Kommentar: Die Lebensversicherer stehen auch nach der Zinswende vor großen Problemen
Bis die Lebensversicherer ihren Kunden wieder höhere Renditen bieten, wird es Jahre dauern.
Foto: dpaJahrelang hat eine ganze Branche sie herbeigesehnt, ja beschworen: Jetzt ist sie da, die Zinswende. Und in der Tat stehen viele deutsche Lebensversicherer wegen der steigenden Kapitalmarktzinsen finanziell inzwischen besser da als in den vergangenen Jahren. Auch die Gewinnaussichten steigen. Vorbei also sind damit vorerst die Zeiten, in denen sich die Aufseher der Bafin Sorgen um mehr als ein Viertel der Gesellschaften machen mussten.
Allerdings steht die Branche gleich vor den nächsten Problemen – und auch sie haben indirekt mit der Zinswende zu tun.
Die hohen Inflationsraten, die die Notenbanken gezwungen haben, die Leitzinsen anzuhaben, lassen viele Deutsche gerade bei der Altersvorsorge zögern. In der Folge haben nahezu alle Anbieter ihre Erwartungen an das wichtige Neugeschäft reduziert. Vielerorts wäre man froh, würden die Zahlen vom vergangenen Jahr wieder erreicht.
Eine Besserung ist nicht in Sicht. Die hohen Preissteigerungen dürften die Verbraucher nach aktuellem Stand auch im kommenden Jahr belasten. Immer mehr Menschen ist es damit nicht möglich, noch etwas fürs Alter anzusparen. Auch wenn die Botschaft, dass die gesetzliche Altersrente nicht ausreichen wird und private Vorsorge dringend notwendig ist, inzwischen überall angekommen ist.
Die anhaltend hohe Inflation führt auch dazu, dass die Lebensversicherer inzwischen ein Problem damit haben, den Kunden die Vorteilhaftigkeit ihrer Produkte darzulegen. Wer derzeit bestenfalls eine Rendite von rund drei Prozent bieten kann, der tut sich bei Inflationsraten von etwa acht Prozent schwer, von der Sinnhaftigkeit seines Produkts zu überzeugen.
Lebensversicherungen: Höhere Renditen wird es erst in ein paar Jahren geben
Dieser Konflikt könnte sich erst dann auflösen, wenn die Inflationsraten sinken. Die Versicherer haben dagegen wenig Spielraum. Sie verwalten in ihren Portfolios zwar noch immer hochverzinsliche Anleihen aus früheren Jahren. Die können sie nun bei Fälligkeit wieder besser anlegen als bisher. Das Ganze ist allerdings ein sehr langfristiger Prozess. Bis die Lebensversicherer ihren Kunden wieder höhere Renditen bieten, wird es Jahre dauern.
Neben dem Neugeschäft belastet weiter der Bestand an alten Verträgen. Hier garantierte die Branche einst eine Verzinsung von bis zu vier Prozent – und das über Jahrzehnte. Steigen nun die Zinsen, dann vergehen aber auch hier Jahre, bis Entspannung eintritt. Bis dahin werden viele Anbieter versuchen, sich von den ungeliebten Beständen zu trennen.
Für die Lebensversicherer ergibt sich so eine Gemengelage, wie sie die Branche seit Jahren nicht erlebt hat. Die lange erhoffte Zinswende könnte dabei für viele Anbieter erst der Anfang einer Zeitenwende sein.