Finanzsektor: Besserer Schutz für Geldautomaten
Die Schäden durch die Attacken krimineller Banken auf Geldautomaten sind immens.
Foto: imago/Olaf WagnerFrankfurt. In Deutschland nimmt die Zahl von Sprengstoff-Anschlägen auf Bankautomaten zu. Die Sparkassen wollen sich besser schützen und setzen eine Abwehrtechnik ein, für die die Bundesbank grünes Licht gegeben hat: Im Fall einer Explosion eines Automaten verkleben die Geldscheine mithilfe dieser Technik zu einem Klumpen, lassen sich nicht mehr nutzen und meist auch nicht mehr zählen.
„Die Sparkassen werden die Verklebetechnik so bald wie möglich an den Standorten, wo es Sinn ergibt, einsetzen“, sagte Joachim Schmalzl, Vorstand des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), dem Handelsblatt. „Es ist ganz klar, dass wir diese Möglichkeit zum Schutz vor Sprengungen anwenden müssen“, betonte der DSGV-Manager.
Die Sparkassen sind die Ersten in der deutschen Finanzbranche, die den Einsatz der Klebetechnik ankündigen. Zudem versuchen die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute vermehrt, die Geldautomaten durch bauliche Maßnahmen gegen eine Sprengung abzusichern.
„Viele Sparkassen prüfen die Nutzung von Stahlpavillons für ihre Geldautomaten“, erklärte Schmalzl. Die Konstruktionen sollen Sprengungen standhalten. Den Umfang des künftigen Einsatzes könne der DSGV aber noch nicht benennen.
Die stark gestiegene Zahl zumeist nächtlicher Geldautomatensprengungen zwingt die Banken und Sparkassen dazu, verstärkt in Schutzmaßnahmen zu investieren. Mit 496 Fällen gab es 2022 so viele Sprengungen wie noch nie. Es waren fast 30 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Die rund 360 Sparkassen, Marktführer im Geschäft mit privaten Kundinnen und Kunden, zählten Schmalzl zufolge im vergangenen Jahr 211 Sprengungen. Auch 2023 bleibt die Zahl der Attacken hoch. Meist werden sie verübt von Tätern aus den Niederlanden.
In dem besonders betroffenen Bundesland Nordrhein-Westfalen registrierte das Landeskriminalamt seit Jahresbeginn bereits knapp 70 Sprengungen. Im Vorjahreszeitraum waren es 100 Fälle gewesen. In Rheinland-Pfalz gab es indes 18 Angriffe und damit etwas mehr als 2022. Welche Summe jeweils aus den Geldautomaten entwendet wird, lässt sich dabei nachvollziehen, weil die Geräte die zu jedem Zeitpunkt enthaltene Summe elektronisch erfassen.
Arbeitsschutzrechtliche Beurteilung steht noch aus
Das Klebesystem zur Abwehr von Geldautomatensprengungen ist bislang nicht zertifiziert, zudem muss es noch arbeitsschutzrechtlich beurteilt werden. So gilt der Einbau des Schutzsystems als potenziell gefährlich – beispielsweise für den Fall, dass es versehentlich aktiviert wird. Schmalzl warnte vor hohen Erwartungen.
„Die Verklebetechnik wird das Problem der Geldautomatensprengungen nicht komplett lösen. Es ist kein Allheilmittel.“ Man müsse davon ausgehen, dass Täter dadurch nicht komplett abgeschreckt würden und mit neuen, noch aggressiveren Methoden reagieren – „womöglich auch in der Hoffnung, dass nicht alle Geldscheine vollständig verklebt werden“, sagte er.
Der Verlust des Geldes durch die Sprengung von Geldautomaten sei die geringste Sorge, sagt der DSGV-Manager und verweist auf die Gefahr, dass Menschen verletzt werden könnten.
Foto: Marc-Steffen Unger für HandelsblattDie Zunahme von Geldautomatensprengungen hat auch die Politik auf den Plan gerufen. Einige Bundesländer erwägen, den Geldhäusern verstärkte Schutzmaßnahmen per Gesetz vorzuschreiben, wie mehrere Länder-Innenminister jüngst gegenüber dem Handelsblatt sagten. Auch die Bundesregierung hält eine gesetzliche Regelung notfalls für erforderlich.
Bisher gibt es eine Verständigung auf freiwillige Schritte. Im November vergangenen Jahres hatte sich die Deutsche Kreditwirtschaft, die gemeinsame Interessenvertretung der Banken und Sparkassen, bei einem „runden Tisch“ im Bundesinnenministerium zu vorbeugenden Maßnahmen bereit erklärt.
