Morning Briefing: Eine eindrückliche Botschaft an Putin und ein Zeichen der Hoffnung für die Ukrainer
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
eindrücklicher hätte die Botschaft gestern Abend kaum sein können. Die Präsidenten Wolodimir Selenski und Joe Biden im Rosengarten, vor dem Kamin des Oval Office, auf der Terrasse des Weißen Hauses. Die Bilder, die von der ersten Auslandsreise des ukrainischen Präsidenten um die Welt gingen, ließen nur eine Schlussfolgerung zu: Die USA stehen an der Seite der Ukraine. Symbolisch, politisch, militärisch.
Biden und Selenski waren sich offensichtlich sympathisch. „Ich respektiere ihn nicht nur als Präsident, sondern als Mensch“, erklärte Selenski. Biden bezeichnete seinen Gast als „Held“, als „Inspiration für die Welt“.
Eine Botschaft, die wohl genauso intendiert und inszeniert war und die vor allem einen Adressaten hatte: den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der hatte nur wenige Stunden zuvor seine eigene Botschaft an die Welt gesandt. In Moskau pries Putin unbescheiden, man verfüge im Krieg über „alles“. In Zukunft solle es noch mehr modernes Gerät und viel Geld für die Armee geben, versprach er.
In der Ukraine bombardiert Russland derzeit gezielt die zivile Infrastruktur: Wohnhäuser, Kraftwerke, Stromnetze, Heizanlagen und Wasseraufbereitungsbetriebe. Das eigentliche Angriffsziel jedoch ist die Moral der Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Kälte, Angst und Dunkelheit auf ein Ende des Krieges hoffen.
Joe Biden warf Putin vor, „seine Angriffe auf Zivilisten zu eskalieren“, Russland wolle „den Winter als Waffe einsetzen“. Zu Selenski sagte er: „Ich will, dass Sie wissen: Wir stehen an Ihrer Seite, so lange es notwendig ist.“
Tröstende Worte, denn wenn die Ukraine im Kampf gegen Putins „Moral Bombing“ gerade jetzt eines besonders gut gebrauchen kann, dann ist es Hoffnung. Hoffnung in Form von mächtiger Unterstützung.
Es ist also kein Zufall, dass der ukrainische Präsident gerade jetzt die Reise zu seinem wichtigsten Verbündeten wagt, der nicht in Brüssel, Berlin oder Paris sitzt, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks. Denn die USA sind bei weitem der größte Unterstützer der Ukraine in der Verteidigung gegen den russischen Aggressor.
Im Vorfeld des Besuchs versprachen die USA außerdem, ein weiteres Hilfspaket in Höhe von 1,74 Milliarden Euro Finanzhilfen und neue Waffen zur Verfügung zu stellen. Ein großer Erfolg für Selenski, denn wie schon der italienische Marschall Gian Giacomo Trivulzio feststellte: „Zum Kriegsführen sind drei Dinge nötig, Geld, Geld und nochmals Geld“.
Moderne Flugabwehrsysteme wie das „Patriot“-System sollen Angriffe auf die Infrastruktur erschweren und die ukrainischen Truppen am Boden besser schützen. Die USA wollen die Patriots „unmittelbar“ in die Ukraine schicken. Bis sie zum Einsatz kommen, wird es allerdings noch dauern. Auf einem US-Stützpunkt im deutschen Grafenwöhr müssen die ukrainischen Soldaten über mehrere Monate an den Systemen geschult werden.
Und: Ein weiterer Faktor für Selenski, den Besuch gerade jetzt zu unternehmen, ist die amerikanische Innenpolitik. Denn am 3. Januar tritt in den USA der neu gewählte Kongress zusammen, das Repräsentantenhaus wird künftig republikanisch dominiert. Rechtsaußen-Repräsentanten könnten dort im neuen Jahr versuchen, die Ukrainehilfen in Zukunft auszuhöhlen.
In Brüssel indes sorgt Selenskis Besuch in den USA für Enttäuschung. Der Chef der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber, bedauerte im Handelsblatt-Interview, dass der ukrainische Präsident für seine Reise kein Ziel in Europa gewählt habe: „Sicher hätte ich mir gewünscht, dass seine erste Auslandsreise seit Kriegsbeginn in die EU führt.“ Aber er habe „volles Verständnis“ dafür, dass Selenski Washington gewählt habe, denn die militärische Logik stehe jetzt im Mittelpunkt. Für Europa sei der Besuch ein „Weckruf, endlich militärisch ernsthaft auf die Beine zu kommen“, fand Weber.
Im Kräftemessen zwischen Russland und der Ukraine deutet einiges darauf hin, dass zumindest ökonomisch die russischen Kräfte schwinden könnten. Neue Daten des Finanzdienstes Bloomberg und des Thinktanks Bruegel legen nahe, dass die Wirtschaftssanktionen der G7-Länder Wirkung zeigen.
Das Volumen der Ölexporte fiel seit der Einführung des Embargos um 54 Prozent auf etwa 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Die neuen Daten legen nahe, dass es Russland immer schwerer fällt, Rohöl, das ursprünglich für Europa bestimmt war, Richtung Asien umzuleiten. Gleichzeitig will Deutschland von asiatischen Öllieferungen etwa aus Kasachstan profitieren. Fazit: Die geoökonomischen Karten werden derzeit neu gemischt.
Zum Schluss noch einmal zu einem anderen wichtigen Thema. Medikamente gibt es bislang meist in Einheitsdosierungen. Eine Tablette enthält beispielsweise 500 Milligramm eines Wirkstoffs, die Packungsbeilage verrät, wie viele davon die Patienten einnehmen sollen, um die gewünschte Linderung zu spüren.
Dabei gibt es allerdings ein Problem: Während die Medikamente alle gleich konzipiert sind, ist jeder menschliche Organismus anders. Der Prototyp Mensch, an dem sich die Medizin orientiert, ist männlich und erwachsen. Frauen und Kinder laufen Gefahr, übermedikamentiert zu werden.
Die Lösung des Problems heißt personalisierte Medizin. Gedruckte Pillen mit der richtigen Dosierung sollen jedem Körper genau die Wirkstoffe zuführen, die er braucht. Auch eine Tagesdosis mehrerer Medikamente wäre so mit nur einer Tablette einnehmbar. Wie ein deutsches Start-up an der personalisierten Pille arbeitet und wer die neuen Medikamente nutzen will, hat Maike Telgheder aufgeschrieben.
Und dann ist da noch Berlins ungesunde Beziehung zu Aquarien. Nach der Havarie des „Aqua-Doms“, bei der über 1.500 exotische Fische den Tod durch Ersticken fanden, sorgt jetzt ein neues Großprojekt für Aufregung. Im Bezirk Lichtenberg soll ein neues Hotel mit eingebautem Aquarium entstehen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag ohne Havarien.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt