Russland-Sanktionen: Was der Westen tun kann, um den Rubel zu drücken
Der russische Rubel hat zuletzt wieder deutlich aufgewertet.
Foto: action pressFrankfurt. Es klingt kurios: Der Westen hat harte Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt – und doch liegt der Rubel zum Wochenbeginn nahe einem Zweijahreshoch gegenüber dem Euro. Ursprünglich lautete ein Ziel der Sanktionen, den Wert der russischen Währung zu drücken.
Ein schwacher Rubel würde die Inflation in Russland in die Höhe treiben und dadurch den politischen Druck auf Präsident Wladimir Putin und seine Regierung erhöhen, lautete das Kalkül. Doch nach einem drastischen Kurseinbruch bis zu seinem Tiefpunkt am 7. März hat sich der Rubel wieder gefangen und notiert sogar über dem Niveau vor Beginn des Ukrainekriegs.
Ökonomen führen das vor allem darauf zurück, dass Russland deutlich mehr Güter ins Ausland exportiert, als es von dort importiert. Um dies zu ändern, müsste der Westen die Importe von dort deutlich stärker einschränken. „Die jüngste Stärkung des Rubels ist nicht überraschend. Sie könnte sich wieder umkehren, sollten die Sanktionen weiter verschärft werden“, erklärt der Internationale Bankenverband IIF dazu.
Gründe für den starken Rubel trotz Russland-Sanktionen
Experten sehen weitere Ursachen für die aktuelle Rubel-Stärke. Ein wesentlicher Punkt sind die bestehenden Kapitalverkehrskontrollen. Einzelpersonen in Russland dürfen innerhalb von sechs Monaten nicht mehr als 10.000 Dollar tauschen. Oligarchen und Unternehmen können also nicht einfach Rubel wechseln und so Gelder auf Konten im Ausland verschieben. Dadurch bildet sich der Wechselkurs anders als in normalen Zeiten.
„Klassischerweise drückt der Wechselkurs die Erwartungen für das Wachstum und die Zinsen in einem Währungsraum aus“, erläutert Commerzbank-Devisenexperte Ulrich Leuchtmann. Je nachdem, wie Investoren diese Aussichten einschätzen, spekulieren sie darauf, dass der Kurs einer Währung steigt oder fällt.
Beim Rubel sind solche Spekulationen momentan wegen der Beschränkungen kaum möglich. „Der Rubel-Kurs spiegelt derzeit eher die Warenströme zwischen Russland und dem Rest der Welt“, meint Leuchtmann deshalb.
Russland erzielt hohe Exporterlöse durch Öl und Gas
Hier macht sich bemerkbar, dass Russland nach wie vor hohe Exporterlöse aus dem Verkauf von Öl und Gas erzielt. Der IIF hat Daten von Tankern analysiert, die russisches Öl in die restliche Welt bringen. Demnach lagen die Lieferungen im April auf einem Rekordniveau im Vergleich zu den Vorjahren. Selbst wenn Russland für die Energieexporte einen Preisabschlag gewähren müsste, würden die Erlöse daraus wahrscheinlich über dem Niveau im Vorjahr liegen.
Für die Abwicklung der Zahlungen von Energielieferungen sind mehrere russische Banken von den Sanktionen ausgenommen. Für Gaslieferungen zum Beispiel zahlen Importeure aus Deutschland und anderen europäischen Ländern ihre Rechnungen in Euro bei der Gazprombank, die momentan wie eine Sammelstelle für ausländische Devisen funktioniert.
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Die russische Notenbank hat inländische Exporteure dazu verpflichtet, 80 Prozent ihrer Dollar- und Euro-Erlöse aus dem Ausland in Rubel zu tauschen. Von diesem Geld können dann Einfuhren nach Russland bezahlt werden.
Diese Importe fallen derzeit aber offensichtlich geringer aus. So stehen viele Güter aus Europa auf der Sanktionsliste und dürfen nicht nach Russland exportiert werden. Außerdem drückt die schwache Wirtschaft in Russland auch die Nachfrage nach Gütern aus dem Ausland.
Leitzinsen von zeitweise 20 Prozent
Die russische Notenbank hat direkt nach Kriegsbeginn die Leitzinsen massiv von 9,5 auf 20 Prozent angehoben. Inzwischen hat sie sie zwar wieder auf 17 Prozent gesenkt, aber auch dieses Niveau ist noch sehr hoch und setzt für russische Sparer einen starken Anreiz, ihre Rubel-Guthaben bei den dortigen Banken zu belassen.
