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Morning BriefingRussische Truppen auf der Flucht: Ein Befreiungsschlag für die Ukraine?

Christian Rickens 12.09.2022 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Die blau-gelbe Flagge weht über befreiten Ortschaften. Im Sumpf stehen zurückgelassene Panzer. Russische Soldaten versuchen verzweifelt, zu Fuß zu fliehen: Die Bilder und Nachrichten vom ukrainischen Vormarsch im Osten des Landes sind eindrucksvoll.

Foto: Telegram @kuptg via REUTERS

Doch in die Freude über den Erfolg der ukrainischen Armee mischt sich bei mir auch Beklemmung. Nicht nur wegen der Opfer auf beiden Seiten. Sondern auch wegen der möglichen Reaktion des Kremls. Schon antwortete Russland mit Artillerie- und Raketenangriffen. In Charkiw wurde ein Kraftwerk getroffen, es kam zu Stromausfällen in weiten Teilen der Ostukraine. Das wird noch nicht alles gewesen sein.

Folgt auf die militärische Schlappe Russlands nun die Mobilmachung? Wenn die russische Armee ihre Reservisten einberuft und an die Front schickt, hätte sie zumindest zahlenmäßig eine gewaltige Übermacht. Allerdings haben die vergangenen Tage auch gezeigt, wie wenig Kräfteverhältnisse auf dem Papier aussagen, wenn auf der einen Seite ein ganzes Volk verzweifelt um seine Freiheit kämpft. Und auf der anderen Seite ein geschundener russischer Soldat steht, der oft selbst nicht weiß, für was er in der Ukraine sein Leben riskiert.

Mit einer Mobilmachung kämen Krieg und Tod endgültig in jeder russischen Familie an, das Lügenmärchen von der begrenzten „Militäraktion“ wäre entlarvt. Was als militärischer Befreiungsschlag beginnt, könnte zum Anfang vom Ende des Putin-Regimes werden.

So weit ist es allerdings noch nicht. Bei den am Abend einlaufenden Ergebnissen der russischen Regionalwahlen liegt die Putin-Partei erwartungsgemäß in Führung. Entweder halten die Bürger noch zum Präsidenten – oder zumindest die Stimmenauszähler.

Manchen Scharfmachern in Moskaus Medien reicht die Aussicht auf die Mobilmachung schon nicht mehr aus. Sie fordern von Wladimir Putin den Einsatz von Atomwaffen gegen die Ukraine. Wie weit der russische Präsident von solch einem aberwitzigen Befehl entfernt ist, wissen wir nicht. Unser Osteuropa-Experte Mathias Brüggmann sieht noch eine dritte russische Handlungsoption: Terrorangriffe auf ukrainische Städte bis zu deren völliger Vernichtung. Es wäre das aus Syrien und Tschetschenien bekannte Vorgehen. Brüggmanns Schlussfolgerung: Die Ukraine braucht jetzt zügig weitere Waffen, nur westliche Entschlossenheit kann Putin an einer weiteren Eskalation hindern.

Die drei profitabelsten US-Konzerne Apple, Microsoft und Alphabet dürften 2022 netto etwa 245 Milliarden Dollar verdienen – umgerechnet ist das doppelt so viel wie alle 40 Dax-Konzerne zusammen. Und der profitabelste europäische Konzern? Das wird im Jahr 2022 aller Voraussicht nach Gazprom sein. Bereits im ersten Halbjahr hat der Erdgaskonzern einen Rekordgewinn von fast 42 Milliarden Euro eingefahren. Die gestiegenen Gaspreise spülen dem russischen Staatsunternehmen (und damit der russischen Kriegsmaschinerie) das Geld zuverlässig auf die Konten, und alle westlichen Sanktionen können daran offenbar nichts ändern.

Auch schon im Vor-Sanktionsjahr 2021 stand Gazprom bei den Gewinnen beinahe an der europäischen Spitze. Und irgendwie ahnt man bei der Gegenüberstellung mit den US-Tech-Konzernen, auf welcher Seite des Atlantiks mehr Zukunft stattfindet.

Aber es geht nicht nur um Tech. Ob Pharma, Industrie, Einzelhandel: US-Unternehmen erzielen die höchsten Gewinne und haben die besten Umsatzrenditen. Die Top 500 der USA dürften in diesem Jahr gut 60 Prozent mehr verdienen als die Europas. Der Rückstand ist keine Momentaufnahme – er besteht seit Jahren und vergrößert sich kontinuierlich. Laut einer Studie des Beratungshauses McKinsey sind auch die Umsätze großer europäischer Unternehmen zwischen 2014 und 2019 um 40 Prozent langsamer gewachsen als die ihrer Pendants in den Vereinigten Staaten.

Woran liegt dieser Klassenunterschied? Die Antwort auf diese Frage ist ausnahmsweise mal einfach. Die Europäer investierten im Untersuchungszeitraum im Schnitt acht Prozent weniger und gaben 40 Prozent weniger für Forschung und Entwicklung aus als die US-Unternehmen. Die kompliziere Frage lautet eher, wie man Europas Konzerne dazu bringt, endlich wieder an sich selbst zu glauben und in ihre Zukunft zu investieren, anstatt in Aktienrückkaufprogramme. Oder wie man früher bei uns auf dem Dorf sagte: Von nichts kommt nichts.

Foto: dpa

Ebenfalls recht klar fällt die Antwort auf die Frage aus, ob man an der Börse sein Erspartes lieber auf die alte oder die neue Welt setzen sollte. Die Aktien der US-Top-500 sind wachstums- und renditestärker als ihre europäischen Gegenüber, dafür aber auch deutlich höher bewertet. Und die deutschen Unternehmen rangieren gegenüber den übrigen europäischen Champions nochmal mit einem kräftigen Bewertungsabschlag. Doch die meisten Analysten warnen vor den vermeintlichen Schnäppchen aus Good Old Europe. So wie Marc Decker, stellvertretender Aktienchef bei der Quintet Private Bank, der Muttergesellschaft von Merck Finck: „Wir gehen im Blick nach vorn davon aus, dass die Aktien der Euro-Zone im Vergleich zu den US-Aktien zunehmend unter Druck geraten werden.“

Und dann sind da noch die Milliarden von britischen Münzen und Briefmarken, die alle ein Profilbild der verstorbenen Queen Elizabeth II. tragen. Die Münzen werden nun nach und nach gegen Geldstücke mit dem Konterfei von Charles III. ausgetauscht. Kleine Erschwernis: Weder bei der Post noch bei der britischen Münzprägeanstalt gibt es noch Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter, die so einen Regentenwechsel schon einmal mitgemacht haben. Am Wochenende lernten wir, dass es dafür uralte Traditionen mitsamt den entsprechenden Ausnahmen gibt: Seit Charles II. im 17. Jahrhundert blicken Regenten auf den Münzen immer jeweils in die andere Richtung als ihr Vorgänger.

Nur Edward VIII. wollte unbedingt auch nach links schauen, angeblich weil er so seine Schokoladenseite zeigen wollte. Praktische Bedeutung hatte das nicht – nach einem knappen Jahr als König dankte der Onkel von Elizabeth II. bereits wieder ab.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, der sich von seiner besten Seite zeigt.

Herzliche Grüße
Ihr

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Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

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