ausfallen könnte, als dies bisher – auch von der Europäischen Zentralbank – erwartet wurde. Im Dezember erwarten wir, dass die EZB darauf reagiert und mit einer gewissen geldpolitischen Normalisierung beginnt.“
„Beim Preisanstieg geht die Post weiter auf der Energieseite ab. Der Anstieg der Inflationsrate wird sich noch bis zum Jahresende fortsetzen. Nur wenn es günstig läuft, rutscht die Vier nicht vors Komma. Weiten sich die globalen Energieengpässe weiter aus, wird die Inflationsrate 2022 kaum zum EZB-Preisziel von 2,0 Prozent zurückkehren. Um eine ernste Inflationslage handelt es sich dann, wenn sich Zweitrundeneffekte stärker durchsetzten. Dazu gehört vor allem das Lohnwachstum.“
„Im November dürfte die Inflationsrate mit etwa 3,5 Prozent den Hochpunkt in diesem Jahr erreichen. Anfang des kommenden Jahres wird sie dann wieder deutlich nachgeben, wenn die Senkung der deutschen Mehrwertsteuer im zweiten Halbjahr 2020 die Inflationsrate nicht mehr nach oben verzerrt, die Coronaeffekte nachlassen und die Lieferengpässe allmählich überwunden werden. Eine nachhaltig höhere Inflation ist erst zu erwarten, wenn sich der Lohnauftrieb deutlich verstärkt. Hiervon ist bislang jedoch noch nichts zu spüren.“

Brzeski rechnet aber im aktuellen Umfeld damit, dass die Unternehmen die höheren Preise eher an die Konsumenten weiterreichen. Außerdem verweist er auf Engpässe am Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte und eine mögliche stärkere Regionalisierung von Lieferketten als Folge der Pandemie, die ebenfalls zu höheren Preisen führen könnte. Industriegüter verteuerten sich im September um 2,1 Prozent, wobei der Energiesektor ausgeklammert wurde.

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Die EZB hatte ihre Inflationsprognosen im September deutlich angehoben. Sie sieht den Höhepunkt des Inflationsschubs in etwa im November. Für dieses Jahr erwartet sie nun für den Euro-Raum eine Steigerungsrate von 2,2 Prozent. Danach rechnet sie wieder mit niedrigeren Werten von 1,7 Prozent für 2022 und 1,5 Prozent für 2023.

Besonders hoch liegt die Inflation im Euro-Raum in den baltischen Staaten Estland (6,4 Prozent), Litauen (6,3 Prozent) und Lettland (4,6 Prozent), aber auch in Spanien (4,0 Prozent). Für Deutschland hatte das Statistische Bundesamt bereits am Donnerstag die Zahlen vermeldet. Nach dem europäischen Maß des harmonisierten Verbraucherpreisindexes (HVPI) lag die Inflation bei 4,1 Prozent. Der etwas anders zusammengesetzte deutsche Verbraucherpreisindex (VPI) stieg im selben Monat ebenfalls um 4,1 Prozent.

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