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Ukraine-KriegMehr Luftangriffe und Artillerie: Sieben Orte, an denen Russland durchzubrechen versucht

Mit Kreminna haben russische Truppen die erste Stadt im Zuge ihrer Ost-Offensive eingenommen. Doch Russland will mehr – und startet weitere Vorstöße.Sandra Lumetsberger 21.04.2022 - 13:01 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Das russische Militär versuche wohl, die ukrainischen Luftabwehrfähigkeiten im Osten des Landes zu zerstören.

Foto: Reuters

Zwei Männer in Kampfuniform hängen die russischen Fahnen an die Eingangstür des Gebäudes der Stadtverwaltung von Kreminna auf, ein anderer hat sein Maschinengewehr umgehängt und spricht in die Kamera. Die Botschaft, die von der Luhansker Volksmiliz via Telegram verschickt wird: Die Stadt sei „vollständig“ unter Kontrolle der Einheiten der „Volksrepublik“.

Kreminna sei von allen Seiten angegriffen worden, sagt der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gaidai. Die ukrainischen Streitkräfte hätten sich zurückziehen müssen und würden neue Stellungen beziehen.

Die Kleinstadt mit ursprünglich 18.000 Einwohnern liegt im Gebiet Luhansk im Osten der Ukraine. Also dort, wo Russland vor wenigen Tagen eine Großoffensive begonnen hat, um den gesamten Donbass einzunehmen.

Mittlerweile befinde sich auch ein Großteil von Luhansk unter russischer Kontrolle, teilte Gaidai. am Mittwochabend auf Telegram mit. Russische Einheiten würden 80 Prozent des Gebietes kontrollieren.

Nach Einschätzungen der Analysten des US-Kriegsforschungsinstituts „Institute for the Study of War“ (ISW) vom Dienstag war der Vorstoß nach Kreminna bisher die einzige russische Bodenoffensive binnen 24 Stunden, die „signifikante Fortschritte“ gemacht habe. Auch sonst hätten sie nur geringfügige Gewinne erzielt, sie rückten allerdings in die wichtigsten Frontstädte Rubischne und Popasna vor.

Experten beobachten Vorbereitung weiterer Vorstöße

Das russische Militär versuche, die ukrainischen Luftabwehrfähigkeiten im Osten des Landes zu zerstören, teilte das britische Verteidigungsministerium mit. Bei der russischen Offensive gebe es aber wohl einen gewissen Zeitdruck.

Russland sei wahrscheinlich bestrebt, vor den jährlichen Feierlichkeiten am 9. Mai zum „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland bedeutende Erfolge zu erzielen. „Dies könnte sich darauf auswirken, wie schnell und energisch sie versuchen, Einsätze im Vorfeld dieses Datums durchzuführen.“

Die Russen scheinen immer noch Logistik- und Kommando- sowie Kontrollkapazitäten aufzubauen, selbst wenn sie die nächste Runde größerer Kämpfe beginnen, schreibt das ISW in seiner Analyse.

Das Tempo der russischen Operationen deute weiterhin darauf hin, dass Präsident Wladimir Putin eine schnelle Offensive fordere, um seine erklärten Ziele zu erreichen, möglicherweise bis zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai.

Neben der Einnahme mehrerer Kleinstädte beobachten die Expert:innen des ISW die Vorbereitung weiterer Vorstöße mit Artillerie- und Luftangriffen auf vielen Gebieten entlang der Frontlinie von Isjum bis Mykolajiw – ein Überblick:

1. Tschuhujiw

Die 32.000-Einwohner Stadt am Ufer des Flusses Donez liegt südlich von Charkiw und war wie die Großstadt selbst Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen und russischen Streitkräften.

Blick auf zerstörte Wohnungen, die durch Beschuss beschädigt wurden.

