E-Rezept und eAU: IT-Hersteller berichten von Verunsicherung bei Ärzten
Karl Lauterbach (SPD) gab an, das e-Rezept erst einmal gestoppt zu haben.
Foto: IMAGO/Jürgen HeinrichBerlin. Ein Kommunikations-Dilemma – so werden Aussagen von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) in IT-Branchenkreisen genannt, die der Minister bei der Veranstaltung „Im PraxisCheck“ mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung machte. Die Hersteller von Software befürchten, dass die Akzeptanz für das elektronische Rezept (E-Rezept) und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) sinken wird.
Der Anbieter Medatixx, der laut eigenen Angaben jede vierte Arztpraxis in Deutschland mit Software beliefert, bemerkt eine Verunsicherung bei den Nutzern. „Bei einigen hat die Diskussion um den Stopp des E-Rezepts und der eAU das Fass zum Überlaufen gebracht“, teilt das Unternehmen mit.
Die Ärzte seien von den Anwendungen enttäuscht. Medatixx hätte die Aussagen des Ministers aber nicht als gänzlichen Stopp, sondern als Signal verstanden, die Digitalisierungs-Baustellen zu überprüfen.
„Potential für Fehlinterpretation“
Der Software-Hersteller Psyprax, der auf Psychotherapeuten spezialisiert ist, zeigt sich verärgert. „Die Aussage des Ministers hat Potential für Fehlinterpretation“, teilt das Unternehmen mit.
„Sie führt zu weiterer Verunsicherung und Ablehnung gegenüber der Digitalisierung im Gesundheitswesen auf Kundenseite.“ Die CompuGroup, der größte Praxissoftware-Hersteller in Deutschland, stellt jedoch keine Unruhe bei den Kunden fest.
Lauterbach hatte in einem online abrufbaren Gespräch mit der KBV gesagt, dass er E-Rezept und eAU „erst einmal gestoppt“ habe. Sie seien zu fehleranfällig, ihr Nutzen noch nicht klar. Der Minister betonte, Anwendungen dürften erst eingeführt werden, wenn Patienten und Ärzte einen Mehrwert davon hätten.
Brief von Bundesgesundheitsministerium
Im Nachgang des Interviews kam bei Ärztinnen und IT-Herstellern die Frage auf, ob der Minister die Anwendungen endgültig gestoppt habe. Das Bundesgesundheitsministerium sendete daraufhin einen Brief an die Gesellschafter der Gematik.
Darin heißt es, dass die Testphasen der Anwendungen nicht gestoppt, sondern intensiv fortgeführt würden. Es gehe nun darum, Erfahrung zu sammeln und das E-Rezept insbesondere in Arztpraxen und Apotheken zu optimieren.
Medatixx begrüßt ein solches „Innehalten und Überprüfen der aktuellen Baustellensituation rund um das E-Rezept und die eAU“, teilt das Unternehmen mit. Die eigenen Praxistests zum E-Rezept liefen dennoch weiter.
Ärzte sehen E-Rezept-App als notwendig an
Ein Medatixx-Kunde ist der Nürnberger Arzt Nicolas Kahl. Er nahm vor rund vier Wochen an einem Testlauf des Softwareherstellers teil und stellte seitdem mehrere hunderte E-Rezepte aus.
Der Nutzen sei für ihn aber noch eingeschränkt. „Der Mehrwert für einen Hausarzt ist dadurch, dass die E-Rezept-App noch nicht verbreitet ist, nur bedingt gegeben“, sagt Kahl. Das E-Rezept kann in digitaler Form von Patientinnen nur mit einer speziellen App der Gematik genutzt werden, für die eine aufwendige Freischaltung notwendig ist. Patienten ohne die App bekommen das E-Rezept als QR-Code ausgedruckt.
„Das E-Rezept dauert mit elektronischer Signatur und Ausdruck einen Tick länger als das herkömmliche Papierrezept“, sagt Kahl. „Ein Zeitgewinn ist das E-Rezept ohne die App nur, wenn ich die Stapelsignatur nutze.“ Dabei unterzeichnet Kahl mehrere E-Rezepte, die zuvor bestellt wurden, auf einmal.
Auch der Hausarzt Moritz Eckert aus Herzberg am Harz, der ein andere Praxissoftware verwendet, bestätigt, dass das E-Rezept länger dauert. „Es gibt noch immer einen zeitlichen Verzug im Vergleich zum Papierrezept, wenn das E-Rezept ausgedruckt werden muss“, sagt Eckert. „Mit der Gematik-App ist das E-Rezept aber beeindruckend schnell.“
Die Testphase des E-Rezepts läuft momentan schleppend. Die Gematik teilt auf ihrer Webseite im sogenannten TI-Dashboard mit, dass bisher rund 4100 E-Rezepte in Deutschland in Apotheken eingelöst wurden. Die Gesellschaft hat sich als Ziel gesetzt, dass mindestens 30.000 E-Rezepte mit den Krankenkassen abgerechnet werden müssen, bevor das E-Rezept verbindlich eingeführt wird.
eAU kommt voran
Die eAU macht hingegen Fortschritte. Medatixx teilt mit, dass bereits viele Ärzte diese im Alltag verwenden würden. Auch Eckert bestätigt, dass die eAU bei ihm funktioniert. „Wir verschicken mittlerweile alle AU digital.“
In dem Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums an die Gematik-Gesellschafter heißt es, dass aktuell 20 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) digital an die Krankenkassen versendet werden. Die aktuelle Testphase soll zum 1. Juli abgeschlossen sein. Die AU, die für den Arbeitgeber bestimmt ist, soll am 1. Januar 2023 verbindlich digital übertragen werden.