Unter dem Strich also erzielt Russland offenbar weiter vergleichsweise hohe Exporterlöse. Ihnen stehen geringere Importe gegenüber. Das spricht für einen steigenden Leistungsbilanzüberschuss, also einen noch positiveren Saldo im Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland. Der Bankenverband IIF schätzt, dass sich dieser bei den aktuellen Sanktionen von 120 auf etwa 240 Milliarden Dollar verdoppeln wird. Das heißt: Der Zufluss von Euro und Dollar dürfte steigen, was den Rubel stützt.
Für die russische Wirtschaft bedeutet der aktuell hohe Rubel-Kurs eine gewisse Entlastung. Viele Experten erwarten, dass die Notenbank die Zinsen weiter senken wird. Auf ihrer nächsten Sitzung könnte sie den Leitsatz um weitere zwei Prozentpunkte reduzieren.
Das würde Unternehmen und Haushalte etwas entlasten, die dadurch etwas günstigere Finanzierungsbedingungen bekämen. Im Interesse der EU und der USA wäre dies nicht. Beide haben erklärt, dass sie die russische Wirtschaft schwächen wollen, um möglichst viel Druck auf Präsident Putin auszuüben, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden.
Russland: Wichtige Banken von Sanktionen ausgenommen
Was also könnte der Westen tun, um den Rubel zu schwächen? „Wenn der Westen den Rubel-Kurs drücken will, muss er Importe aus Russland reduzieren. Doch damit würde er seiner eigenen Wirtschaft schaden“, sagt Commerzbank-Experte Leuchtmann.
Letztlich haben die westlichen Verbündeten zwei Optionen: ein Energieembargo oder Sanktionen gegen alle russischen Banken. Beide Varianten hätten letztlich ähnliche Folgen.
„Wenn alle russischen Banken sanktioniert würden, wäre es für Westeuropa unmöglich, für russische Energie zu bezahlen, was praktisch einem vollständigen russischen Energieembargo gleichkäme“, erläutert IIF-Chefvolkswirt Robin Brooks.
Momentan haben die Sanktionen gegen russische Banken hingegen nur bedingt Einfluss auf den Rubel-Kurs. Denn nach wie vor gibt es viele Institute, die davon ausgenommen sind. Laut Schätzungen des IIF repräsentierten Anfang April die russischen Banken, die vom weltweiten Zahlungssystem Swift abgeschnitten sind, nur etwa 22 Prozent des Gesamtvermögens des russischen Bankensystems.
Wären alle russischen Banken von den Sanktionen betroffen, könnten die Zahlungen für Energielieferungen nicht mehr abgewickelt werden. Die EU hat bereits einen Importstopp für Kohle aus Russland beschlossen. Weit wichtiger sind aber die anderen Energieträger. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Exporterlöse Russlands durch Öl auf 181 Milliarden Dollar und durch Gas auf 63 Milliarden Dollar.
Folgen eines Embargos gegen Öl aus Russland
Der mit Abstand größte Anteil entfällt also auf Öl. Gerade erst hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck angekündigt, dass ein Ölembargo auch für Deutschland mittlerweile „handhabbar“ sei.
Allerdings sind Sanktionen hier auch komplizierter umzusetzen, weil sich Öllieferungen, die für die EU oder die USA bestimmt sind, leicht in andere Länder wie China oder Indien umleiten lassen, die die Sanktionen nicht mittragen. Im Falle von Gas ist dies schwieriger. Die Lieferungen dort sind an Pipelines gebunden. Und der Bau neuer Leitungen braucht Zeit.
IIF-Experte Brooks geht dennoch davon aus, dass ein Ölembargo viel bewirken kann – je nachdem, wie es durchgesetzt würde. Eine Möglichkeit wären aus seiner Sicht Sanktionen gegen Versicherungen, die Öltanker absichern. Viele Schiffe kommen aus der EU, daher hält er es für möglich, dass ein solcher Schritt den Ölverkehr aus Russland unterbrechen könnte, wie er jüngst auf Twitter schrieb.
Russland würde dann sein Öl nicht loswerden, die Lager würden volllaufen, und die Produktion müsste gestoppt werden, so Brooks’ Kalkül. Bislang aber gibt es innerhalb der EU keine Einigung auf einen solchen Schritt. Nicht nur die deutsche Regierung sieht das bislang skeptisch.
Dieser Artikel erschien zuerst am 26.04.2022 um 18:53 Uhr.