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Handelsblatt-DebatteSollte Deutschland ein sofortiges Rohstoffembargo gegen Russland durchsetzen?

Kann Deutschland sich völlig unabhängig von russischen Rohstoffen machen? Ist das überhaupt erstrebenswert? 07.04.2022 - 08:35 Uhr Artikel anhören

Erdgaszuleitungen vor dem Heizkraftwerk 3 in Stuttgart-Gaisburg. Foto: Marijan Murat/dpa

Foto: dpa

Nach den Gräueltaten in Butscha fordern viele Menschen hierzulande den sofortigen Stopp des Imports von russischem Gas. Bundeswirtschaftsminister Habeck sieht das anders. Er setzt auf Zeit, um neue Energiequellen zu finden und sich auf diese Weise unabhängig zu machen von Russland. Ist das der richtige Weg? Sollte man aus moralischen Gründen „frieren für den Frieden“? Hätte es Konsequenzen für Russland, wenn Deutschland aufhören würde, Rohstoffe von dort zu beziehen?

Die Handelsblatt-Leserschaft diskutiert diese Fragen kontrovers. „Nichts rechtfertigt, auch nur einen Cent in die russischen Staatshände zu geben“, schreibt ein Leser. Lieber „Braunkohle oder Kernenergie nutzen“, um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren, meint ein anderer.

Ein weiterer Leser glaubt: Wenn Deutschland ein Gasembargo einführte, würde Russland das Gas woanders teurer verkaufen und so die Kriegskasse füllen. Ein anderer Leser warnt, dass Deutschland so schlecht auf eine Emanzipation von russischem Gas vorbereitet sei, dass man nach einem Embargo „den Laden hier gleich dichtmachen könnte“.

Aus den unterschiedlichen Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir hier für Sie eine Auswahl zusammengestellt.

Die Standhaftigkeit der deutschen Regierung

„Wenn durch den Verzicht auf Gas der Krieg in der Ukraine beendet würde, sollten wir dieses Opfer bringen. Da dies aber nicht der Fall sein wird, begrüße ich die Standhaftigkeit der deutschen Regierung, auch nach den grausamen Bildern von Butscha die Belastung der Bürger dieses Landes nicht zu überdehnen.

Wir können der Ukraine und ihren Bewohnern mehr helfen, wenn wir selber diese Zeiten ohne starken Wirtschaftseinbruch überstehen.“

Dr. Josef Kaesmeier

Eine schnelle Verschärfung der Sanktionen

„Meiner Meinung nach ist die Frage etwas zu ‧pauschal gestellt. Es geht nicht allein darum, welche anderen, schnelleren Alternativen zur Verschärfung der Sanktionen heute verfügbar sind.

Entscheidend ist vielmehr, was wir morgen davon haben, dass uns zwar weiter russisches Gas geliefert wird, wir es aber wegen chemischer und nuklearer Angriffe auf die Ukraine sowie demnächst Polen und das Baltikum nicht mehr sinnvoll nutzen können.

Können wir es uns leisten, in einer freiheitlichen Demokratie etwas zu frösteln, oder wollen wir lieber in einer gut geheizten Diktatur zur Hölle fahren? Putin pokert so lange, bis wir diese Frage zu spät beantwortet haben.“

Dr. Matthias von Oppen

Irgendwo muss das Gas ja hin

„Der beste Vorschlag kam vom Naftogaz-Chef im Interview im Handelsblatt. Zahlungen auf ein Sperrkonto mit der Bedingung ,Abzug aus der Ukraine‘. Die große Frage, ob Russland Lieferungen stoppt, beantwortet er mit: ,Irgendwo muss das Gas ja hin. Die Alternative wäre Abfackeln.‘ Warum wird das nicht offen diskutiert, sondern nur Extremszenarien?“

Volker Luschnitz

Russland die Finanzierung des Krieges unmöglich machen

„Der deutschen Politik fehlt es wie so oft an Konsequenz und Geradlinigkeit. Was muss denn noch passieren, damit endlich wirklich wirksame Sanktionen gegen den mordenden Aggressor verhängt werden?