Foto: IMAGO/Agencia EFE

Die Ukrainer konnten ihre Verteidigungslinien um Tschuhujiw offenbar ausbauen. Sie griffen von dort aus an, um die von den Russen genutzten Straßen vom Westen aus abzuschneiden, schreibt der Kriegsforscher Phillips O’Brien auf Twitter.

2. Isjum

Auch im Gebiet um die von Russland besetzte Stadt Isjum, südlich von Tschuhujiw, gab es russische Offensiven. Sie waren allerdings ohne Erfolg, wie der ukrainische Generalstab am Mittwoch erklärte. Die Stadt im ostukrainischen Gebiet Charkiw ist einer der zentralen Kriegsschauplätze. Isjum gilt als Zugangstor in den Donbass, russische Truppen würden dort ihre Kräfte konzentrieren, um von der Stadt aus voranzukommen.

Das Ziel: Von Isjum aus einen Kessel um die ukrainischen Truppen schaffen, um das gesamte Gebiet in der Ostukraine einzunehmen. Bisher ging es aber offenbar kaum vorwärts. So hätten ukrainische Truppen den Vormarsch auf die Stadt Slowjansk – ein Etappenziel der Russen – stoppen können, erklärte Olexij Arestowytsch, Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, in einer Videoansprache.

Arestowytsch zufolge würden 25.000 Mann der russischen Armee von Isjum aus in Richtung Slowjansk und Kramatorsk angreifen. Isjum liegt an der Achse wichtiger Fernstraßen wie die M03, von der es in Slowjansk südlich Richtung H20 abgeht und die Russland braucht, um Nachschub zu liefern.

Wie Satellitenaufnahmen zeigen, soll sich erneut ein russischer Konvoi vom Militärstützpunkt Belgogrod in einer 13 Kilometer langen Kolonne aus 400 Fahrzeugen, Panzer und Artillerie in Richtung Isjum bewegen. Wie es um diesen derzeit steht, ist nicht bekannt. Eine ähnliche Kolonne, die vor Wochen nach Kiew unterwegs war, kam vor ihrem Ziel zum Erliegen. Die Gründe waren logistische: Es fehlte an Nachschub, Reparatur der Panzer und Essen für die Soldaten.

Die Städte Rubischne und Popasna in Luhansk seien mittlerweile „teilweise“ unter russischer Kontrolle.

Foto: IMAGO/ITAR-TASS

3. Torske und Rubischne

In dem Dorf Torske im Norden von Donezk sollen nach Angaben von pro-russischen Quellen russische Truppen einmarschiert sein, um von dort ukrainische Stellungen in Lysychansk, Sjewjerodonezk und Rubischne einzukreisen. Das ISW konnte diese Behauptung nicht unabhängig überprüfen. Was die Experten aber feststellen können: Eine solche Taktik der Einkreisung nehme wahrscheinlich viel Zeit in Anspruch. Selbst, wenn es gelingen würde, könnten die ukrainischen Verteidiger eine beträchtliche Zeit durchhalten und wären in der Lage auszubrechen.

Alternativ könnten die Truppen versuchen, mehrere Einzelkessel zu bilden, die sich schneller aufbauen lassen. Allerdings verlange dies ein hohes Maß an Planung – und übersteige die Planungs- und Ausführungsfähigkeiten der Armee, wie der bisherige Kriegsverlauf zeigte.

Die 60.000-Einwohner-Stadt Rubischne im Gebiet Luhansk ist seit Wochen schwer umkämpft. Vor knapp einer Woche musste der Chef der pro-russischen Separatisten in Luhansk, Lenoid Pasetschnik, einräumen, dass die ukrainische Armee weiterhin „einen Teil“ von Rubischne kontrolliere. Nun hat sich die Lage geändert.

Mittlerweile sind auch Rubischne und Popasna (siehe unten) „teilweise“ unter russischer Kontrolle, erklärte Gouverneur Serhij Hajdaj am Mittwochabend auf Telegram. Der Beschuss habe auch hier zugenommen, schreibt Hajdaj weiter.

