Kommentar: Europa steuert auf eine Innovationskrise zu

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.
Foto: Max Brunnert für HandelsblattSeit Russland vor mehr als einem Jahr die Ukraine überfiel, beherrschen die neuen globalen Machtverhältnisse fast alle politischen Reden. Die Spannungen zwischen China und den USA. Der Technologiekonflikt zwischen den Machtblöcken.
Der drohende Krieg um Taiwan. Das ganze düstere Bild. Doch im Schatten dieser geopolitischen Diskussion vollzieht sich eine weitere, oft übersehene Machtverschiebung, die ebenfalls ziemlich viel mit unserer Zukunft zu tun hat, und diese Machtverschiebung lässt sich auf ein paar wenige Zahlen verdichten: Unter den Konzernen, die am meisten für Forschung und Entwicklung (F&E) ausgeben, ist der Anteil von US-Firmen überproportional gestiegen, die Europäer fallen zurück.
>> Lesen Sie hier: US-Konzerne bauen ihren Vorsprung bei Forschung und Entwicklung aus
Angriff in Schlüsselindustrien
Nun könnte man das einfach schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Google und Apple eben. Bei denen läuft’s halt. Hat nichts mit uns zu tun. Wir haben ja Volkswagen und Siemens. Aber die Tech-Player aus den USA spielen mit ihren Investitionen in immer mehr Feldern eine Rolle, in denen eben noch die europäischen Player stark waren.
Tesla bedroht mit seinen E-Autos in immer mehr Märkten die Spitzenposition von Volkswagen. Google wird mit seiner Software zu einem der mächtigsten Autozulieferer. Microsoft bietet mit seinem Cloud-Dienst Azure eine Plattform, auf der europäische Konzerne ihre Fabrikanlagen und Geschäftsprozesse automatisieren. All das wäre ohne die Milliardenausgaben für Innovationen nicht möglich.
Tesla wird in immer mehr Märkten zur Gefahr für Volkswagen.
Foto: via REUTERSDiese Entwicklung dürfte sich noch verschärfen. Im weltweiten Vergleich investieren die deutschen Firmen eher wenig in ihre Zukunft: Während der Anteil der F&E-Ausgaben am Umsatz bei US-Unternehmen im vergangenen Jahr von 8,0 auf 8,1 Prozent stieg, fiel er bei den deutschen von 5,6 auf 5,4 Prozent. Damit steuert Europa auf eine Innovationskrise zu, die sich nicht in Randbereichen abspielt, sondern in den Schlüsselindustrien der Zukunft: bei Halbleitern, Biotech und Künstlicher Intelligenz.
Für diese Innovationskrise gibt es viele Gründe. Die US-Kapitalmärkte zum Beispiel, die Unternehmen deutlich besser bewerten als die europäischen Börsen. Und die Bewertungen in den USA sind nicht nur für Tech-Firmen höher, sondern in allen Branchen, wie Berechnungen der Deutschen Bank zeigen. Kein Wunder, dass Wachstumsfirmen wie Biontech für einen Börsengang die Nasdaq wählen. Die dortigen hohen Bewertungen verschaffen ihnen ganz andere finanzielle Möglichkeiten – die sie für größere Zukunftswetten nutzen.
Europa wird zum bürokratischen Labyrinth
Doch die europäische Zukunftskrise hat noch eine andere Dimension: Europa verliert für viele Unternehmen als Innovationsstandort an Relevanz. Als „innovationsunfreundlich“ bezeichnete Bayer-Pharma-Chef Stefan Oelrich Europa vor einigen Wochen im Interview mit der „Financial Times“. Das ist natürlich etwas übertrieben.
Tatsächlich wird Europa für Unternehmen aber zu einer Art bürokratischem Labyrinth. Der Apparat in Brüssel spuckt unablässig neue Vorschriften und Verordnungen aus und treibt damit die Bürokratiekosten der Firmen in die Höhe. Berlin verschärft die Situation in vielen Branchen noch mit weiteren Regeln.
Wenn Start-ups neue Investoren gewinnen, müssen sie ordnerweise Papierdokumente ausfüllen, und das ist noch nichts gegen das, was Biotechfirmen blüht, die neue Medikamente an Patientinnen und Patienten testen wollen. Aber von Datenschutz wollen wir hier gar nicht anfangen.
Und so ist das am schnellsten wachsende Biotech-Cluster eben nicht in München oder Mainz, sondern in Boston. Ebenso ins Gewicht fallen hier die steigenden Energiekosten sowie die hohen Unternehmensteuern in Deutschland, nach denen den Firmen schlicht weniger Geld für Zukunftsinvestitionen bleibt.
Nun ist es nicht so, dass die führenden Köpfe in Brüssel und Berlin diese Probleme nicht auf dem Schirm hätten. Den Erfolg in Zukunftsindustrien zu beschwören gehört seit Jahren zum politischen Standardrepertoire. Und so gibt es in Berlin wie in Brüssel zahlreiche Programme, die Innovationen in neuen Technologiefeldern fördern sollen. Nur sind die oft so kompliziert, dass viele Firmen gar nicht erst den Versuch starten, an das Geld zu kommen. Anders zum Beispiel als in den USA oder Israel.
Die Suche nach der Souveränität
Während EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen von einer Zukunft Europas mit „technologischer Souveränität“ träumt, verheddern sich die Unternehmen in den bürokratischen Wirren der Gegenwart. Die Geschichte des Aufstiegs Europas ist auch eine Geschichte von überlegenen Innovationen und technologischem Fortschritt. Nur war dieser Kontinent in den vergangenen Jahrhunderten so erfolgreich, dass dieser Erfolg selbstverständlich geworden ist und wir vergessen haben, wie er eigentlich entsteht.
Er entsteht nämlich an Orten, an denen kluge Menschen, mutige Investoren und experimentierfreudige Unternehmen relativ frei denken, schnell entscheiden und große Wagnisse eingehen können. Diese Geschichte, man muss das so sagen, wird in zu vielen Kapiteln derzeit anderswo fortgeschrieben.