Ausstellung: 59. Kunst-Biennale von Venedig: Warum die Kunstwelt wieder in Scharen hinströmt
Scharen von Kunstliebhabern werden wieder in die Lagunenstadt strömen, um der Kunst den Puls zu fühlen.
Foto: Biennale di Venezia 2022Venedig. Kommenden Samstag, am 23. April 2022, eröffnet die 59. Kunst-Biennale von Venedig. Bis November strömen wieder mehr als hunderttausend Besucherinnen und Besuchern durch die älteste und wichtigste Kunstschau der Welt. Gegründet wurde die Biennale von Venedig bereits 1895.
Die Kunst-Biennale findet, wie der Name sagt, im Rhythmus von zwei jeweils ungeraden Jahren statt. Doch Pandemiebedingt musste sie 2021 ihren Platz der erst 1980 ins Leben gerufenen Architektur-Biennale überlassen.
Zeitgenössische und moderne Kunst werden in Venedig stets in drei weiträumigen Arealen präsentiert:
1. In den Giardini: In den Gartenanlagen an der Südspitze der Insel richten jeweils nationale Kommissare Ausstellungen in Länderpavillons ein. Aber nur 28 Gründernationen haben so einen schicken Ausweis nationalen Selbstbewusstseins.
2. Im Arsenale: In Teilen des aufgegebenen Militärhafens von Venedig findet der eine Teil der Hauptausstellung statt. Der andere ist im riesigen Biennale-Pavillon in den Giardini zu sehen. Jene Länder, die sich keinen repräsentativen Ausstellungsort in der Stadt mieten wollen, kommen ebenfalls im weitläufigen Arsenale unter: Südafrika, Ghana oder China.
3. In Adelspalästen der Stadt: Bisweilen ist die Suche nach der betreffenden Adresse recht mühsam. Aber Kunst aus Ländern wie Iran oder Irak zu entdecken, die bei uns nur selten gezeigt wird, ist Teil des Vergnügens. Und nur die „Serenissima“ bietet dabei auch immer noch Architektur vom Feinsten: Mittelalterliches Gemäuer, geschweifte Fensternischen der Spätgotik, Ballsäle mit verblichenen Seidentapeten und großartiger Deckenmalerei.
Die Kuratorin hat für die zentrale Ausstellung 213 überwiegend weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler ausgewählt.
Foto: Andrea Avezzù_Courtesy La Biennale di Venezia 2022Kuratorin der 59. Kunst-Biennale ist Cecilia Alemani. Die Italienerin lebt in New York und ist dort Direktorin der hoch gelobten High Line Art, einem Gleisgelände, das erst durch Kunst begehbar wurde. Alemani hat ihre Auswahl von 213 überwiegend weniger bekannten Künstlerinnen und Künstlern überschrieben mit „The Milk of Dreams“.
Der Titel beschreibt die Verunsicherung, die die Welt seit Sars-Cov19 und dem Vernichtungskrieg gegen die Ukraine erfahren hat. Und zugleich die Hoffnung auf Verwandlung, Veränderung und Metamorphose. Der Titel zitiert ein Buch der Surrealistin Leonora Carrington.
Das Besondere an Alemanis Zusammenstellung ist, dass sie erstmals mehr Frauen als Männer ausgewählt hat. Und dass sie transhistorisch vorgeht: Eine Bauhäuslerin wie Gertrud Arndt, eine Feministin wie Birgit Jürgenssen oder eine Barockmalerin und Forscherin Maria Sybilla Merian treffen auf die heutigen Kunstwerke von Christina Quarles, Raphaela Vogl oder Portia Zvavahera.
Was so unterschiedliche Generationen verbindet, ist der Blick auf den menschlichen Körper, seine Fragmentierung und Auflösung sowie die Verbindung zwischen Körper und Maschine.
Wer in der kuratierten Hauptausstellung nicht findet, was ihn weiter bringt, der mag in den Länderbeiträgen spüren, was Künstler von heute bewegt. Deshalb reisen so viele Künstlerinnen und Galeristen, Sammlerinnen und Ausstellungsmacher zur Biennale. Alle sind auf der Suche nach neuen Trends.
Sie kommen natürlich auch, um nach zwei Corona-Jahren wieder den Austausch unter Gleichgesinnten zu pflegen. Der gelingt vor Kunst besser als im Videomeeting, aber nirgends so entspannt wie in der Lagunenstadt. Weil in Venedig eh schon Lebenslust und Kunst an jeder Ecke aufeinanderprallen.
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