Interview: Hypo-Vereinsbank-CEO Michael Diederich: Für Fusionen ist es „kein guter Zeitpunkt“
„Zuletzt gab es mehrere Signale aus der EZB, dass es im Juli zur ersten Zinserhöhung kommen könnte.“
Foto: Marc-Steffen Unger für HandelsblattMünchen. Es ist der Klassiker unter den Fusionsgerüchten in der deutschen Bankenlandschaft: Die italienische Unicredit beziehungsweise ihre deutsche Tochter Hypo-Vereinsbank gelten seit Jahren als besonders attraktiver Partner für die Commerzbank. Nach Informationen des Handelsblatts gab es zu Beginn dieses Jahres einen neuen Versuch der Annäherung.
Im Gespräch erklärt der Vorstandschef der Hypo-Vereinsbank (HVB), warum jetzt kein guter Zeitpunkt für den Start der lange erwarteten Konsolidierungswelle in Europa ist.
Lesen Sie hier das Interview:
Herr Diederich, Pier Carlo Padoan, der Aufsichtsrat Ihres Mutterkonzerns Unicredit, wünscht sich internationale Bankenfusionen und dass die Geldhäuser in der Euro-Zone europäischer werden. Was bedeutet das für die HVB?
Europa braucht starke europäische Finanzhäuser. Die Bankenstruktur ist jedoch stark fragmentiert, vor allem im Vergleich zum US-Markt. Aktuell ist angesichts der vielen Risiken vom Ukrainekrieg bis zur Pandemie eine Konsolidierungswelle aber unwahrscheinlich.
Gerade erst gab es wieder Meldungen, dass die Unicredit und die Commerzbank zu Jahresbeginn kurz über eine Fusion nachgedacht haben, bevor der Ukrainekrieg allen Spekulationen ein Ende setzte. Wie sieht die aktuelle Lage aus?
Andrea Orcel, der CEO der Unicredit, hat bereits Anfang Mai gesagt, dass die Rahmenbedingungen für derlei Transaktionen momentan nicht gegeben sind. Eine Übernahme muss grundsätzlich zur Strategie passen, das Geschäft stärken und sich langfristig auch positiv auf die Rendite und die Ausschüttungspolitik der Unicredit auswirken. Im Moment ist dafür kein guter Zeitpunkt.
Ist eine europäische Bankenkonsolidierung am Ende nicht unausweichlich, weil die US-Banken immer mächtiger werden, während die europäischen Institute wirken, als würden sie auch 13 Jahre nach der Finanzkrise noch immer in der Selbstfindungsphase stecken?
Der Unterschied zu den USA ist, dass dort in der Finanzkrise die Banken schnell rekapitalisiert worden sind. In Europa wurde dagegen sehr lange über jeden Einzelfall diskutiert. Aber die Banken mussten sich nach der Finanzkrise neu erfinden. Jetzt sind wir wieder das, wofür ich ursprünglich Banker geworden bin: um Kunden zu helfen. Spätestens die Pandemie hat klargemacht, wie wichtig ein stabiler Finanzsektor ist. Allein wir haben während der Pandemie fast 10.000 Kreditanfragen für staatliche Förderkredite der KfW behandelt.
Unicredit gilt als eine der europäischen Banken mit dem größten Russlandgeschäft. Wie sehr ist die HVB von den Auswirkungen der Sanktionen und von einem möglichen Rückzug des Konzerns betroffen?
Wenn ich heute auf unser Kreditbuch blicke, dann gibt es noch keine Verwerfungen. Aber je länger der Konflikt dauert und je stärker die Sanktionen ausgeweitet werden, umso mehr wird die gesamte Wirtschaft die Effekte spüren. Aktuell sind die Orderbücher bei fast allen Unternehmen noch gut gefüllt, auch wenn das Konsumklima zuletzt deutlich zurückging. Das dürfte sich ändern, wenn sich der Konflikt lange hinzieht, wenn Rohstoffe nicht mehr geliefert werden oder ganze Absatzmärkte wegbrechen.
Zu Ihren Kunden zählen viele deutsche Konzerne und Mittelständler mit großem Russlandgeschäft, die sich nun aus dem Land zurückziehen. Für welche Probleme sorgt das?
Manche Unternehmen müssen finanzielle Engpässe überbrücken, da Lieferketten und Absatzmärkte gestört sind. Wir spielen hier mit vielen unserer Kunden verschiedenste Szenarien durch, um gemeinsam den individuellen Bedarf zu analysieren.
Wie sehr helfen in dieser Situation die Programme der KfW?
Die KfW, die Politik und die Finanzbranche beobachten die Situation sehr genau. Wir spüren bisher noch keine starke Nachfrage nach KfW-Krediten oder nach Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Das liegt unter anderem an den Kriterien der Programme. Es gibt natürlich auch Unternehmen, die Abschreibungen auf ihr Eigenkapital vornehmen müssen, weil sie keinen Zugriff auf ihre Produktionsstätten in Russland oder der Ukraine haben oder begonnene Projekte abbrechen müssen. Im Kern steht dann die Frage: Was kann die Bilanz verkraften, und wie kann sie gestärkt werden? Hier ist die Politik gefordert. Für den Fall, dass sich die Situation verschärft, wenn zum Beispiel das Gas rationiert wird, gilt es, entsprechende Notfallprogramme vorzubereiten. Sie müssen ja nicht gezogen werden, sollten aber für den Ernstfall in der Schublade liegen.
