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Morning BriefingPräsident Macron, der vorsichtige Vermittler

Christian Rickens 07.02.2022 - 06:12 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Die erste Reise eines deutschen Bundeskanzlers nach Washington hat ja schon in normalen Zeiten etwas vom Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern. Es gilt, allzeit ein transatlantisches Gesicht zu machen, keinesfalls vorlaut zu wirken, aber auch rechtzeitig klarzustellen: Man hat nicht die Absicht, in Zukunft alle Urlaube gemeinsam auf dem gleichen Campingplatz zu verbringen. Eine Aufgabe, die Olaf Scholz heute bei US-Präsident Joe Biden in besonders schwierigen Zeiten absolvieren muss.

Foto: dpa

„Scholz hat den Vertrauensvorschuss, den ein jeder Kanzler hat, in der Ukrainekrise ein Stück weit verspielt“, analysiert mein Kollege Martin Greive, der Scholz auf der Reise nach Washington begleitet. „Scholz muss vor allem in Washington jeden Zweifel zerstreuen, Deutschland sei ein unzuverlässiger Partner. Die Signale, die zuletzt aus der Bundesregierung kamen, waren vor allem in der Frage der Ostseepipeline Nord Stream 2 widersprüchlich.“

Gleichzeitig, Stichwort gemeinsame Urlaube, muss Scholz natürlich auch im Auge behalten, dass es durchaus unterschiedliche Interessen zwischen Washington und Berlin in der Ukrainefrage gibt. Die Bundesrepublik ist im Unterschied zu den USA von russischen Erdgaslieferungen abhängig, die kurzfristig nicht ersetzt werden können. Gleichzeitig hat Russland die notwendigen Währungs- und sonstigen Reserven, um westlichen Sanktionen nach einem Einmarsch ziemlich lange zu widerstehen, wie unser Außenpolitik-Experte Torsten Riecke analysiert.

Dementsprechend dringlich müsste eigentlich das Bedürfnis der Bundesregierung sein, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Verhandlungsangeboten und symbolischen Zugeständnissen einen gesichtswahrenden Rückzug seiner aufmarschierten Truppen zu ermöglichen. Allerdings hat man auch in dieser Hinsicht aus Berlin noch nicht viel vernommen.

Die Rolle des vorsichtigen Vermittlers liegt derzeit eher bei Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, der heute Putin in Moskau trifft und am Sonntag in einem Interview mit dem „Journal du Dimanche“ einen vorsichtigen Schritt auf Russland zumachte: „Die Sicherheit und Souveränität der Ukraine und jeder anderen europäischen Nation darf in keiner Weise gefährdet werden. Gleichzeitig ist es legitim, dass Russland das Thema seiner eigenen Sicherheitsbedenken zur Sprache bringt.“ Man muss kein Diplomat sein um zu erkennen: Der zweite Teil des Zitats ist der entscheidende.

Unter Rauchern ist es ein verbreitetes Phänomen: Vorm Check-up beim Kardiologen noch schnell die letzte Packung wegquarzen – wahrscheinlich wird einem der Arzt das Rauchen ja gleich verbieten. Auch Konditoreien in der Nachbarschaft von Fastenkliniken sollen erstaunlich gut florieren, berichten Eingeweihte.

Dieses Verhaltensmuster übersetzt in die Sphäre der Unternehmensstrategie lässt sich in der Autoindustrie beobachten. Irgendwie weiß man ja, dass sich die Zeiten von PS-strotzenden Schwergewichtskarossen schon aus Klimaschutzgründen dem Ende zuneigen. Aber bis dahin nimmt man noch einmal alles mit, was geht: Zwischen 2010 und 2020 sind die in Deutschland verkauften Neuwagen noch einmal deutlich teurer, schwerer und leistungsstärker geworden.

Foto: imago images/sepp spiegl

Und dieser Trend setzt sich fort. „Größere Modelle sind beliebt. Die Menschen wollen sich aufgrund der Covidpandemie etwas gönnen“, sagt Audi-Chef Markus Duesmann im Interview mit dem Handelsblatt. Audi will nach dem Kleinwagen A1 auch das Kompakt-SUV Q2 einstellen, dafür aber zusätzliche Luxusmodelle entwickeln. Duesmann: „Wir werden unsere Modellpalette nach unten begrenzen und nach oben erweitern.“

Eine ähnliche Strategie verfolgt Mercedes. Die Stuttgarter streichen die kompakte B-Klasse und setzen verstärkt auf S-Klasse, den Luxus-Ableger Maybach und die Sporttochter AMG. Auch BMW hat den Absatz seiner Topmodelle wie X7 und die 8er-Reihe in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt. Sogar Massenhersteller wie Renault und Stellantis wollen künftig mehr hochpreisige Autos bauen.

Treiber ist auch der akute Mangel an Halbleitern: Es macht aus Sicht der Konzernlogik schlicht Sinn, die knappen Chips bevorzugt in teuren Autos zu verbauen, denn die bringen pro Fahrzeug am meisten Gewinn.

Und dann ist da noch Elizabeth II. aka „The Queen“, die gestern den 70-jährigen Jahrestag ihrer Thronbesteigung beging. Zum Jubiläum gabs ein fein formuliertes Statement, das jedem Branding-Profi das Herz hüpfen ließ.

Das ging los mit dem schlichten Briefkopf – „Sandringham House“, der Landsitz der Queen in Norfolk, der in Wirklichkeit natürlich kein Haus ist, sondern ein Schloss. Das setzte sich fort mit der beiläufigen Bestätigung der dynastischen Planung (Charles wird König, Camilla „Queen Consort“, aber erst „in the fullness of time“, also eher nicht solange Elizabeth lebt). Und wird getragen von einem betont optimistischen Grundton: „Die letzten sieben Dekaden haben bemerkenswerten gesellschaftlichen, technologischen und kulturellen Fortschritt für uns alle hervorgebracht.“ Darunter ein schlichtes handschriftliches „Elizabeth R“ – der Buchstabe steht für Regina, Königin – fertig ist das royale Gesamtkunstwerk.

Und Recht hat sie ja, die Queen: Als sie den Thron bestieg, waren Lebensmittel in Großbritannien noch rationiert. Da erscheinen die derzeitigen Brexit-bedingten Lücken in den Tesco-Regalen gleich viel kleiner. Man muss nur den Betrachtungszeitraum lang genug wählen, dann entwickelt sich fast alles zum Besseren.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie die langen Linien im Blick behalten.

Ihr

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Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

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