Interview: Bürgermeister von Grünheide: Wasserversorgung für Tesla-Gigafactory ist für erste Ausbaustufe gesichert
„Ein Lottogewinn ist die Ansiedlung immer noch.“
Foto: BloombergGrünheide. Die Wasserversorgung für die Tesla-Gigafactory in Grünheide bei Berlin ist bei einem weiteren Ausbau der Fabrik nach Ansicht des Bürgermeisters der Gemeinde, Arne Christiani (parteilos), noch nicht gesichert. Für die erste Ausbaustufe sei die Versorgung „klar vertraglich geregelt“, sagte Christiani dem Handelsblatt. „Für alle weiteren Ausbaustufen gibt es bisher keine Vereinbarungen.“ Die gegenwärtig vorhandenen Fördermengen reichen nicht aus.
Insofern werde es technische Lösungen geben müssen, zum Beispiel ein neues Wasserwerk, sagte Christiani weiter. „Oder man stellt sich der Herausforderung, das Wasser von den Stellen, wo es vorhanden ist, dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird. Dazu müsste man dann aber im großen Stil Rohre verlegen.“
Christiani dämpfte zugleich die Erwartungen an mögliche wirtschaftliche Effekte durch die Tesla-Ansiedlung. Er nahm dabei Bezug auf Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD), der von einem Sogeffekt gesprochen hatte, der weitere Unternehmen anziehen werde. „In der Umgebung gibt es auf jeden Fall Bewegung“, sagte Christiani. „Bei uns in der Gemeinde aber nicht, weil es keine Gewerbeflächen gibt.“
Die letzte große Gewerbefläche von 35 Hektar habe die Hamburger ECE Group im Ortsteil Hangelsberg erworben. Darüber hinaus sei aber nicht vorgesehen, weitere Gewerbegebiete auszuweisen.
„Das ist aber auch gewollt“, betonte der Bürgermeister. „Wir wollen weiter Erholungsgebiet bleiben.“ Es gebe sogar Überlegungen innerhalb der Gemeindevertretung, Grünheide als Erholungsort anerkennen zu lassen.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Christiani, sind Sie erleichtert, dass Tesla nun endgültig starten kann? Sie haben die Ansiedlung mal als Lottogewinn bezeichnet.
Ja, ein Lottogewinn ist die Ansiedlung immer noch, vor allem, weil viele junge Menschen aus der Region schon heute bei Tesla arbeiten. Sie mussten nicht in andere Bundesländer übersiedeln, so wie es jahrelang normal war, weil Arbeitsplätze fehlten.
Ist die finale Genehmigung für das Tesla-Werk für Sie ein Grund zum Feiern?
Der Ministerpräsident hat gesagt, dieses Projekt wird an der Brandenburger Bürokratie nicht scheitern. Daran halten sich wirklich alle konsequent, das Land Brandenburg, der Landkreis und die Gemeinden, wirklich alle. Wenn das auch in anderen Bereichen so weitergeht und wir die Infrastrukturmaßnahmen und die vielen kommunalen Vorhaben mit Schulen und Kitas in den nächsten Jahren wie geplant umsetzten, könnte das wirklich ein Feiertag für die Gemeinde werden.
Wie ist die Stimmung in der Gemeinde? Es gab ja auch viel Skepsis.
Na ja, es gab und gibt eine positive Gesamteinstellung zu dieser Ansiedlung, das hat sich nicht geändert. Beim Tag der offenen Tür im Oktober vergangenen Jahres ist es Tesla dann gelungen, die Stimmung noch einmal positiv zu verändern.
Wie das?
Die Menschen konnten mal einen Blick hinter die Kulissen werfen und sehen, was und wie produziert wird und welche Möglichkeiten es gibt, bei Tesla zu arbeiten. Es ist ja nicht jeder in seinem Leben schon in einer Autofabrik gewesen. Es ist schon faszinierend, wie vollautomatisiert der Ablauf ist und auch, welche anspruchsvollen Berufe ausgeübt werden können. Das hat viele Besucher beeindruckt, denke ich. Sätze wie „Wer weiß, ob da jemals Autos gebaut werden“ habe ich seitdem auch nicht mehr gehört.
Haben Sie Elon Musk getroffen oder ihm mal die Hand geschüttelt?
Nein, noch nie.
Für das Volksfest hatten die Behörden bis zu 9000 Menschen gleichzeitig zugelassen. (Archivbild vom 9. Oktober 2021)
Foto: dpaHätten Sie das erwartet?
Nein, das wäre doch mitten im Genehmigungsverfahren taktisch unklug.
Gemeinde hat Schub bekommen
Wie groß ist das Interesse an Grünheide seit der Ansiedlungsentscheidung geworden?
