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Reinvest Robotics„60 Prozent Wachstum pro Jahr“: Roboter-Pionier erklärt den neuen Milliarden-Markt der Cobots

Esben Östergaard erwartet einen anhaltenden Boom bei den kollaborierenden Robotern. Der Brüsseler „AI Act“ könne Europas Rolle dabei gefährden.Axel Höpner 14.06.2022 - 07:28 Uhr Artikel anhören

Er gründete den heutigen Cobot-Marktführer Universal Robots und verkaufte ihn 2015. Östergaard leitet inzwischen Reinvest Robotics, eine Accelerator-Plattform für Robotik-Start-ups.

Foto: Reinvest Robotics

München. Kollaborierende Roboter sind die große Wachstumshoffnung der weltweiten Robotikindustrie. Sie arbeiten vor allem in der Produktion automatisiert mit ihren menschlichen Arbeitskolleginnen und -kollegen zusammen. „Das Cobot-Segment wird definitiv größer werden als das der klassischen schweren Industrieroboter“, sagte Esben Östergaard, Gründer des Robotikpioniers Universal Robots vor dem Handelsblatt Innovation Summit.

Der Däne hatte den Cobot-Weltmarktführer 2005 mitgegründet und zehn Jahre später für 1,9 Milliarden dänische Kronen (285 Millionen US-Dollar) an den US-Konzern Teradyne verkauft. Heute ist Östergaard CEO der Accelerator-Plattform Reinvest Robotics, die in junge Robotik-Unternehmen investiert und sie berät.

Östergaard ist überzeugt, dass die Cobot-Branche weiter um jeweils etwa 60 Prozent im Jahr wachsen und Milliardenumsätze erzielen kann. Dazu trage der aktuelle Trend bei, die Produktion wegen Lieferproblemen und globaler Unsicherheiten zurück in die Heimat zu holen. Auch Deutschland könne dabei eine wichtige Rolle spielen. „Firmen wie Wandelbots zeigen, was für ein Potenzial da ist“, sagte Östergaard.

Doch der Unternehmer sieht auch Nachholbedarf: In der Coronakrise habe sich gezeigt, dass Deutschland noch nicht so stark digitalisiert sei, wie viele gedacht hätten.

Eine Gefahr sieht Östergaard auch in der von der EU geplanten Regulierung des Einsatzes Künstlicher Intelligenz (KI) im AI Act. Er verstehe zwar den Wunsch nach Regulierung. „Wenn aber jedes Mal der Tüv kommen muss, wenn Sie etwas an einem Cobot umprogrammieren oder ihn anders aufstellen, kann das Wochen dauern und viel Geld kosten.“ Das gefährde die Wettbewerbsfähigkeit.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Östergaard, Sie haben 2008 den ersten Cobot auf den Markt gebracht. Doch noch findet man längst nicht bei jedem Mittelständler einen kollaborierenden Roboter. Warum dauert der Durchbruch länger, als manche gedacht hatten?
Der Markt wächst mit 60 Prozent pro Jahr, das ist schon eine Revolution. Es gibt inzwischen 50 bis 60 Cobot-Firmen und 150 konkurrierende Produkte. Es wird noch etwas dauern, bis alle Prozesse automatisiert sind, und die Regulierung bremst an manchen Stellen. Doch wir erleben einen echten Boom.

Wie groß kann die Branche denn noch werden?
Das Cobot-Segment wird definitiv größer werden als das der klassischen schweren Industrieroboter. Es wird weiterhin um 60 Prozent wachsen. Experten halten acht Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2026 für möglich. Ich halte das für realistisch.

Trotzdem zögern viele Firmen noch beim Einsatz von Cobots.
Es gibt gerade im Mittelstand viele konservative Unternehmer. Wenn das Geschäft läuft, warum soll ich etwas daran ändern?

Das ist doch eine interessante Frage: Warum sollten sie?
Die Lieferketten sind immer weiter optimiert worden. In der Pandemie und dem Ukrainekrieg hat sich gezeigt, wie anfällig sie geworden sind. Als Folge gibt es einen Trend zum Reshoring, die Fertigung kommt näher zu den Verbrauchern. Wegen des Fachkräftemangels und der hohen Personalkosten wird das nur mit mehr Automatisierung gehen. Mit Cobots ist es egal, wo man produziert. Zudem wächst der Druck, die Fertigung zu flexibilisieren.

Warum?
Die Verbraucher wollen ständig neue Produkte. Sie wollen nicht mehr dasselbe Handy oder dasselbe Paar Schuhe wie im Jahr zuvor. Es muss ein neues Design sein, neue Materialien. Deswegen müssen die Produktionslinien noch schneller umgestellt werden können. Diese zwei Trends treiben die Flexibilisierung der Produktion voran – und das geht am besten mit Cobots, die leicht umzuprogrammieren sind.

„Es wird nicht leicht für die traditionellen Hersteller“

Wer wird diesen wachsenden Cobot-Markt aus Ihrer Sicht langfristig dominieren? Am Ende vielleicht doch die traditionellen Industrieroboter-Hersteller wie Fanuc, Kuka und ABB?
Die klassischen Hersteller tun sich bislang schwer. Das liegt auch daran, dass der Vertrieb bei den Cobots ganz anders funktioniert. Wenn eine Autofabrik gebaut wird, bauen Integratoren ein Jahr lang eine Linie mit vielen Robotern auf, die dann vielleicht sieben Jahre in Betrieb sind.

Wenn jemand einen Cobot braucht, kommt der Vertriebspartner in einer Woche, stellt den Cobot auf, schult kurz das Personal und ist wieder weg. Das ist ein ganz anderer Ansatz. Es wird nicht leicht für die traditionellen Hersteller, sie brauchen da ganz andere Partner.

