Softwareentwickler Abat+: Das Herz der Mercedes-Produktion schlägt in St. Ingbert
Peter Grenkel (rechts) begrüßte unter anderem den Bundesverkehrsminister Volker Wissing (2. von links).
Foto: Markus Lutz/abat+St. Ingbert. Wer ins saarländische St. Ingbert fährt, entdeckt auf einem alten Brauereigelände das Herz der weltweiten Mercedes-Benz-Produktion. Der Weg zum heutigen Innovationspark führt an Forschungsinstituten vorbei direkt zu Peter Grendel. In der einstigen Brauereivilla gründete er vor zwölf Jahren Abat+.
Nach Stationen bei SAS und Oracle, dem Silicon Valley und zwölf Jahren bei SAP im baden-württembergischen Walldorf, wo er zuletzt als Vice President Technical Account Management tätig war, wollte Grendel dann in der Kleinstadt im Saarland durchstarten. Mit einigen anderen SAPlern entschied er: „Wir bauen unsere eigene Software.“
Was dann geschah, erzählte Grendel Ende vergangener Woche Volker Wissing (FDP). Der Bundesverkehrsminister war im Saarland unterwegs, um sich über die Transformation der Automobilindustrie zu informieren.
Grendel berichtete ihm, wie alles begann – zunächst mit 20 Mitarbeitern –, dann alles „schwindelerregend schnell“ ging und heute 230 vornehmlich junge IT-Experten an 14 Standorten weltweit für ihn arbeiten. „Wir digitalisieren Automobilhersteller“, erklärte er dem für Digitales wie für Verkehr zuständigen Minister.
Das Team entwickelte eine „hochverfügbare Echtzeitanwendung“ auf Basis von modernstem WLAN und 5G, natürlich SAP-kompatibel, um Produktionsprozesse zu steuern. Die Software kommt weltweit bei Mercedes – dem größten Kunden – zum Einsatz, aber auch Audi, Miele, den Möbelhersteller Nobilia oder Qoros nennt Grendel als Kunden. Abat+ wartet seine Systeme auch, Störungen in der Produktion behebt das Unternehmen nach eigenem Bekunden innerhalb von einer Stunde.
Die Blaupause ist die „Factory 56" von Daimler
Die nahezu perfekte Version seiner Produktionssteuerung durfte Grendel 2017 aufbauen, als Daimler seine Vorzeigefabrik „Factory 56“ plante, eine weitgehend digitalisierte Produktionshalle im Stammwerk in Sindelfingen. Selbst die Dokumentation der Produktion erfolgt digital, womit Daimler weltweit 52 Tonnen Papier spare, zehn davon in Sindelfingen.
Grendel lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren in Heidelberg, studiert hat er einst in Mannheim. Warum nun St. Ingbert? „Weil hier der Wettbewerb und die Konkurrenz nicht so groß sind wie in Baden-Württemberg“, sagt er. Im Saarland seien die Wege kurz. Dennoch engagiert sich Grendel zusammen mit SAP-Mitgründer Dietmar Hopp weiterhin im Sportverein Walldorf Astoria.
Grendel plant derzeit mit dem Klinikum in Homburg ein Forschungsprojekt: Chirurgen sollen ihre Realität digital mit haptischen Anzügen und einer 3D-Brille erweitern (Augmented Reality) und so besser operieren können. „Vor Fehlern warnt das System frühzeitig, sodass das Stresslevel der jungen Ärzte bei den ersten Operationen deutlich sinkt“, sagt Grendel.
Die Brille kommt längst auch zum Einsatz, wenn es etwa darum geht, Räume einzurichten. Dazu kooperiert Abat+ mit dem Raumausstatter Bene. Seinen Erweiterungsbau hat Grendel so auch vorab virtuell konzipiert und eingerichtet. Das Gebäude stand nach nur 18 Monaten Bauzeit im Jahr 2020. Die Räume sind noch neu, wurden sie doch seit der Pandemie und der damit verbundenen Zeit im Homeoffice bislang kaum genutzt.
Dein CO2-Fußabdruck bei Großveranstaltungen
Grendel wusste beim Besuch von Wissing am vergangenen Freitag durchaus, das Interesse des Ministers zu wecken. Nicht nur, dass die kleine Softwareschmiede Werkshallen digitalisiert und somit die viel beschworene Industrie 4.0 ermöglicht.
Grendel bot dem Minister gleich noch eine Lösung für eines seiner größten Probleme an: eine App, die den individuellen CO2-Fußabdruck bestimmt. So könnte jeder, der zu einem Musikkonzert fährt, vorher seine Anreise und das Verkehrsmittel angeben - und die App zeigt die verursachte CO2-Menge an.
Entscheidet sich der Nutzer für eine emissionsarme Variante, dann könne er Bonusmeilen sammeln und etwa einen Rabatt für eine Bahnfahrt oder eine Konzertkarte erhalten. „Wir brauchen nur noch einen Kooperationspartner“, erläuterte Grendel dem Minister. Und ergänzte: „Vielleicht die Deutsche Bahn oder gleich Ihr Ministerium.“
Es wäre ein Anreiz: Um die Klimaziele im Verkehr zu erreichen, setzt Wissing nicht auf Verbote wie ein Tempolimit oder Strafen für Spritfresser, sondern auf freiwillige Verhaltensänderungen. „Die sind besonders erfolgreich, wenn die Leute etwas aus eigener Motivation machen“, sagte er. Die App sei „eine gute Idee", sagte er zum Abschluss. „Ich werde gern mal mit der Bahn reden.“