Russland gibt an, die umkämpfte Stadt eingenommen zu haben.

Foto: Reuters

4. Popasna

Wie Rubischne steht auch die Stadt Popasna, wo vor dem Krieg knapp 20.000 Menschen lebten, seit Tagen unter Artilleriebeschuss. Bisher konnten die Attacken zurückgeschlagen werden, meldete Gouverneur Hajdaj am Dienstag im ukrainischen Fernsehen, ehe er am Mittwochabend einräumen musste, dass die Stadt nun teils in russischer Hand ist. Unter den Kämpfern in Popasna wollen ukrainische Streitkräfte auch eine kleine Anzahl syrischer oder libyscher Söldner ausgemacht haben.

Der ukrainische Präsidentenberater Arestowytsch erklärte jüngst, das Ziel des russischen Vorstoßes im Luhansker Gebiet sei, die ukrainischen Truppen in den Städten Rubischne, Lyssytschansk und Sjewjerodonezk zu isolieren. Das Gebiet liegt im Osten des geplanten Kessels.

5. Horliwka

Die umkämpfte Stadt im Grenzgebiet ist seit 2016 größtenteils von pro-russischen Separatisten besetzt und liegt 47 Kilometer nördlich von Donezk. Und damit nicht nur nahe der wichtigen Fernstraße H20, sondern auch strategisch günstig, wenn es um die Einkesselungstaktik geht. Sollten die russischen Truppen von Isjum südlich vorrücken und gleichzeitig von Horliwka Richtung Norden, wäre der Kessel geschlossen.

6. Polohy

Oleksandr Staruckh, Leiter des Gebiets Saporischschja, berichtete dem ISW zufolge, dass sich russische Einheiten in Polohy im zentralen Gebiet Saporischschja konzentrieren. Einerseits, um ukrainische Gegenoffensiven zu stoppen. Anderseits wird vermutet, dass sie einen ehrgeizigeren Vormarsch planen, um etwa die Autobahn N15 zu erreichen, sie verläuft östlich von Saporischschja.

7. Mariupol

„Wir stehen wohl vor unseren letzten Tagen, wenn nicht Stunden“, mit einem Hilferuf meldete sich zuletzt der ukrainische Kommandeur Serhiy Volyna aus dem Kellerlabyrinth des Asowstal-Werkes in der seit Wochen umkämpften Hafenstadt Mariupol. Soldaten wie Zivilisten halten sich seit Tagen dort verschanzt.

Am Donnerstag verkündete der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu schließlich die Einnahme der Stadt. „Die verbliebenen ukrainischen Kampfeinheiten haben sich auf dem Industriegelände der Fabrik Asowstal verschanzt“, sagte Schoigu.

Nach seiner Darstellung sind die ukrainischen Einheiten vollständig blockiert. Der Minister sagte, dass die Fabrik in drei bis vier Tagen ebenfalls eingenommen werden solle. Dort seien auch ausländische Söldner. Über die angebotenen humanitären Korridore habe niemand das Werk verlassen, sagte der Minister. Zuvor hatte die ukrainische Seite Verhandlungen vorgeschlagen über das Schicksal der Kämpfer und die Rettung von Zivilisten, die in dem Werk Zuflucht gesucht hätten.

Warum die Eroberung von Mariupol Stadt so wichtig ist? Die Hafenstadt ist der letzte Punkt an der Küste des Asowschen Meeres, der noch nicht komplett von den russischen Kräften kontrolliert wird. Falls die von Moskau anerkannten Separatisten-Republiken Luhansk und Donzek formal eigenständig bleiben, hätten sie mit Mariupol den Zugang zu den Weltmeeren. Über den gut ausgebauten Hafen könnten sie ihre Produktion unabhängig von russischen Landrouten auf dem kostengünstigen Wasserweg selbst exportieren.

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