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Corona-PandemieHilft eine vierte Corona-Impfung auch Jüngeren? Gemischte Reaktionen auf Lauterbachs Vorstoß

Der nächste Anti-Corona-Booster bringt dem Gesundheitsminister zufolge auch für unter 60-Jährige „eine ganz andere Sicherheit“. Doch dagegen gibt es Argumente.Jürgen Klöckner 15.07.2022 - 15:58 Uhr Artikel anhören

Entgegen der Stiko-Empfehlung befürwortet Gesundheitsminister Karl Lauterbach eine vierte Impfung für unter 60-Jährige.

Foto: dpa

Wolle man den Sommer ohne das Risiko einer Erkrankung genießen, dann würde er „natürlich in Absprache mit dem Hausarzt auch Jüngeren die Impfung empfehlen“, sagte der SPD-Politiker dem „Spiegel“. Dennoch herrscht Uneinigkeit darüber, ob die vierte Impfung auch für Jüngere derzeit sinnvoll ist.

Die EU-Arzneimittelbehörde Ema und die EU-Gesundheitsbehörde ECDC hatten sich lediglich für eine weitere Auffrischimpfung für alle über 60 und Risikopatienten ausgesprochen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland empfiehlt die vierte Impfung für Risikopatienten und Menschen ab 70 Jahren.

Dass zumindest Menschen ab 60 Jahren durch die vierte Impfung besser geschützt sind, legen Daten aus Israel nahe. Demnach führte der zweite Booster in dieser Altersgruppe zu einem mehr als dreifach höheren Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf als bei Menschen, deren dritte Impfung mehr als vier Monate zurücklag. Eine weitere Studie aus Israel aus dem April zeigt hingegen auch, dass die vierte Impfung bei jüngeren und gesunden Menschen nur einen „geringfügigen Nutzen“ habe.

Für den Epidemiologen Markus Scholz von der Universität Leipzig kommt der Aufruf von Lauterbach zu früh. „Auffrischungsimpfungen für alle sind zu empfehlen, um die Krankheitslast einer Welle so weit wie möglich zu reduzieren“, sagte er dem Handelsblatt. Am sinnvollsten sei dies vor Beginn einer neuen Welle.

Das sind die Reaktionen auf Lauterbachs Vorstoß

Die aktuelle BA.5-Welle flache aber bereits wieder ab. „Ich würde deshalb für eine Impfkampagne im Frühherbst werben, um sich auf die zu erwartende Herbst- und Winterwelle vorzubereiten“, sagte er.

Die Schutzwirkung vor Ansteckung nehme relativ schnell nach der Impfung ab. Bei sehr hohen Fallzahlen gebe es deswegen auch bei hohen Impfquoten immer noch relevante Todeszahlen. Der Schutz vor schweren Verläufen bestehe hingegen länger.

Der Virologe Christoph Spinner sagte der Deutschen Presse-Agentur hingegen, die Entscheidung für die vierte Impfung hänge auch von dem persönlichen Infektionsrisiko ab – und wie viel Kontakt man im Alltag mit vulnerablen Menschen hat.

Reaktionen auf Lauterbach-Vorstoß

„Wenn die letzte Impfung sechs Monate her ist und jemand nun im Sommer auf Festivals oder Großveranstaltungen gehen will, ist eine weitere Impfung wahrscheinlich ratsam“, sagte Spinner. „Wer von zu Hause aus arbeitet und außerhalb von Familie und Freunden wenig Kontakte hat, kann sicher noch etwas warten.“

Daten zeigen der Stiko zufolge, dass die Wirkung des Boosters bei der Omikron-Variante innerhalb weniger Monate abnehme.

Foto: IMAGO/avanti

Generell sei eine zweite Booster-Impfung auf keinen Fall ein Fehler, wenn die erste mindestens drei Monate zurückliege. Folgen die dritte und vierte Impfung zu schnell aufeinander, bringt das allerdings wenig Nutzen, so Spinner.

Auch Timo Ulrichs, Epidemiologe am Lehrstuhl für Globale Gesundheit der Akkon-Hochschule Berlin, empfiehlt: „Möglichst breit ein viertes Mal impfen.“ Damit sei der Immunschutz individuell auf 100 Prozent gebracht, sagte er dem Handelsblatt. Das sei eine gute Vorbereitung für den Herbst und Winter und senke das Risiko für Long Covid und die Weiterverbreitung von Untervarianten von Omikron.

Eine Empfehlung durch die Stiko, die Lauterbachs Vorstoß unterstützen würde, steht allerdings noch aus. Stiko-Chef Thomas Mertens wandte sich gegen breite Viertimpfungen auch für jüngere Menschen. Er kenne keine Daten, die einen solchen Ratschlag rechtfertigten, sagte er der „Welt am Sonntag“ und fügte hinzu: „Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto ‚Viel hilft viel‘ auszusprechen.“

Impfentscheidung mit Hausarzt treffen

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sieht die fehlende Stiko-Empfehlung als Hürde. Er begrüße Lauterbachs Vorstoß zwar grundsätzlich, sagte er am Freitag. Es brauche aber eine Klarstellung durch das Bundesgesundheitsministerium, dass die vierte Impfung bei Personen, die nicht unter die Stiko-Empfehlung fallen, bei Impfschäden haftungsrechtlich abgesichert sei.

Holetschek sagte „Erst danach können wir unsere Impfzentren auffordern, unabhängig von einer Empfehlung der Stiko auch Personen ab oder sogar unter 60 Jahren zu impfen.“ Auch der gesundheitspolitische Sprecher der FDP, Andrew Ullmann, warnte Lauterbach gegenüber dem Handelsblatt: „Eine konkrete Impfempfehlung, die sich über die Evidenz-basierten Empfehlungen aus medizinischen Fachgremien hinwegsetzt oder vorgreift, kann und darf aber nicht Aufgabe der Politik sein.“

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Lauterbach wies hingegen darauf hin, die Impfentscheidung sei immer eine Entscheidung zwischen Hausarzt und Betroffenen. Die Stiko „empfiehlt ja nur im Allgemeinen“. Der Minister riet Menschen über 60 zudem, „auf keinen Fall“ auf einen an die Omikron-Variante angepassten Impfstoff zu warten, der im Herbst verfügbar sein soll. Die Impfstoffe schützten zuverlässig davor, an Covid zu erkranken oder infolge einer Coronainfektion zu sterben.

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