Wenn der erhoffte Effekt eintritt, dass Russland die Finanzierung des Krieges entzogen wird, um das Morden zu beenden, dann ist der Nebeneffekt der Schwächung unserer Wirtschaft allemal vertretbar. Schluss mit dem egoistischen Gejammer über mögliche Auswirkungen auf uns.

Bis zum Herbst können sicher Lösungen gefunden werden, um die Energieversorgung ohne Russland sicherzustellen. Ja, das kostet Geld, aber keine Menschenleben wie dieser Krieg!“

Daniel Möller

Wir könnten den Laden gleich dichtmachen

„Wenn man 55 Prozent, vielleicht sind es auch jetzt ‚nur noch‘ 40 Prozent, von einem Lieferanten bezieht, dann braucht man nur den gesunden Menschenverstand einzuschalten, um abzuschätzen, dass ein sofortiger Stopp nicht kalkulierbare Folgen für unsere Volkswirtschaft hat.

Und wenn jemand entgegnet: ‚immer die Wirtschaft‘, dann kann man nur erwidern: ‚Die böse Wirtschaft, das sind wir alle.‘

Das hieße nämlich, nicht nur ein paar Grad Raumtemperatur weniger, sondern ganze Lieferketten brächen zusammen.

Ich halte von den Grünen nicht viel, aber ich muss sagen, Herr Habeck hat diese Zusammenhänge recht gut erkannt, zumal unsere Gasspeicher blöderweise auch nur zu 25 Prozent gefüllt sind.

Unsere Vorregierungen unter Merkel haben es gründlich verbockt, und jetzt müssen wir uns da peu à peu herauswurschteln, aber bei einem sofortigen Importstopp von Gas aus Russland können wir den Laden hier gleich dichtmachen. Leider!“

Christoph Stemmler

Keine Denkverbote

„Spätestens nach den grauenhaften Bildern aus der Ukraine muss Deutschland handeln. Wir müssen jetzt ideologische Hürden und Vorbehalte überwinden und alle uns zur Verfügung stehenden Ressourcen, sei es Braunkohle oder Kernenergie, nutzen.

Auch die Reaktivierung von Erzeugungskapazitäten dürfen kein Tabu sein. Jede inländisch erzeugte Kilowattstunde reduziert unsere Abhängigkeit von russischen Rohstoffimporten. Politiker: Handelt jetzt!“

Udo Krumpholz

Ein Gasembargo hilft am Ende Putin

„Kein sofortiges Gasembargo einführen, da Putin sonst das Gas zu weit höheren Preisen auf dem Weltmarkt verkaufen könnte. Russland hätte dann noch mehr Geld in der Kriegskasse und Deutschland hohe Arbeitslosigkeit.“

Nora Nelles

Wir frieren schon!

„Unsere Gasheizung – aktuell alternativlos, da Mietwohnung – ist seit Anfang März weitgehend abgestellt, nur die Warmwasserversorgung läuft noch. In kalten Tagen nicht wirklich prickelnd. Aber was machen die vielen alten Leute, die Wärme und die Heizung wirklich brauchen?

Es ist immer leicht gesagt, einen Pullover mehr anzuziehen. Und die bisherigen Sanktionen treiben Putin & Co. eher in die noch radikalere Ecke – siehe Butscha. Die Frage ist: Wer hat den Mut und die Fähigkeit, ihn durch einen sinnvollen Dialog zur Reflexion und Vermeidung weiterer Eskalationen zu bringen?“

Stefan Dachsel

Wir sind solidarisch, aber nicht selbst im Krieg

„Ein Gasembargo Deutschlands könnte ein wichtiges Signal der Solidarität mit der Ukraine sein.