Drei große Herausforderungen für Mittelständler
Neben den Folgen des Ukrainekriegs ist der Umbau zu einer grüneren Wirtschaft ein Thema, dem sich alle Unternehmen stellen müssen. Wie kommen Ihre Kunden mit dieser Herausforderung zurecht?
Eigentlich sind es drei große Herausforderungen, die der typische Mittelständler gleichzeitig bewältigen muss: die Digitalisierung, die langfristigen Folgen der Pandemie und die Dekarbonisierung. Dazu kommt noch die Unsicherheit durch den Krieg. Der russische Angriff auf die Ukraine sorgt dafür, dass das Thema Dekarbonisierung noch einmal an Dynamik gewinnt, weil uns die hohe Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen genau jetzt Probleme bereitet. Das ist ein gewaltiger Kraftakt für die Unternehmen. Unsere Aufgabe als Bank ist es, sie bei dieser Transformation zu beraten und zu begleiten.
Die vierte Herausforderung ist die hohe Inflation. Wie lange werden wir mit Teuerungsraten zu kämpfen haben, die deutlich über dem Stabilitätsziel der Europäischen Zentralbank von rund zwei Prozent liegen?
Die Inflation ist stark durch die Energiepreise getrieben, deswegen ist sie kein temporäres Phänomen. Wir sehen im Moment kein Unternehmen, das sich nicht mit der Frage beschäftigt, wie es seine Kostenstrukturen an die neuen Realitäten anpassen kann.
In den USA hat die Zinswende bereits begonnen. Die Notenbank Fed hat mehrere kräftige Zinserhöhungen signalisiert. Wie stark muss die EZB reagieren?
Zuletzt gab es mehrere Signale aus der EZB, dass es im Juli zur ersten Zinserhöhung kommen könnte. Ob und wie schnell danach mehr kommt, wird auch davon abhängen, in welchem Tempo die US-Notenbank die Zinsen anhebt. Wenn die Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa zu groß wird, dann wertet der Euro ab. Das wäre zwar gut für den Export, würde aber die Importe teurer machen, was die Inflation weiter anheizen würde.
Streicht die HVB die Minuszinsen für ihre Kunden, wenn die EZB den negativen Einlagensatz für Banken abschafft?
Das wird man sehen. Aktuell verhandeln wir das mit unseren Kunden individuell. Wir behalten das Marktumfeld aber natürlich im Blick und werden unsere Kundinnen und Kunden informieren, wenn sich an der jetzigen Praxis etwas ändern sollte.
Kundenverhalten hat sich verändert
Die HVB erhielt durch die neue Strategie von Andrea Orcel im vergangenen Jahr mehr Freiheiten, aber auch mehr Verantwortung. Es gibt klare Ziele. Die Einnahmen sollen pro Jahr um zwei Prozent steigen, der Nettoprofit bis 2024 eine Milliarde Euro erreichen. Realistische Ziele angesichts der neuen Herausforderungen?
Wir haben gerade das beste Quartalsergebnis seit zehn Jahren erzielt, getragen von einer starken und breiten Steigerung im operativen Geschäft. Wir haben unsere Planziele bestätigt, weil uns die Kunden vertrauen, wir auf der Kostenseite nicht nachlassen und die Digitalisierung vorantreiben.
Zuletzt mussten Sie nur gut 47 Cent ausgeben, um einen Euro einzunehmen. Eine Cost-Income-Ratio auf diesem Niveau ist für eine deutsche Bank ein sehr guter Wert. Können Sie überhaupt noch weiter sparen?
Wenn wir für das Gesamtjahr einen Wert unter 50 erreichen, wäre das ein Riesenerfolg. Das streben wir an.
Der Manager führt seit April 2021 die italienische Unicredit.
Foto: UnicreditVor dem Jahreswechsel war vom Abbau von bis zu 1100 Stellen die Rede. Wie ist hier der Stand?
Vom Gesamtprogramm haben wir etwa die Hälfte erreicht. Mit allem, was wir uns vorgenommen haben, sind wir mehr als im Plan. Gerade vor dem Hintergrund der anhaltenden Inflation versuchen wir, das Projekt so schnell wie möglich voranzutreiben.
Auch von der Schließung von Filialen war die Rede.
In den vergangenen beiden Jahren hat sich das Kundenverhalten dramatisch verändert. Quasi jeder nutzt jetzt eine Banking-App. Über Videoschalten können unsere Kunden den persönlichen Kontakt suchen, ohne dafür in eine Zweigstelle fahren zu müssen. Deswegen sind physische Standorte nicht mehr so wichtig wie in früheren Jahren. Wir schauen daher fortlaufend, wie wir unsere Kunden optimal betreuen können und ob es nicht sinnvoll ist, kleinere Standorte zusammenzulegen. Aber es wird die HVB niemals ohne Filialen geben.
Veränderungen könnten auch bei der deutschen Immobiliensparte Wealthcap anstehen, die offenbar zum Verkauf steht. Die Bewertung soll bei rund 150 Millionen Euro liegen, und es soll einen deutschen Interessenten geben. Wann können Sie Vollzug melden?
Mit Blick auf unsere strategische Ausrichtung sind wir für Wealthcap nicht mehr der richtige Eigentümer. Der Verkaufsprozess ist aber noch nicht abgeschlossen.
Herr Diederich, vielen Dank für das Gespräch.