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Krise im VerlagshausSpringer-Management trifft sich in Washington

Die Führungskräfte von Springer wollten in den USA Künstliche Intelligenz und die Expansion in Nordamerika diskutieren. Doch inzwischen könnte es auch um Krisenbewältigung gehen.Hans-Jürgen Jakobs, Michael Scheppe 25.04.2023 - 07:45 Uhr Artikel anhören

Der Springer-Chef steht unter Druck.

Foto: Daniel Biskup/laif

München, Düsseldorf. Es sollte der Beginn eines neuen Kapitels für Axel Springer werden. Seit Monaten hat das Medienunternehmen eine Führungskräftetagung in Washington geplant, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Mit dabei sind Manager aus der ganzen Welt.

Eigentlich wollten Springers Top-Leute über die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für Medien sprechen, die weitere Expansion des Verlagshauses in den USA – und den Anspruch, ein globales Medienunternehmen zu werden.

Doch so gern Verlagschef Mathias Döpfner über die Zukunft reden würde, so sehr wird sein Unternehmen von der Gegenwart eingeholt. Die dürfte bei dem Treffen an der US-Ostküste ein wichtiges Thema sein. Mehrere Insider berichten dem Handelsblatt, dass die Bewältigung der Krise auch ein Punkt auf der Agenda geworden sei.

Springer bestätigte auf Anfrage, dass das intern als „Leadership Summit“ bezeichnete Führungskräftemeeting am Dienstag in der US-Hauptstadt beginnen soll. Schon am Wochenende begann der informelle Teil der Zusammenkunft. Ein Sprecher dementierte allerdings, dass es sich dabei um ein Krisentreffen handele. Die aktuellen Berichte rund um Springer seien kein Thema der Konferenz.

Doch Insider berichten, dass es bei dem Treffen auch um journalistische Unabhängigkeit, die Rolle des Verlegers und um Demokratie im Allgemeinen gehen soll. Gut möglich, dass auch das Vorgehen rund um den abrupten Rausschmiss der „Bild“-Chefredaktion zum Thema wird. Mitte März wurde die komplette Chefredaktion der Boulevardzeitung freigestellt. Zu besprechen gibt es jedenfalls genug. Auch ohne KI.

Springer-Insider: „Stimmung nahe der Kernschmelze“

In Deutschland ist die Krise längst das beherrschende Thema auf den Fluren von Springer. Nach den jüngsten Medienberichten über Döpfners nächtliche SMS an Vertraute ist die „Stimmung nahe der Kernschmelze“, berichtet ein Insider, der auch in den USA dabei sein wird. Andere erzählen davon, dass immer mehr Führungskräfte erwägen, dem Medienhaus den Rücken zu kehren.

Vor über einer Woche hatte die Wochenzeitung „Zeit“ interne Chats des Verlagschefs veröffentlicht, die seine alternative Interpretation des Weltgeschehens und mitunter radikale Sichtweisen aufzeigten. Zudem soll Döpfner demnach versucht haben, die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung zu beeinflussen.

Döpfner entschuldigte sich mittlerweile für einige der Aussagen in der „Bild“-Zeitung. Einige Springer-Manager zeigten sich gegenüber dem Handelsblatt dennoch erschüttert von den Aussagen.

Am Donnerstag veröffentlichte zudem der frühere Springer-Mitarbeiter und Bestsellerautor Benjamin von Stuckrad-Barre einen Roman über eine Redaktion, in der Mitarbeiterinnen den Machtmissbrauch ihres Chefredakteurs beklagen. Dennoch hielt der Konzern lange an der Top-Führungskraft fest, versuchte gar, Kolleginnen einzuschüchtern, die aussagen wollten. Beobachter sehen in dem Buch die Zustände bei Springer beschrieben, sosehr es der Autor selbst auch als Fiktion tituliert, die lediglich von der Realität inspiriert sei.

