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PharmabrancheRoche warnt vor Wartezeiten bei Corona-Schnelltests: „Wir sind komplett am Limit“

Das Geschäft mit Antigentests beflügelt das Ergebnis des Pharmakonzerns. Spartenchef Thomas Schinecker mahnt jedoch einen Ausbau der PCR-Testkapazitäten an.Maike Telgheder, Jakob Blume 03.02.2022 - 11:59 Uhr Artikel anhören

Pro Monat können laut dem Konzern mehr als 100 Millionen Tests produziert werden.

Foto: imago images/Eckhard Stengel

Frankfurt, Zürich. Abnehmer von Corona-Schnelltests des Schweizer Pharmakonzerns Roche müssen sich auf längere Wartezeiten einstellen. Grund dafür seien die stark schwankende Nachfrage und das globale Logistikchaos, sagte Roche-Diagnostikchef Thomas Schinecker dem Handelsblatt. „Bei den Antigentests sind wir komplett am Limit“, so Schinecker.

Das Unternehmen lässt seinen Antigentest von der südkoreanischen Firma SD Biosensor fertigen. Pro Monat können laut Roche mehr als 100 Millionen Tests produziert werden.

Doch kurzfristige Massenbestellungen bringen das Unternehmen an die Kapazitätsgrenze: „Es gibt Regierungen, die möchten auf einmal 20, 30 oder 40 Millionen Tests bestellen“, berichtet Schinecker. Hinzu kommen individuelle Anforderungen an die Verpackung und den Beipackzettel. Daher brauche Roche vom Zeitpunkt der Bestellung bis zur Auslieferung derzeit bis zu sechs Wochen.

Darüber hinaus bremsen chaotische Lieferketten: „Allein in diesen Tagen Flüge zu bekommen ist eine Herausforderung und kann mehrere Wochen dauern“, sagt Schinecker.

Trotz der Schwierigkeiten boomt die Diagnostiksparte von Roche – und bescherte dem Baseler Konzern ein starkes Jahresergebnis. Der Umsatz wuchs um neun Prozent auf 62,8 Milliarden Schweizer Franken, umgerechnet rund 60 Milliarden Euro, wie Roche am Donnerstag bekannt gab.

So konnte der Pharmariese die selbst gesteckten Ziele übertreffen: Konzernchef Severin Schwan hatte als Zielmarke ein niedriges bis mittleres einstelliges Wachstum ausgegeben.

Während das Medikamentengeschäft wegen der Konkurrenz durch Nachahmerprodukte (Generika) nahezu stagnierte, wuchs die Diagnostik um 29 Prozent. Mit einem Umsatz von 17,8 Milliarden Franken macht das Test-Geschäft inzwischen 28 Prozent des Gesamtumsatzes aus. 2020 lag der Anteil noch bei 23 Prozent. Allerdings ist die Diagnostiksparte nach wie vor weit entfernt von der Profitabilität der Pharmasparte.

Roche versichert: Omikron hat keinen Einfluss auf die Testgüte

Seit Ausbruch der Pandemie hat Roche nach eigenen Angaben weltweit mehr als 1,2 Milliarden Covid-19-Tests bereitgestellt. Darunter fallen alle drei Testarten: PCR-, Antigen- und Antikörpertests.

Mit 138 Prozent wuchs das sogenannte Point-of-Care-Geschäft, unter das die Corona-Selbsttests fallen, besonders stark. Einzelne Studien hatten zuletzt jedoch Zweifel an der Güte der Roche-Schnelltests in der Omikron-Welle geschürt. Zudem schnitt der Test in einem Vergleich des Paul-Ehrlich-Instituts schlechter als die Konkurrenz ab.

Diesem Eindruck tritt Schinecker entschlossen entgegen: „Wir sehen derzeit nicht, dass unser Test Omikron-Infektionen weniger gut nachweist.“ Der Antigentest docke an eine Region des Virus an, die nicht mutiert sei.