Das Interesse ist definitiv größer geworden, eine Woche nach Bekanntgabe der Ansiedlung riefen die ersten Investoren an. Grünheide wird aber definitiv kein zweites Wolfsburg. Unsere Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass die Strukturen der einzelnen Ortsteile nicht kaputt gemacht werden.
Es gibt keine großen Bauvorhaben?
Die Gemeinde hat eine Fläche von 126 Quadratkilometern. Davon sind 95 Quadratkilometer Wald. Fünf Quadratkilometer Wasser. Auf den Rest verteilen sich landwirtschaftliche Flächen, Straßen, Wege, Plätze – und 9000 Menschen. 85 Prozent der gesamten Fläche ist geschützte Fläche, befindet sich also im Natur- und Landschaftsschutzgebiet. Eine behutsame Bebauung ist natürlich möglich, aber bei 12.000, maximal 13.000 Einwohnern ist Schluss.
Was alles ist dem Tesla-Effekt geschuldet?
Die Gemeinde hat einen Schub bekommen. Nehmen Sie nur die Bahnverbindung: Der Regionalexpress fährt Grünheide seit 2020 im Halbstundentakt an, vorher war es nur jede Stunde. Was wir uns nie hätten träumen lassen, ist der Neubau einer Rettungszentrale mit Feuerwehr, Taucherstaffel, Wasserrettung, Notarzt. Das ist ziemlich einzigartig für ein 9000-Seelen-Dorf und ein riesiger Mehrwert für die Bevölkerung.
Erweiterung des Tesla-Werks
Wie stehen Sie zu einer potenziellen Erweiterung des Tesla-Werks? Reicht die erste Ausbaustufe von der Größe her nicht schon für die Region?
Nein, eigentlich nicht. Es gilt der beschlossene Bebauungsplan. Und der geht im Bereich der Infrastrukturmaßnahmen von einem Endausbau mit bis zu 40.000 Beschäftigten aus. Nur für eine Ausbaustufe hätte der Investor nicht 300 Hektar kaufen müssen.
Der brandenburgische Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) hat von einem Sogeffekt aufgrund der Tesla-Ansiedlung gesprochen, der weitere Unternehmen anziehen wird. Hat sich da schon was getan?
In der Umgebung gibt es auf jeden Fall Bewegung. Bei uns in der Gemeinde aber nicht, weil es keine Gewerbeflächen gibt. Die letzte große Gewerbefläche von 35 Hektar hat die Hamburger ECE Group im Ortsteil Hangelsberg erworben. Darüber hinaus ist nicht vorgesehen, weitere Gewerbegebiete auszuweisen.
Das heißt dann aber auch, dass der wirtschaftliche Tesla-Effekt für die Gemeinde begrenzt ist.
Ja, der wirtschaftliche Effekt durch die Tesla-Ansiedlung ist begrenzt. Das ist aber auch gewollt. Wir wollen weiter Erholungsgebiet bleiben. Es gibt sogar Überlegungen innerhalb der Gemeindevertretung, Grünheide als Erholungsort anerkennen zu lassen.
Wasser ist eines der besonders sensiblen Themen bei der Ansiedlung. Teilen Sie die Sorge, dass wegen Tesla nicht genügend Wasser für die Bevölkerung da sein könnte?
Das ist nicht die vorherrschende Meinung in der Bevölkerung. Der Wasserverband muss Tesla mit Wasser beliefern und Abwasser abnehmen. Das ist für die erste Ausbaustufe klar vertraglich geregelt. Für alle weiteren Ausbaustufen gibt es bisher keine Vereinbarungen. Fakt ist: Die gegenwärtig vorhandenen Fördermengen reichen dafür nicht aus. Insofern wird es technische Lösungen geben müssen, zum Beispiel ein neues Wasserwerk. Oder man stellt sich der Herausforderung, das Wasser von den Stellen, wo es vorhanden ist, dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird. Dazu müsste man dann aber im großen Stil Rohre verlegen.
Elon Musk selbst hat mal gesagt, die Bäume im Umfeld des Werksgeländes würden ja nicht wachsen, wenn es kein Wasser gäbe, und man sei ja hier nicht in der Wüste. War die Aussage hilfreich?
Den Eindruck, es gebe hier genügend Wasser, kann man gewinnen, wenn man, wie Herr Musk, aus dem Flugzeug auf die Region herunterschaut. Was er ausblendet, ist die ganze Problematik um das Grundwasser. Es gab auch Stimmen, die gesagt haben, was wollt ihr denn, so groß ist die Fabrik ja gar nicht. Ich habe dann erwidert, wenn man auf einer Höhe von 7000 Meter im Flieger sitzt, dann sieht das eben nicht so groß aus.