Programmieren lernen für Kinder und Jugendliche: Privatschulen setzen auf spielerischen Coding-Unterricht
Kiel. Glas aufschrauben, Messer reinstecken, Marmelade verteilen: Brote schmieren gehört an der Kämmer International Bilingual School (KIBS) in Hannover zum Unterrichtsstoff – in Informatik. An der Privatschule werden schon Erstklässler ans Programmieren herangeführt, ohne dabei stundenlang vor dem Rechner zu hocken. Sie sollen spielerisch erfahren, wie eine binäre Maschine tickt. „Coding setzt voraus, komplexe Prozesse zu durchdenken, in einzelne Schritte zu zerlegen und präzise, eindeutige Anweisungen zu formulieren“, erläutert Grundschulleiterin Maren Clarke.
Das lässt sich auch offline üben. Etwa, indem Schüler sich gegenseitig zu einem versteckten Schatz navigieren, mit einem selbst gebastelten „Controller“ aus Pappe ein anderes Kind fernsteuern wie einen Roboter – oder ihre Lehrerin so „programmieren“, dass sie ein leckeres Marmeladenbrot schmiert.
IT-Experten und Programmierer werden in der Wirtschaft dringend gebraucht, und doch kommt die Vermittlung digitaler Kompetenzen in vielen Lehrplänen zu kurz. Coding gehöre zu den Schlüsselqualifikationen des 21. Jahrhunderts, sagt Clarke. „Dem können wir uns als allgemeinbildende Schule nicht verschließen.“
Kreativität und Logik fördern
Die Sorge mancher Eltern, dass Coding-Unterricht Kinder zu kleinen Nerds erziehe, die sich nur noch für Bits und Bytes interessieren, teilt die Pädagogin nicht. Vielmehr fördere er Kreativität, logisches und problemlösungsorientiertes Denken sowie Medienkompetenz. Wie fast alle Lehrkräfte an der zweisprachigen Schule hat Clarke, die für das Curriculum von der Einschulung bis zum Abitur verantwortlich ist, längere Zeit im Ausland unterrichtet. Doch vieles, was sich international bewährt habe, finde sich nicht in deutschen Lehrplänen. Das niedersächsische Pflichtprogramm in Informatik ergänzt sie deshalb um internationale Standards.
Eine Mehrzahl aller Eltern wünscht sich mehr digitale Inhalte und Medien im Unterricht. Einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom zufolge sind 60 Prozent der Eltern der Ansicht, dass Schulen Programmieren ebenso selbstverständlich vermitteln sollten wie Schreiben und Rechnen. Doch die Realität sieht anders aus: 30 Jahre nach der Erfindung des Internets gleich das Angebot an Informatikunterricht in Deutschland nach wie vor einem „Flickenteppich“, schreibt die Gesellschaft für Informatik (GI) im „Informatik-Monitor“. Ob und wann Schülern digitale Kompetenzen vermittelt bekommen, hänge maßgeblich von Wohnort und Schulform ab.
Doch ohne spannende Projekte und altersgerechten Unterricht würden viele Kinder das Fach Informatik schon früh als langweilig und kompliziert abschreiben, vor allem Mädchen, warnt der GI-Schulexperte Peer Stechert. „Informatikbildung darf kein Privileg sein. In einer digital vernetzten Welt muss sie fester Bestandteil der Allgemeinbildung werden.“
Immer mehr private Anbieter versuchen genau das. Zu den „Smart Schools“ mit moderner digitaler Infrastruktur, pädagogischem Konzept und engagiertem IT-affinen Kollegium, die Bitkom jährlich auszeichnet, gehören zahlreiche Privatschulen. Neben der KIBS in Hannover sind auch die Best Sabel Grundschule Berlin und die Galileo Grundschule Stuttgart vertreten, die beide zur Klett-Gruppe gehören, ebenso einige Schulen in kirchlicher Trägerschaft. Auch smarte Internate gibt es, etwa Steinhöfel in Marburg oder Schloss Hagerhof in Bad Honnef.
Daneben gibt es ein wachsendes Angebot an Coding-Kursen außerhalb der Schule. Die Bandbreite der Initiatoren reicht von privaten Bildungsunternehmen wie Berlitz bis zu regionalen Elterninitiativen. So bietet die Hamburger Hacker School in Kooperation mit mehreren Unternehmen bundesweit Programmier-Workshops für Schüler von elf bis 18 Jahren an. Anstelle von Pädagogen zeigen hier IT-Profis, woran sie arbeiten und geben ihr Wissen in anschaulichen Projekten weiter – Spaßfaktor inklusive.
Die Inhalte legen die ehrenamtlichen Kursleiter selbst fest, sie sollen vermitteln, wofür sie selbst brennen. „Wir verfolgen bewusst kein festes Curriculum“, sagt Schulleiterin Julia Freudenberg. „Wenn ein Erwachsener von etwas fasziniert ist, ist es leicht, auch Kinder dafür zu begeistern.“
Tausende Lehrkräfte fehlen
Nötig wäre es. Schon heute finden Arbeitgeber im IT-Sektor nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter. Und einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group (BCG) zufolge wird sich der Fachkräftemangel bis 2030 weiter verschärfen. Die Unternehmensberatung geht bis dahin von mehr als einer Million offener Stellen aus – 56 Prozent mehr als heute.
Schulleiterin Clarke plädiert für die Einführung von Informatik als Pflichtfach von der Grundschule bis zum Abitur, so kennt sie es aus Großbritannien. Doch dafür bräuchte es weit mehr als politischen Willen: Laut dem Hochschul-Bildungsreport wären 30.000 Informatiklehrkräfte nötig, fünfmal mehr als derzeit in ganz Deutschland im Dienst stehen.
Neben der technischen Ausstattung fehlt es vielen Schulen offenbar schlicht an Know-how, um Smartboards, Tablets oder Programmierapps im Unterricht zu nutzen. Nicht einmal 25 Prozent der Schulen haben einen professionellen IT-Administrator, weniger als die Hälfte verfügen über ein stabiles WLAN, ergab eine Umfrage des Deutschen Philologenverbands unter Gymnasiallehrern.
Dieser Art von Fachkräftemangel versuchen Unternehmen und wirtschaftsnahe Institutionen mit Angeboten speziell für Lehrkräfte entgegenzuwirken. So hat der Handelskonzern Otto Group aus der digitalen Weiterbildung für die eigenen Mitarbeiter das Bildungsprogramm „TechUcation@school“ entwickelt, das Hamburger Lehrer kostenlos nutzen können.
Die Vodafone Stiftung bietet mit „Coding for Tomorrow“ Pädagogen in fünf Bundesländern Programmierkurse, Unterrichtsmaterial und Schulungen an. „Ohne Digitalbezug im Unterricht werden es Kinder auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft schwer haben“, sagt Projektleiterin Claudia Tillmann.
Ein ähnliches Konzept verfolgt die gemeinnützige Organisation Code.org, die weltweit von Unternehmen wie Amazon, Facebook, Google oder Microsoft finanziell unterstützt wird. Maren Clarke nutzt an der KIBS kostenlose Fortbildungsangebote von Apple: „Als bilinguale Schule benötigen wir Material auf Deutsch und Englisch“, sagt sie. Sogar zum Broteschmieren.