Insgesamt rät der Diagnostikchef zu einem genaueren Blick auf das Studiendesign: „Wenn man auf einzelne Studien schaut, die einen limitierten Pool an Patienten haben, dann sollte man nicht zu 100 Prozent auf die Gesamtperformance eines Tests zurückschließen.“ Der Roche-Test hat in zwei Metaanalysen des Forschungsnetzwerks Cochrane mit 78 Studien und über 24.000 Patienten sowie der Universität Heidelberg mit 74 Studien und insgesamt über 30.000 Patienten „sehr gut“ abgeschnitten.

Wesentlich sicherere Diagnosen liefern PCR-Tests. Hier gehört Roche zu den Marktführern bei automatisierten Testsystemen. In Deutschland klagen viele Labore jedoch über Kapazitätsengpässe – einige setzen bereits auf eine Priorisierungsstrategie, um der hohen Nachfrage Herr zu werden.

Roche-Diagnostikchef Schinecker sagt jedoch, dass der Hersteller bei der Lieferung von PCR-Tests noch Luft nach oben hat: „Wir haben in den vergangenen Wochen einen rapiden Anstieg der Nachfrage nach Tests gehabt.“ Roche habe das Limit aber noch nicht erreicht.

Der Konzern habe seine Kapazitäten seit der Pandemie mehr als verzehnfacht und über 600 Millionen Schweizer Franken investiert, erklärt Schinecker. Während in einem normalen Jahr in der Diagnostiksparte zwei bis drei neue Produktionsanlagen ausgebaut würden, habe man in den vergangenen beiden Jahren mehr als 90 Produktionsanlagen aufgebaut und mehr als 1000 Mitarbeiter eingestellt.

Deutsche Labore maximal ausgelastet

Die Kapazitätsprobleme in den deutschen Laboren könnten nach Ansicht von Schinecker abgemildert werden, indem mehr Geräte mit hoher Automation aufgestellt würden. „Wenn man die Zahl der Tests maßgeblich erhöhen will, dann geht das eigentlich nur über die Hochdurchsatzsysteme“, so der Manager.

Nach den aktuellen Zahlen des Vereins der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) sind die rund 180 in der Statistik erfassten Labore zu 95 Prozent ausgelastet. Insgesamt wurden in der vergangenen Woche mehr als 2,4 Millionen Corona-PCR-Tests durchgeführt. Engpässe gibt es vor allem, weil qualifiziertes Personal fehlt.

Die Anschaffung neuer automatisierter Laborgeräte ist für den ALM-Vorsitzenden Michael Müller daher nicht das erste Mittel der Wahl gegen begrenzte Kapazitäten. „Wenn die Politik einen noch rascheren und stärkeren Ausbau der Kapazitäten anstrebt, sollten hier auch stärker Labore aus den Bereichen beteiligt werden, die im direkten Einfluss- und Entscheidungsbereich der Länder liegen“, sagt Müller. Das wären etwa die Landeslabore für Humanmedizin und Veterinärmedizin.

Die Diagnostiksparte beschert dem Pharmakonzern ein starkes Jahresergebnis.

Foto: Reuters
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Allerdings können die überlasteten Labore auf Entlastung durch den saisonalen Verlauf der Pandemie hoffen. Für das laufende Jahr stellt sich Roche auf folgendes Szenario ein: Im Sommer gehen die Infektionszahlen zunächst zurück, steigen dann im Winter allerdings wieder an.

„Wenn wir im Herbst in die Erkältungssaison gehen, werden wir wieder mit Tests klären müssen, welche Krankheiten aufkommen: Ist es eine Erkältung, Influenza oder doch Sars-Cov-2?“, sagt Schinecker. „Und dann muss geklärt werden, welche Varianten sich verbreiten und wie gefährlich sie sind.“ Er rechnet damit, dass auch längerfristig in Europa getestet wird: „Nicht so viel wie aktuell, aber auf jeden Fall mehr als in der Vergangenheit.“

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