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KriminalitätWie das organisierte Verbrechen Mexikos Wirtschaft ins Chaos stürzt

Viele Teile Mexikos stehen unter der Kontrolle der Kartelle; Regierung und Polizei scheinen zu resignieren. Eine neue Welle der Gewalt ruft die Wirtschaft auf den Plan.Klaus Ehringfeld 20.08.2022 - 13:49 Uhr Artikel anhören

Die Gewalt der Kartelle in Mexiko richtet sich zunehmend gegen Zivilisten.

Foto: Reuters

Mexiko-Stadt. Das organisierte Verbrechen hat Mexikos Wirtschaft fest im Griff – wenn auch nur indirekt. In Michoacán im Westen Mexikos blieben in der vergangenen Woche die für den Export in die USA bestimmten Avocados auf den Lkws liegen. In Chihuahua im Norden des Landes gingen zur gleichen Zeit zahlreiche Arbeiter mehrere Tage nicht in ihre Fabriken. Im bei Touristen beliebten Bundesstaat Baja California an der Pazifikküste blieben die Geschäfte geschlossen.

Die Menschen hatten Angst, ins Kreuzfeuer oder in den direkten Fokus der Kartelle zu geraten. Innerhalb weniger Tage fackelten kriminelle Gruppierungen in großen Städten landesweit Autos ab, sperrten Straßen und setzten Geschäfte in Brand. In Ciudad Juárez schossen Mitglieder der Bande „Los Mexicles“ wahllos auf die Bevölkerung. An einem Tag starben dort elf Menschen, darunter eine Familie in einer Pizzeria und ein Radioteam, das über die Aggressionen berichten wollte.

Das organisierte Verbrechen, in Mexiko kurz „Narco“ genannt, macht in den von den Kartellen kontrollierten Regionen, was es will. Der Staat ist hilflos, Soldaten verstecken sich, die Polizei sowieso.

Präsident Andrés Manuel López Obrador kommentierte die Gewaltwoche stoisch und fast resignierend: „So was haben wir noch nicht gesehen, hoffentlich wiederholt es sich nicht, dass unschuldige Zivilisten angegriffen werden.“ Worte, die wie eine Kapitulation des Staates vor dem „Narco“ klingen.

Die Wirtschaft, die lange stillgehalten hat, schlägt jetzt Alarm. Laut José Medina Mora, Präsident des Arbeitgeberverbands Coparmex, kostet die Unsicherheit im Land Mexiko umgerechnet ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). „Das ist ein hoher Preis für die mexikanische Wirtschaft, der sich darin widerspiegelt, dass weniger Investitionen kommen und keine Arbeitsplätze entstehen“, beklagt Medina Mora. Mexikos BIP belief sich vergangenes Jahr auf 1,3 Billionen Dollar, rund ein Drittel des BIP von Deutschland.

Deutsche Firmen sorgen sich um Sicherheit

Auch deutsche Unternehmer besorgt die Gewalt im Land. Der Geschäftsführer der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer (AHK Mexiko), Johannes Hauser, warnt vor einem nachhaltigen Schaden für den Investitionsstandort Mexiko, sollte die Entwicklung ungebremst weitergehen. „Die Gewaltwelle zeigt, dass die Drogenkartelle Tod und Verletzungen der Zivilbevölkerung in Kauf nehmen. Und sie treibt die Kosten der Unternehmen in die Höhe“, unterstreicht er im Gespräch mit dem „Handelsblatt“.

Deutsche Firmen im Land investierten zunehmend in ihre Sicherheit. Zudem seien sie in ihren Tätigkeiten eingeschränkt. „Uns sind Unternehmen bekannt, die ihre Dienstreisen in die von der Gewalt geprägten Regionen vorläufig ganz eingestellt haben,“ sagt Hauser. In Mexiko sind 2100 Unternehmen mit deutschem Kapital aktiv, die 300.000 Mitarbeiter beschäftigen.

Jeden Tag werden in Mexiko etwa 100 Morde verübt, mehr als 100.000 Menschen gelten als verschollen, 33.000 verschwanden allein unter der aktuellen Regierung. 14 Reporter und Reporterinnen sind dieses Jahr bereits ermordet worden. Die Gewalt in Mexiko, einer der größten formellen Demokratien der Welt, gerät immer mehr außer Kontrolle.

Derzeit erleben die Mexikaner einen Exzess der Angriffe, Anschläge, Schießereien, Hinrichtungen und mutwilligen Zerstörungen durch das organisierte Verbrechen. Selbst Experten sind perplex.

Allein unter der aktuellen Regierung verschwanden zehntausende Personen.

Foto: dpa

So auch der Thinktank Save Democracy, der zur Demokratieentwicklung in Lateinamerika arbeitet: „Wir sind Zeuge einer Tragödie, die den Menschen den Frieden raubt und die Entwicklung von Mexikos Demokratie verhindert.“

Es gebe auch unter López Obrador keine „wirksamen staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung und Verhinderung des Wachstums krimineller Netzwerke“, schreibt die Organisation. Kriminalitätsexperten und politische Analysten warnen bereits vor einem mexikanischen „Narcoterrorismus“.

Den neuen Ausbruch der Gewalt unterscheidet sich im Vergleich zu vorherigen darin, dass sich die bewaffneten Gruppen nicht mehr nur untereinander bekämpfen oder gegen die Sicherheitskräfte vorgehen. Dieses Mal terrorisieren sie bewusst oder fahrlässig die Zivilbevölkerung.

Prävention gegen Gewalt scheiterte

López Obrador wurde 2018 auch deshalb gewählt, weil er versprach, der Gewalt ein Ende zu machen und die Konzepte seiner Vorgänger zur Verbrechensbekämpfung grundlegend zu verändern. Vor allem der zwischen 2006 und 2012 regierende Präsident Felipe Calderón versuchte, die Kartelle mithilfe der Streitkräfte in die Knie zu zwingen. Dies misslang allerdings und führte stattdessen zu noch mehr Blutvergießen.

Die Konzepte der Regierung gegen die Organisierte Kriminalität führten bislang zu wenig Erfolg.

Foto: Reuters

Der neue Präsident hingegen trat mit einem völlig anderen Ansatz an: „Abrazos no balazos“, also „Umarmungen statt Kugeln“ – ein Konzept, das auf Prävention statt Repression und vor allem auf Angebote an junge Leute setzte, damit diese nicht in die organisierte Kriminalität rutschen.

Unter anderem gehörten Stipendienangebote und Straferlasse für leichte Delikte zu dem Ansatz. Allerdings scheiterte auch diese Taktik.

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Dass López Obrador weitgehend auf militärische Konfrontation verzichtete, haben sich die Verbrechersyndikate ebenso wie lokale Banden in vielen Orten des Landes zunutze gemacht. Immer größere Teile Mexikos sind in Händen der Kartelle.

Der Unternehmerverband Coparmex ist alarmiert: „Die Situation ist unhaltbar, und das Fehlen einer wirksamen Strategie gegen die Unsicherheit, gepaart mit der Gleichgültigkeit auf allen Regierungsebenen, verschärft die Lage täglich.“

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