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Morning BriefingHochzeit mit Hindernissen für Boris Johnson

Hans-Jürgen Jakobs 08.07.2022 - 06:31 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Big-Boris-Show ist vorüber – aber ist sie das wirklich? In London hatte Premierminister Boris Johnson extrem lange gebraucht, um zu erkennen, dass er ohne Partei und ohne Kabinett einfach nicht regieren kann. Auch wenn man mitberücksichtigt, dass in seinem Selbstbild einzig und allein er die Unterhauswahl gewonnen hat. Aber der Rücktritt, von dem alle reden, ist nicht einmal ein halber. Johnson kündigte zwar an, jetzt als Chef der konservativen Tories zurückzutreten, bleibt aber im Regierungsamt, bis ein Nachfolger gefunden ist – womöglich also bis zum Parteitag im Oktober.

Drei, vier Monate sind viel Zeit für politische und propagandistische Winkelzüge, die der 58-jährige Politiker mit der Wirrkopf-Aura beherrscht. Zumindest hat er sich eine Chance gesichert, wie geplant seine Hochzeit mit Carrie Johnson am 30. Juli auf einer großen Party in Chequers nachzufeiern, dem offiziellen Landsitz des britischen Premiers. Die Einladungen sind schon verschickt, ein Lockdown ist auch nicht in Sicht.

Mitten in einem heißen Sommer, mit Wassernot in Italien, geben wir mit einem Schneebild des Brandenburger Tors schon einmal eine Vorahnung, was uns im „kommenden Notstandswinter“ drohen könnte. Unsere Assoziation hat drei Worte: „kalt, dunkel, teuer“. Noch ist Deutschland abhängig von Wladimir Putins Droge, dem russischen Gas, das 18 Prozent des gesamten deutschen Energieverbrauchs deckt. Zurzeit aber laufen nur 40 statt 100 Prozent des Stoffes durch die Pipeline Nord Stream 1 (technische Probleme), und am nächsten Montag beginnen zehntägige Wartungsarbeiten. Das könnte die nächste Begründung für eine Drosselung bieten.

Wir beschreiben, wie Unternehmen und Staat Notfallpläne erstellen und die Suche nach neuen Energiequellen ausgebaut wird. Viel mehr als die Tanker aus Amerika mit Fracking-Gas sind da nicht zu erwarten. Und es wird noch Jahre dauern, ehe uns Erneuerbare Energien aus dem selbstgewählten Gefängnis „Russen-Gas“ befreien werden. Die Politik wird uns also, vorsichtig und in gewählten Worten, auf Verzicht und Entbehrung vorbereiten.

Die größte Hoffnung ist noch: ein milder Winter.

In tödlicher Gefahr lebt offenbar, wer eng mit dem russischen Gasmonopolisten Gazprom zu tun hat, der „Kalaschnikow“ in Putins Arsenal ökonomischer Waffen, die er seit langem auf uns richtet. Mindestens fünf Manager im Gazprom-Umfeld sind in den vergangenen Wochen unter dubiosen Umständen gestorben. Zuletzt wurde Juri Woronow tot im Pool seiner Villa in einem St. Petersburger Vorort aufgefunden, der Logistikunternehmer wollte Gazprom bei Arktis-Projekten helfen. Im Januar wiederum hatte man, im gleichen Wohnort, den Ex-Gazprom-Manager Leonid Shulman ebenfalls tot im Badezimmer seines Hauses gefunden.

In derselben Gegend kam dann im Februar Alexander Tjuljakow, stellvertretender Generaldirektor von Gazprom, ums Leben: erhängt in seiner Villa. Im April starben der frühere Vizechef der Gazprom-Bank, Wladislaw Awajew, mitsamt Frau und Tochter – angeblich ein erweiterter Suizid. Und im Mai schließlich stürzte Andrej Krukowski bei einer Wanderung von einer Klippe in den Tod. Er managte das von Gazprom betriebene Skiressort Krasnaja Poljana. Die polnische Denkfabrik „Warsaw Institute“ glaubt, es sollten Spuren vernichtet werden, die zu Gaunereien zwischen Kreml und dem Staatskonzern führen könnten.

Mit dem eleganteren Mittel des Humors kann Gazprom auch arbeiten. Zu dem riesigen Staatskonglomerat gehören wichtige Medien, darunter das Videoportal Rutube. Nun wurde bekannt, dass die russischen Komiker Wladimir Kusnezow und Alexej Stoljarow alias „Vovan“ und „Lexus“ digitale Klingelstreichen in aller Welt organisieren. So verwandelten sie sich in Vitali Klitschko, um der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, etwas Brisantes zur Ukraine zu entlocken.

