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Altenpflege„Belastung wie eine zweite Miete“: Verbände warnen vor steigenden Kosten für Pflegebedürftige

Die Inflation, Lohnsteigerungen und der Personalmangel erhöhen den Kostendruck auf die Altenpflege. Der Arbeitgeberverband Pflege sieht den Gesundheitsminister in der Pflicht.Luisa Bomke 28.07.2022 - 13:27 Uhr Artikel anhören

Die Kosten für einen Pflegeheimplatz sind trotz des im Januar beschlossenen Leistungszuschusses gestiegen.

Foto: picture alliance / photothek

Berlin. Der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) warnt vor einem „Kosten-Tsunami“, der auf Pflegebedürftige, ihre Angehörigen und die Kommunen zukommt, wenn die Regierung nicht gegensteuert. Für die Kostensteigerung verantwortlich seien vor allem die hohen Energie- und Lebensmittelkosten. Zwischen 600 und 1000 Euro zusätzlich sollen zukünftig monatlich für eine stationäre Pflege im Heim anfallen.

Verbandspräsident Thomas Greiner sagt: „Das belastet Familien wie eine zweite Miete.“ Deshalb fordert Greiner jetzt einen Inflationszuschuss von 25 Prozent für die Unternehmen, um die gestiegenen Sachkosten wie Unterkunft und Verpflegung abzudecken.

„Ein sofortiger Inflationszuschuss entlastet nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Pflegebedürftigen“, so Greiner. Die Arbeitgeber in der Altenpflege seien in den Tarifverhandlungen pragmatisch gewesen. Jetzt müsse die Bundesregierung den gleichen Pragmatismus zeigen, „wenn es um die Finanzierung politisch verursachter Kosten geht“. Wenn nichts unternommen werde, blieben die Kosten bei Pflegebedürftigen, ihren Angehören und den Kommunen hängen.

Er habe den Eindruck, dass Gesundheitsminister Karl Lauterbach das Thema nicht schnell genug angehe, und fordert: „Corona-Karl muss endlich zum Pflege-Karl werden.“

Auf die Vorwürfe des AGVP angesprochen, sagte Lauterbach: „Wir arbeiten an Gesetzen zur Finanzierung der Pflege.“ Derzeit gebe es drei Entwürfe, mit denen er selbst aber noch nicht zufrieden sei. Jedoch betont Lauterbach, dass die Prävention gegen eine neue Coronawelle im Herbst nicht gegen die langfristige Finanzierung der Pflege ausgespielt werden dürfe.

Trotz Pflegezuschlag: Kosten für Heimpflegeplatz um 67 Euro gestiegen

Schon heute beziehen 30 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland Beihilfe, um die Pflegekosten zu decken. AGVP-Geschäftsführerin Isabell Halletz rechnet in den kommenden Jahren sogar mit einem Anstieg auf 60 Prozent. Der Druck auf Kommunen und Angehörige steige weiter.

Seit Januar gilt zwar ein nach Aufenthaltsdauer im Heim gestaffelter Leistungszuschlag, der von den Pflegekassen übernommen wird. Doch bringt er nur bei längeren Heimaufenthalten eine spürbare Entlastung. Pflegebedürftige müssen im ersten Heimjahr bundesweit einen Eigenanteil von rund 2200 Euro pro Monat zahlen. Damit sind die Kosten für einen Heimpflegeplatz im Vergleich zum Januar trotz des Zuschlags um 67 Euro gestiegen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Verbands der Ersatzkassen (VdeK).

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, unterstützt die Warnung des AGVP vor einer massiven Kostensteigerung: „Der Umzug ins Pflegeheim macht heutzutage arm, die wenigsten Pflegebedürftigen können sich die Eigenanteile noch leisten.“

Die Situation in der Altenpflege ist seit Jahren angespannt. Die Kassen sind leer. Nach Zahlen des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aus dem Juni wären insgesamt 7,3 Milliarden Euro Steuergeld nötig, um die Beiträge bis Ende 2024 stabil zu halten. Andernfalls müssten die Beiträge zur Pflegeversicherung um 0,35 Prozent angehoben werden. Derzeit liegt der Beitragssatz der gesetzlichen Pflegeversicherung bei 3,05 Prozent des Bruttoeinkommens, für Kinderlose bei 3,4 Prozent.

Neben der Inflation benennt der AGVP auch den weiterhin „gravierenden Personalmangel“ als Kostentreiber. Zwar habe es die „Konzertierte Aktion Pflege“ gegeben, bis auf die deutliche Lohnsteigerung, die im September erfolgen soll, sei aber nichts passiert. Deshalb brauche es jetzt einen Pflegegipfel aller beteiligten Parteien, um praktische Lösungen auf den Tisch zu bringen.

Laut Greiner würde neben der Digitalisierung auch eine neue Organisation der Arbeit in den Pflegeheimen die angespannte Personalsituation entlasten und Kosten senken. Er spricht sich dafür aus, Pflegeheime für andere Berufszweige zu öffnen, damit sich das Fachpersonal auf die medizinische Versorgung konzentrieren kann. „Wir können uns nicht erlauben, dass qualifizierte Pflegekräfte klassische Zivi-Jobs machen“, so Greiner.

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Zahl der Pflegebedürftigen um 76 Prozent gestiegen

Zwar sei die Entwicklung der Ausbildungs- und Beschäftigungszahlen positiv. Doch die Zahl der Pflegebedürftigen steige schneller als die Zahl der Pflegekräfte.

So ist die Zahl der Beschäftigten in der Altenpflege laut dem Statistischen Bundesamt von 890.000 im Jahr 2009 auf 1,2 Millionen im Jahr 2019 angestiegen. Das entspricht einem Plus von knapp 35 Prozent. Die Zahl der Pflegebedürftigen ist im gleichen Zeitraum jedoch von 2,34 auf 4,13 Millionen angestiegen – also 76 Prozent.

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