Gasverbrauch: Wofür Erdgas in Deutschland verwendet wird
Mittlerweile deckt Deutschland das Gros des Gasbedarfs aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden.
Foto: REUTERSBerlin, Düsseldorf. Der Wegfall der russischen Erdgaslieferungen hat wohl kaum ein Land so sehr in Bedrängnis gebracht wie Deutschland. Mehr als die Hälfte des hierzulande verbrauchten Gases kam vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs aus Russland.
Dank Einsparungen, Schiffslieferungen aus Katar und den USA und Mehrproduktion aus europäischen Nachbarländern konnte ein Versorgungsausfall gerade noch abgewendet werden.
Mittlerweile füllen sich die Gasspeicher wieder, und die Gaspreise auf dem Weltmarkt haben sich etwas beruhigt. Trotzdem ist der Gasverbrauch in Deutschland vergleichsweise hoch.
Von allen EU-Mitgliedstaaten verbraucht die Bundesrepublik nach wie vor das meiste Gas – und zwar nicht nur fürs Heizen. Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Gasverbrauch in Deutschland.
Gasverbrauch: Wofür wird Gas in Deutschland benötigt?
Erdgas wird in Deutschland vor allem für die Bereitstellung von Wärme und Warmwasser verwendet. Wer über die Energiewende spricht, redet meist über Strom oder den Verkehr. Dabei macht die Wärme- und Kälteerzeugung knapp die Hälfte der in Deutschland verbrauchten Energie aus.
Gas ist hierzulande der meistgenutzte Energieträger, wenn es ums Heizen geht. Laut einer Auswertung des Branchenverbands BDEW wird noch rund die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland mit Gas beheizt. Ein Viertel aller Wohnungen heizt mit Öl.
Der Gebäudesektor ist einer der größten Energieverbraucher. Etwa 75 Prozent der Wohngebäude hierzulande sind mit einer Öl- oder Gasheizung ausgestattet, rund ein Drittel der klimaschädlichen Treibhausgase in Deutschland lässt sich dem Gebäudesektor zuordnen. Laut Umweltbundesamt stammen bislang erst 17,4 Prozent der Energie im Bereich Wärme aus erneuerbaren Energien.
Erdgas kommt aber auch für die Stromerzeugung und als Kraftstoff für den Verkehr zum Einsatz.
Wofür dient Erdgas in der Industrie?
Die Industrie verbraucht nach dem Verkehr am meisten Energie. 31 Prozent der von der Industrie verwendeten Energie ist Erdgas. Es ist damit der wichtigste Rohstoff für die Industrie, zum Beispiel für die Erzeugung von Kunststoff, Düngemitteln oder Klebstoffen. Fast 70 Prozent der verbrauchten Industrie-Energie werden für die Erzeugung der sogenannten Prozesswärme verbraucht. Diese kommt überwiegend aus fossilen Quellen.
Erdgas ist der wichtigste Rohstoff für die Industrie, zum Beispiel für die Erzeugung von Kunststoff, Düngemittel oder Klebstoffen.
Foto: imago images/Westend61Erdgas wird dabei meist für spezialisierte Prozesse eingesetzt, etwa zum Schmelzen, Glühen, Härten, Verformen, Trocknen und Einbrennen. Es kommt in den unterschiedlichsten Branchen zur Verwendung wie der Metall-, Zement-, Glas-, Keramik-, Lebensmittel- und Textilindustrie oder in Trocknungsanlagen und Spritzwerken.
Wie viel Strom wird aus Erdgas gewonnen?
In den ersten drei Monaten des Jahres 2023 wurden in Deutschland knapp 14,6 Prozent des verbrauchten Stroms aus Erdgas gewonnen. Aus fossilen Quellen insgesamt waren es 51,4 Prozent. Zum Vergleich: Aus erneuerbarer Energie wurden im selben Zeitraum knapp 48 Prozent gewonnen. Strom aus Erdgas spielt also eine geringere Rolle. Allerdings gilt dieser als wesentliche Möglichkeit zum Ausgleich der Schwankungen der erneuerbaren Energiequellen.
Ist Erdgas umweltfreundlich?
Erdgas gehört wie Öl und Kohle zu den fossilen Energieträgern, verursacht aber weniger CO2-Emissionen. Dafür bringt es Methanemissionen mit sich, die deutlich schädlicher für das Klima sind als Kohlendioxid.
Könnte Deutschland kurzfristig alle Gasheizungen austauschen?
Eine kurzfristige komplette Umstellung von Haushaltsheizungen auf elektrisch betriebene Wärmepumpen oder andere elektrisch betriebene Heizungen ist eher nicht möglich. Zuletzt hatte das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie betont, dass die Wärmeversorgung der Gebäude in Deutschland ab 2035 vollständig durch erneuerbare Energien gesichert werden könne, zehn Jahre früher als bislang vorgesehen.
Aber durch großzügige Fördermodelle und steigende CO2-Preise ist die Zahl der neu eingebauten Wärmepumpen trotzdem rasant gestiegen: Im vergangenen Jahr wurden laut Statistischem Bundesamt immerhin fast 60 Prozent der im Jahr 2022 erbauten Wohngebäude mit Wärmepumpen ausgestattet.
Gibt es deutsche Gasquellen?
Ja, vor allem in Niedersachsen. Derzeit werden aus heimischer Erdgasproduktion 5,5 Prozent des Gasverbrauchs abgedeckt. 2001 hatte die deutsche Erdgasförderung noch 21 Prozent der Nachfrage im Land entsprochen.
Dabei könnte die Erdgasversorgung aus heimischer Förderung für einige Jahre sogar um zehn bis 20 Prozent gesteigert werden, erklärte der Verband für Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) vor Kurzem. Nötig sei allerdings die gesellschaftliche, politische und behördliche Unterstützung, die derzeit aber fehlt.
Woher bezieht Deutschland aktuell Gas?
Wegen des Ausfalls russischer Gaslieferungen war Deutschland gezwungen, sich neue Bezugspartner auf dem Weltmarkt zu besorgen. Mittlerweile deckt die Bundesrepublik den größten Teil ihres Bedarfs aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden.
Aber auch die USA sind ein wichtiger Erdgaslieferant geworden - und zwar in Form von verflüssigtem Erdgas, kurz LNG (Liquefied Natural Gas). In den Städten Lubmin, Brunsbüttel und Wilhelmshaven wurden Anlandemöglichkeiten für sogenannte schwebende LNG-Terminals auf dem Wasser innerhalb von nur wenigen Monaten hochgezogen. In Zukunft soll nun deutlich mehr verflüssigtes Erdgas über den Seeweg importiert werden.
Gasverbrauch in Deutschland: Wo soll Erdgas künftig herkommen?
Weil sich die Niederlande perspektivisch aus der Erdgasförderung verabschieden und Norwegen am Rande seiner Kapazitäten ist, setzt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf verflüssigtes Erdgas aus den USA, Katar und anderen Exportnationen.
Zu den drei Terminals, die bereits in Betrieb sind, sollen in Stade und Wilhelmshaven noch weitere fest installierte Anlandestellen für LNG entstehen. Umweltschützer und Kritiker warnen jedoch, dass Deutschland mittlerweile Überkapazitäten für die Versorgung mit verflüssigtem Erdgas schaffe, die es gar nicht brauche.
Erstpublikation: 08.03.2023, 13:38 Uhr (zuletzt aktualisiert: 07.07.2023, 14:00 Uhr).