Sie riefen aber auch Justin Trudeau, George Bush Jr. oder J. K. Rowling an. Im Interview mit dem ARD-Magazin „Kontraste“ sagen sie: „Wir arbeiten für Rutube und sind Rutube-Botschafter. Also bekommen wir unser Geld von dort.“ In der kommenden Woche wird zu sehen sein, was Giffey diesen Komikern zu sagen hatte.

Der Bundesvorsitzende der Grünen stellt die Schuldenbremse infrage, der sich der Koalitionspartner FDP verpflichtet fühlt.

Foto: Photothek/Getty Images

Die Arbeitsverhältnisse in der Ampelkoalition ähneln mittlerweile den Zuständen in einer WG von Studierenden, die alle neu in die Stadt kamen, anfangs fröhlich feierten, inzwischen aber im Hader über Putzpläne und Kühlschrankbefüllung liegen. Das gute Gefühl ist noch nicht ganz weg, aber irgendwie ist es doch so nervig, dass man öfters mal sein Bierchen draußen trinkt.

Wie soll es auch anders sein, wenn die Grünen und die Liberalen einander die Erfolge nicht gönnen und der auf wundersame Weise ins Kanzleramt gestoßene Olaf Scholz schauen muss, dass sich eine SPD nicht plötzlich hinter den populären Grünen befindet, denen man offenbar mehr verzeiht als anderen. Im Handelsblatt-Gespräch bekennt der Grünen-Chef Omid Nouripour, sich nach Sommerferien zu sehnen: „Jetzt braucht es die Pause so dringend wie noch nie.“

Im Einzelnen sagt der Politiker über...

  • ...das Regierungsklima: „Dass man in einer Koalition auch mal um Lösungen ringen muss, ist selbstverständlich. Wir haben gleichzeitig wichtige Vorhaben umgesetzt, diese Woche zum Beispiel diverse Gesetze für den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien.“
  • ...eine Neubesinnung auf Nuklearkraft: „In sozialen Fragen würde uns der Weiterbetrieb der drei Atomkraftwerke nicht helfen. Wir reden hier über Atomkraft. Das ist nicht plumpe Bürokratie, sondern wortwörtlich todernst. Wenn da auch nur eine Schraube locker ist, haben ganze Landstriche ein Problem. Das kann keiner verantworten, auch nicht Friedrich Merz oder Markus Söder.“
  • ...die Energieversorgung: „Niemand freut sich darüber, dass wir nun in Katar Gas einkaufen müssen oder Kohlekraft länger in Reserve lassen. Aber allen ist auch klar: Der Krieg erschüttert viele Gewissheiten in der gesamten Gesellschaft. Wir müssen eine Deindustrialisierung des Landes mit aller Macht verhindern und uns auf den Gasstopp bestmöglich vorbereiten.“

Zum zweiten Mal hintereinander gewinnt Telekom-Chef Tim Höttges das „Rhetorik-Ranking“ der redestärksten Dax-CEOs. Das befanden jedenfalls die Universität Hohenheim und die Jury des European Speechwriter Networks – auch, weil Höttges das Ziel der kompletten Mobilfunkversorgung der Bahn als „schwarzen Schäferhund“ bezeichnete, während die Konkurrenz sozusagen eher Dalmatiner-Qualität liefere.

Gut schnitten auch Newcomer Roland Busch von Siemens mit seinen ausgewählten Episoden über Mitarbeiter sowie der das Essayistische bietende Theodor Weimer ab, CEO der Deutschen Börse. Natürlich schafften es auch Schachtelsätze und Wortmonster wie „Photon-Counting-Technologie“ in die Reden der CEOs. Letzter im Ranking wurde Dominik Richter, Gründer des Kochboxenversenders Hellofresh, dessen Kurs seit Jahresbeginn um die Hälfte eingebrochen ist. In diesem Falle dürfte auch ein Rhetorikseminar für ein Comeback nicht weiterhelfen.

Matthias Brandt als Magnus A. Cramer bei einer Poolparty.

Foto: Netflix

Mein Kulturtipp zum Wochenende: „King of Stonks“, eine höchst amüsante Serie auf Netflix von Regisseur Jan Bonny und der deutschen Produktionsfirma Bildundtonfabrik, die nach all den Artikeln, Büchern, Dokumentationen und Filmen das Betrugsphänomen Wirecard als das aufpoppen lässt, was es wirklich war: ein einziger Affentanz um Geld und Macht und ein Fitzelchen Zukunft (Hauptsache „digital“). Matthias Brandt als Dr. Magnus Cramer von „Cablecash“ verliert als Ober-Primat im Rausch nie jene Kunst des Storytellings, die Aktienhypes erst möglich macht, flankiert von Thomas Schubert in der Rolle des CEO-Einflüsterers. Sie geben dem Affen Zucker, und alle wollen mehr.

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Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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