Axel Springer sieht Zukunftsmarkt in Amerika

Washington ist nicht zufällig der Ort für das erste persönliche Führungskräftetreffen nach den Onlinekonferenzen der Coronazeit geworden. Dort hat die News-Plattform „Politico“ ihre Zentrale. Springer hatte die digitale US-Mediengruppe im Herbst 2021 gekauft. Es war bis dato die größte Übernahme der Firmengeschichte.

Der Springer-Konzern sieht die USA als seinen wichtigsten Wachstumsmarkt. „In den nächsten Jahren wird der Wachstumsmotor des Mediengeschäfts von Axel Springer viel stärker in Amerika liegen als in Deutschland oder in anderen europäischen Märkten“, sagte Döpfner zu Jahresbeginn.

Derzeit sei man der viertgrößte Verlag in den USA. Der 60-Jährige macht keinen Hehl daraus, die Nummer eins werden zu wollen. Springer beschäftigt weltweit 3400 Journalisten, davon einen immer größeren Teil in den USA. Springer plant, mittelfristig in Amerika einen zweiten Standort zu eröffnen, der Stammsitz soll in Berlin bleiben.

Der Verlag will sein Amerikageschäft ausbauen.

Foto: imago images/Waldmüller

Bei dem Führungskräftetreffen in Washington sind auch Manager von Springer-Beteiligungen wie Stepstone dabei. Die Jobbörse will der Konzern an die Börse bringen. 85 Prozent seines Umsatzes und mehr als 95 Prozent des Gewinns erzielt Springer bereits mit dem Digitalgeschäft.

In Amerika sitzt auch der Finanzinvestor KKR. Mit diesem war Springer im Oktober 2021 eine Kooperation eingegangen, um das Wachstum zu beschleunigen. Zum Zeitpunkt der Übernahme hielt KKR knapp 22 Prozent der Anteile.

KKR-Partner Philipp Freise bezeichnete Döpfner in einem im März aufgenommenen Podcast noch als „großartigen CEO“. Man unterstütze seine Arbeit zu „100 Prozent“. Seither hat sich der Finanzinvestor nicht wieder öffentlich zur Krise geäußert, was für Kritik sorgt.

Stockender Kulturwandel bei Axel Springer

Zur neuen Springer-Strategie gehört auch, in Deutschland mittelfristig keine gedruckten Zeitungen mehr anzubieten. Das Ausmaß des in diesem Zusammenhang angekündigten Stellenabbaus ist bislang nicht bekannt. Insider berichten, dass allein in den Redaktionen etwa 20 Prozent der Stellen wegfallen sollen. Springer kommentiert die Zahl nicht.

Schon vor den aktuellen Medienberichten herrschte bei Springer massive Unruhe. Die Affäre um den früheren „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt sei längst nicht aufgearbeitet, heißt es bei Insidern. Ex-Kolleginnen werfen ihm vor, Privates und Berufliches nicht getrennt und seine Macht missbraucht zu haben. Er selbst bestreitet das.

Auch der vielfach versprochene Kulturwandel sei längst nicht vollzogen, monieren Führungskräfte. Insider berichten, dass ausgerechnet in der Personalabteilung, die sich um dieses Thema federführend kümmert, besonders viele Stellen wegfallen sollen. Springer dementierte das auf Anfrage nicht. „Der Kulturwandel ist Aufgabe aller Bereiche“, ließ das Unternehmen wissen. Dieser sei von den Personalveränderungen nicht betroffen.

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Am Montag wurde derweil bekannt, dass Springer gegen Reichelt vor Gericht ziehen will. Der Konzern verlangt Reichelts Abfindung zurück. Es soll sich dabei um eine einstellige Millionensumme handeln. Zudem fordert der Konzern auch die Zahlung einer Vertragsstrafe. Bei Springer hält man es für möglich, dass Reichelt Dokumente und interne Informationen mitgenommen hat und diese nun zum eigenen Vorteil nutzt.

Erstpublikation: 24.04.2023, 19:48 Uhr.

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