Russland wird sich durch einen solchen Schritt nicht beeindrucken lassen – es ist mitnichten abhängig von diesen Lieferungen, und es gibt genügend andere Interessenten für das Gas.
Durch die unverantwortlich hohe Abhängigkeit der Bundesrepublik von russischen Gaslieferungen befinden sich die Entscheider in einer ethischen Zwangslage.

Vielen ist gar nicht bewusst – es geht nicht nur ums Frieren –: Ein Embargo würde die deutsche Wirtschaft bis ins Mark treffen: Stilllegungen, Massenkurzarbeit, Liefer- und Versorgungsprobleme in nicht gekanntem Ausmaß für Jahre, der Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit in vielen Branchen und die dauerhafte Abwanderung von Produktion wären die Folgen.

Ich persönlich bin dankbar, wenn und solange die Bundesregierung in verantwortungsethischer Haltung dem Druck mancher – auch Medien – standhält und dieses Land nicht wegen eines Signals in große Not stürzt, unsere Fähigkeit zur Hilfe beschädigt, noch mehr Wohlstand vernichtet und die Zukunft unserer Kinder riskiert – wir sind solidarisch, aber nicht selbst im Krieg.“

Albrecht Kruse

Frieren für den Frieden ist der richtige Weg

„Ich bin energiepolitisch nicht bewandert genug, um die Folgen des Embargos abschätzen zu können, kalkuliere aber weitreichenden Wohlstandsverlust für Deutschland und mich selber ein.

Doch nichts davon wird so schlimm und nachhaltig wirken wie der Eindruck, den wir bei den Ukrainern und der Welt (sowohl unseren Partnern als auch unseren Feinden) hinterlassen.

Selbst wenn ein Embargo Russland kaum oder gar nicht und nur uns schaden würde, schadet kein Embargo uns meines Erachtens noch viel mehr.

Wir verlieren an Ansehen, vielleicht auch Unterstützer, die wir in Notlagen mal gebrauchen können, und wir ermutigen Länder wie China zu ähnlichen Taten wie Russland.

Seit Mitte März heizen mein Mann und ich nicht mehr. ‚Frieren für den Frieden‘ halten wir für richtig.“

Anja Nöske

Ein Importzoll auf russisches Gas

„Zunächst muss man verstehen, dass Deutschland ursächlich keinerlei Absicht hat, einen wie auch immer gearteten (Wirtschafts-) Krieg zu führen, geschweige denn zu gewinnen.

Deutschlands Strategie war es denn auch von Anfang an, die Maßnahmen der Verbündeten abzuschwächen oder ganz zu blockieren und die deutsche Bevölkerung vor den Folgen dieser Maßnahmen zu beschützen. 

Ein tatsächlich wirksames Gas- oder allgemeines Rohstoffembargo gegen Russland müsste mit extra-territorialen Sanktionen durch die EU auch international durchgesetzt werden, denn nur Rohstoffströme über China und andere Russland freundlich gesinnte Staaten umzuleiten würde wenig bringen.

Ein wirksames Embargo könnte also mit den einhergehenden Gegenreaktionen zu einem Wirtschaftsweltkrieg mit schwerwiegenden Folgen für die deutsche Wirtschaft bis hin zur Destabilisierung der Bundesrepublik führen. In diesem Sinne sollte sich Deutschland weiterhin wirksamer Sanktionspolitik widersetzen und stattdessen mit einem Importzoll auf russisches Gas eine Beschwichtigungsgeste an seine Verbündeten senden.“

Dr. Robert Piro

Kein Cent an Russland

„Nichts rechtfertigt, auch nur einen Cent in die russischen Staatshände zu geben. Angst vor dem Frieren verschwindet mit einem dicken Pullover. Die Friedenskerze ersetzt die Glühbirne für eine ausreichende Zeit. Ein Fahrrad ersetzt den Genuss des Autos. Ferien zu Hause genossen wir schon die letzten zwei Jahre, ein Jahr mehr ist auch noch einmal schön.“

Nico Borkmann

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