Sie haben 2005 den heutigen Cobot-Weltmarktführer gegründet. Wird Universal Robots diese starke Stellung behaupten können, wenn Cobots zum Massenmarkt werden?
Universal Robots hat immer noch einen Marktanteil von 50 Prozent und wächst stark. Es drängen aber auch viele neue Player in den Markt. Die konzentrieren sich zum Teil auf Applikationen. Denn dem Kunden ist es erst einmal egal, welchen Greifer er bekommt, er will sein Problem gelöst haben.

Wer wird perspektivisch mehr Geld verdienen – Hardwarehersteller oder die reinen Softwarespezialisten?
Die Firmen zahlen nach meiner Beobachtung lieber für ein Hardwareprodukt, auch wenn darin viel Software steckt.

Welche Rolle kann Deutschland dabei spielen? Es gibt viele Start-ups, die in das Cobot-Segment drängen.
Deutschland hat eine lange Tradition in der Produktion und der Automatisierung. Aber in der Coronakrise hat sich gezeigt, dass das Land nicht so stark digitalisiert ist, wie viele dachten. Ich war während der Pandemie in Frankfurt, und ich hatte mitten in der Stadt nur 2G-Edge-Empfang. Das ist verrückt, in Dänemark habe ich überall 5G. Hier funktioniert auch alles online: Egal, ob man ein Bankgeschäft erledigen oder ein Kind beim Kindergarten anmelden will. Deswegen hat uns die Pandemie nicht ausgebremst. Die Arbeit ging nahtlos von daheim weiter. In Deutschland muss die Disruption noch gelingen.

„Die Beschäftigten ermächtigen, Experten in ihren Prozessen zu werden“

Wie kann Deutschland das noch aufholen?
Die junge Generation macht viel richtig. Firmen wie Wandelbots zeigen, was für ein Potenzial da ist. Es gibt auch so viel Wissen im Land über Fertigung und Technologie. Aber die Entscheidungsträger in den etablierten Firmen müssen bereit sein, neue Wege zu gehen.

Welche Wege sind das?
Die Ingenieure hier wollen gern den ganzen Prozess designen. Der Arbeiter in der Fabrik ist nicht gefragt. Die Idee hinter Cobots ist aber, die Beschäftigten dazu zu ermächtigen, Experten in ihren Prozessen zu werden. Das ist nicht so der deutsche Ansatz.

Brauchen wir denn auf lange Sicht überhaupt noch Menschen in der Produktion? Oder werden wir vollautomatisierte Fabriken haben, in denen Maschinen mit Maschinen zusammenarbeiten?
Es ist kein Zufall, dass die Idee der Industrie 4.0 aus Deutschland kam. Das Ideal ist, dass die Maschinen ohne menschliche Interaktion produzieren. Das ist der Traum der Ingenieure. Aber diese Fabrik ist nicht ideal für Premiumprodukte in kleinen Stückzahlen, die immer neu designt werden. Da braucht man Menschen in der Produktion. Ein Roboter wird nie wissen, wie ein perfektes Produkt aussehen muss. Da braucht man auch Handarbeit. In der Industrie 5.0 werden Mensch und Maschinen zusammenarbeiten.

Roboter werden die Menschen in den Fabriken also nie komplett ersetzen?
Die Geschichte hat gezeigt, dass Länder mit der höchsten Roboterdichte oft die niedrigste Arbeitslosigkeit haben. Die Maschinen können die einfachen Dinge erledigen, die Menschen sich auf Wichtigeres konzentrieren. Kein Job ist zu 100 Prozent automatisierbar, aber in jedem Job gibt es Teile, die automatisiert werden können. Die Arbeit verändert sich, aber sie verschwindet nicht.

Was wird das nächste große Ding in der Robotik? Erleben wir bald menschenähnliche Roboter im Kundenkontakt?
Roboter sind nur Maschinen. Auch im Hotel wollen die Leute zum Beispiel nicht, dass ein Roboter wie ein Mensch aussieht. Er kann dort aufräumen oder Getränke transportieren. Aber die Interaktion mit dem Menschen muss nicht automatisiert werden. Deswegen muss er auch nicht wie ein Mensch aussehen.

„Wir sind noch sehr weit davon entfernt, die menschliche Hand zu kopieren“

Viele Roboter sind noch immer recht unbeholfen. Warum gelingt es bislang nicht, beispielsweise die Bewegungen der menschlichen Hand besser nachzubilden?
Wenn das jemandem gelänge, wäre es der Gamechanger. Das menschliche Gehirn ist perfekt darauf ausgerichtet, unsere Augen und unsere Hände zu koordinieren. Zudem besitzen Hände enorme Fähigkeiten. Man hat einmal Arbeitern die Augen verbunden – sie konnten weiterarbeiten. Dann hat man ihnen Handschuhe angezogen. Ohne Gefühl in den Fingern konnten sie nicht arbeiten. Deswegen wird in der Montage noch immer viel mit der Hand gemacht. Wir sind noch sehr weit davon entfernt, die menschliche Hand zu kopieren.

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Wird Künstliche Intelligenz der Gamechanger sein, der hier den Durchbruch bringen kann?
Da müssen wir über Regulierung reden, und das ist ein Thema, das mich sauer macht. Die EU überarbeitet gerade die Maschinenrichtlinie und will einen „AI Act“ beschließen. Ich verstehe, dass man das regeln will. Wenn aber jedes Mal der Tüv kommen muss, wenn Sie etwas an einem Cobot umprogrammieren oder ihn anders aufstellen, kann das Wochen dauern und viel Geld kosten. Wenn das so kommt, verlieren wir unsere Wettbewerbsfähigkeit.
Herr Östergaard, vielen Dank für das Interview.

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