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Viele Banken schließen Geldautomatenstandorte inzwischen nachts, die ersten lassen Filialen von Sicherheitspersonal bewachen. Sie nutzen zudem häufig Videoübertragungssysteme, Abriss- und Erschütterungsmelder, spezielle Sicherungen von Fenstern und Zugangstüren sowie Vernebelungstechnik und Systeme, durch die Geldscheine bei einer Explosion verfärbt werden. Die Täter scheint dies nicht zu stören: Sie nehmen auch verfärbte Banknoten mit.
Eine gesetzliche Regelung lehnen die Sparkassen ab. „Ein Gesetz führt nicht automatisch zu mehr Sicherheit“, sagte Schmalzl. Die Motivation der Kreditinstitute, die Angriffe zu begrenzen, sei auch so sehr hoch.
Der Sparkassenmanager hält eine eine gesetzliche Vorgabe für zu wenig flexibel, weil die Täter ihre Angriffsmethoden ständig anpassten. Deshalb könne auch eine neue Schutztechnik die Sprengangriffe nicht verhindern.
Die nötigen Investitionen für den Einbau der Schutzmaßnahmen betrachtet Schmalzl nicht als Problem. „Die Kosten können die Sparkassen stemmen. Es geht darum, die besten Schutzmethoden für jeden Standort zu finden.“ Der Einbau der Verfärbetechnik beispielsweise liegt dem DSGV zufolge bei einer mittleren, vierstelligen Summe je Geldautomat.
Flucht mit 300 Stundenkilometern
Mehr Kosten verursachen nicht nur neue Schutzsysteme, auch die Versicherung wird teurer. „Man kann davon ausgehen, dass die Prämien für die Versicherung angesichts der vielen Sprengungen steigen“, sagte Schmalzl. „Sparkassen können die Geldautomaten, das Geld darin und die Filialen nach wie vor versichern. Ob die Versicherung den Gesamtschaden abdeckt oder nur den Schaden am Geldautomaten selbst, hängt von der Police ab.“
Immer mehr Kreditinstitute installieren Geldautomaten in Pavillons aus Stahlbeton, die die Firma Veloform herstellt. Sie gelten bisher als nicht zu sprengen.
Foto: VeloformDer DSGV-Manager betonte, dass die Zerstörung der Geldautomaten und der Verlust des Geldes die geringsten Sorgen der Sparkassen seien. Er verwies auf die Gefahr, dass Menschen verletzt werden könnten. Teils befinden sich Geldautomaten im Erdgeschoss von Wohngebäuden, und häufig werden die Gebäude bei Sprengungen erheblich beschädigt. Dass bei den Attacken trotz umherfliegender Trümmerteile und Splitter bisher kein Unbeteiligter ernsthaft verletzt wurde, halten Experten für einen glücklichen Zufall.
„Zudem verlieren Sparkassen durch die Sprengung und die oftmals verwüsteten Filialen eine Kontaktstelle zu ihren Kunden. Häufig dauert es anderthalb Jahre, bis eine Filiale wieder genutzt werden kann.“ Das liege daran, dass zunächst oft Statiker das Gebäude überprüfen müssten. „Auch die Sparkassen ringen mit dem Problem, Handwerker zu finden und an Material für die Instandsetzung zu kommen.“
Die Polizei geht davon aus, dass die meisten Taten von einer mehrere Hundert Mann starken kriminellen Szene aus den Niederlanden verübt werden. Sie flüchten mit hochmotorisierten Autos und bis zu 300 Stundenkilometern, mitunter ohne Licht. Auch das ist sehr gefährlich für Unbeteiligte. Hubschrauber der Polizei können den Autos der Täter angesichts der hohen Geschwindigkeit gerade in der Dunkelheit oft nicht folgen.
Die Sparkassen haben bereits auch mit dem Abbau von Geldautomaten auf die Attacken reagiert. „Beim Abbau von Geldautomaten hat die Gefahr von Sprengangriffen einen starken Einfluss“, sagte Schmalzl. Noch wesentlicher für den Rückgang sei aber, dass weniger Bargeld genutzt wird. Verbraucher in Deutschland zahlen zusehends mit Bank- oder Kreditkarte. „Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Geldautomaten weiter sinken wird“, sagte Schmalzl.
Per Ende 2021 zählten die Sparkassen rund 21.600 Geldautomaten, wie Bundesbank-Zahlen zeigen. In den Jahren zuvor lag die Zahl laut DSGV stabil bei rund 23.000. Die Angaben für Ende 2022 liegt noch nicht vor. Auch die Volks- und Raiffeisenbanken haben in den Jahren 2021 und 2022 vergleichsweise viele Geldautomaten abgebaut, die Zahl sank um insgesamt um 1800 auf etwa 15.500.