Finanzaufsicht: Mehr Eingriffe und mehr Öffentlichkeit: Der neue Kurs der Bafin
Der Chef der Finanzaufsicht rechnet mit baldigen Zinserhöhungen.
Foto: Jann Höfer für HandelsblattFrankfurt. Mark Branson ist seit knapp einem Jahr Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin und hat die Behörde in dieser Zeit bereits deutlich verändert. Beinahe täglich informiert die Bafin seitdem über höhere Kapitalzuschläge für einzelne Banken, den Einsatz von Sonderbeauftragten oder Durchsuchungen – wie zuletzt am Freitag bei der Deutschen Bank.
Laut Branson handelt es sich dabei um eine bewusste Entscheidung: „Es geht nicht darum, Institute an den Pranger zu stellen“, sagte der gebürtige Brite am Dienstag bei seiner ersten Jahrespressekonferenz als Bafin-Chef. „Aber es ist wichtig, dass alle Institute sehen, was unsere Erwartungen sind: was geht und was geht nicht.“ Nach dem Wirecard-Skandal sei es auch ein Anliegen des Gesetzgebers gewesen, dass die Bafin transparenter werde. Zudem könnten öffentliche Mitteilungen über Strafen für den gesamten Finanzsektor „generalpräventive Wirkung“ haben, sagte Branson.
Unabhängig von der Kommunikation habe jedoch auch die Anzahl der Interventionen zugenommen. Zu den betroffenen Unternehmen gehört auch der Immobilieninvestor Adler Group, dem der Wirtschaftsprüfer KPMG vor wenigen Tagen das Testat für die Geschäftszahlen 2021 verweigert hat. Die KPMG-Prüfer begründeten dies unter anderem damit, dass Adler ihnen wichtige Informationen nicht zugänglich gemacht habe.
Die Bafin beschäftigt sich mit Adler schon länger intensiv – und sieht deutliche Unterschiede zu Wirecard. „Ich sehe den Fall als ganz anders gelagert“, erklärte Branson. Am Markt sei bekannt, dass Wirtschaftsprüfer und Bafin sich Adlers Rechnungslegung anschauten. „Unsere Rolle ist, Hinweisen nachzugehen und Korrekturen zu verlangen, wenn es nötig ist.“ Diese Rolle nehme die Behörde sehr ernst.
Laut Direktoriumsmitglied Thorsten Pötzsch hat die Bafin mit der Überprüfung der Adler-Bilanz bereits im August 2021 begonnen. Erst zwei Monate später habe der britische Leerverkäufer Fraser Perring dann in einem Dossier schwerwiegende Vorwürfe gegen das Unternehmen erhoben.
Das Verfahren der Bafin läuft noch – wohl auch, weil die Behörde im Gegensatz zu KPMG kein Urteil fällen wird, bevor ihr alle wichtigen Informationen vorliegen. Zum aktuellen Stand der Prüfung hielt sich Branson bedeckt. „Wir können zu dem Verfahren nicht voreilig etwas sagen.“
Anlegeranwälte positionierten sich bei Adler
Aktuell hofft die Adler Group auf einen Verkauf ihrer restlichen Anteile an der niederländischen Brack Capital Properties (BCP) an den Rivalen LEG Immobilien. „Wir erwarten, dass LEG die Kaufoption zieht“, sagte Verwaltungsratschef Stefan Kirsten in einer Analystenkonferenz. LEG habe bereits erklärt, dass die BCP perfekt zu ihrer Strategie passen würde. Das würde Adler 768 Millionen Euro in die Kassen spülen. Am Montag war die Adler-Aktie wegen des verweigerten Testats zeitweise um mehr als 40 Prozent eingebrochen. Am Dienstag legte das Papier rund 28 Prozent zu.
Die Schutzvereinigung der deutschen Kapitalanleger (SdK) ist der Ansicht, dass Anleger eine Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen in Erwägung ziehen sollten. „Nach derzeitiger vorläufiger Einschätzung der Rechtsanwälte dürfte allen Anlegern, die zwischen dem 1.1.2017 und dem 29.4.2022 mit Wertpapieren der Adler Group S.A., der Adler Real Estate AG oder der Consus Real Estate AG Verluste erlitten haben, Schadensersatzansprüche zustehen“, erklärt die SdK.
Man sei bereits im Gespräch mit zwei Prozessfinanzierern, um Klagen ohne Kostenrisiko zu ermöglichen. Auch die Anlegerkanzleien Weisswert und Dr. Greger & Kollegen suchen bereits aktiv nach Adler-Mandanten.
Die zweite große Anlegervereinigung DSW ist zurückhaltender. Es sei immer noch unklar, was genau an den Vorwürfen dran sei, betonte ein Sprecher. Außerdem gebe es keinerlei Zeitdruck, schließlich beträgt die gesetzliche Verjährungsfrist für Schadensersatzansprüche drei Jahre.
Abrupter Zinsanstieg würde Banken zusetzen
Branson warnte bei der Bafin-Pressekonferenz zudem vor den weiteren Folgen des Ukrainekriegs für die deutsche Bankenbranche. Die direkten Auswirkungen des Kriegs und der Sanktionen gegen Russland und Belarus seien Stand jetzt verkraftbar, die Zweit- und Drittrundeneffekte aber schwer einschätzbar. Der Krieg bremse weltweit das Wirtschaftswachstum, störe Handelsbeziehungen, treibe die Preise von Gas und Öl nach oben und verschärfe das Problem der Lieferengpässe. Infolgedessen steige die Inflation immer weiter, was Zinsanhebungen auch in der Euro-Zone wahrscheinlicher mache.
Ein langsamer Zinsanstieg wäre für die meisten Banken positiv. Grundsätzlich seien mit einer Zinswende jedoch auch Risiken für die Geldhäuser verbunden, warnte Branson. „Ein abrupter und kräftiger Zinsanstieg könnte die Banken in Schwierigkeiten bringen.“ Kurzfristige Refinanzierungen würden dann unmittelbar teurer, während Zinseinkünfte aufgrund langer Zinsbindungen langsamer stiegen. Die Bafin prüfe gerade, welchen deutschen Banken ein solches Szenario besonders zusetzen würde.