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Nord-Stream-ExplosionenNeue Spur deutet auf Verwicklung der Ukraine hin

Die USA erhielten offenbar schon früh Hinweise auf ukrainische Sabotagepläne gegen die Ostseepipelines. Die Details decken sich mit Erkenntnissen deutscher Ermittler.Moritz Koch 07.06.2023 - 10:08 Uhr Artikel anhören

Ermittler fanden Sprengstoffspuren auf einer Segeljacht.

Foto: via REUTERS

Brüssel. Neue Indizien erhärten den Verdacht, dass die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 das Werk ukrainischer Saboteure gewesen sein könnte. Wie die Washington Post berichtet, erreichte US-Behörden schon drei Monate vor den Explosionen am Ostseegrund die detaillierte Warnung eines europäischen Geheimdiensts, wonach ein kleines Team von Kampftauchern einen Sprengstoffanschlag vorbereite. Daraufhin sollen die Amerikaner auch die Bundesregierung informiert haben.

Nach eigenen Angaben liegt der Washington Post ein Dokument der amerikanischen Nachrichtendienste vor, dass Erkenntnisse über den Anschlagsplan zusammenfasst. Der inzwischen angeklagte US-Nationalgardist Jack Teixeira soll das Dokument mit hunderten anderen Geheimpapieren in einer privaten Chatgruppe auf der Online-Plattform Discord geteilt haben. Die Washington Post hat sich Zugang zu vielen dieser Dokumente gesichert und veröffentlicht eine Artikelserie über das Geheimdienstleck. 

Die Warnung vor dem Anschlagsplan passt zu den Spuren, denen die Bundesanwaltschaft nachgeht. Die deutschen Ermittler haben ein Segelboot identifiziert, das in Verbindung mit dem Anschlag stehen soll. Ein Auszug des Durchsuchungsbeschlusses, der dem Handelsblatt vorliegt, belegt, dass die Ermittler die Spur der Nord-Stream-Saboteure auf die Segeljacht Andromeda („Rufzeichen DK7033“) und die „Mola Yachting GmbH“ zurückverfolgten. 

Der bisherige Ermittlungsstand lässt sich so zusammenfassen: Anfang September 2022 sollen mehrere Männer und womöglich eine Frau mit der Andromeda in See gestochen sein. Offenbar waren geübte Taucher an Bord, die mehrere Sprengladungen an den Nord-Stream-Pipelines anbringen konnten – in 70 bis 80 Meter Tiefe. An Bord des Segelschiffs sollen Spuren von Sprengstoff gefunden worden sein. 

Die Explosionen ereigneten sich am 26. September südostlich und nordöstlich von der dänischen Ostseeinsel Bornholm. Dabei wurden ein Strang der nie in Betrieb genommenen Nord-Stream-2-Pipeline und beide Stränge der älteren Nord-Stream-Pipeline zerrissen und große Mengen Gas freigesetzt.

Nord-Stream-Explosionen: Kiews Verhältnis zu Deutschland könnte erheblichen Schaden nehmen

Einen Unfall schlossen die Behörden in Dänemark und Schweden schnell aus. Unterwasseraufnahmen der Explosionsstellen deuteten Experten zufolge auf Sprengstoff hin, der außerhalb der mit einer Betonschicht ummantelten Rohre detonierte.

Unklar ist bisher, ob die Saboteure auf eigene Faust oder im Auftrag der ukrainischen Regierung handelten. Eine „False-Flag-Operation“, bei der die Täter eine falsche Fährte legten, um die Ukraine zu beschuldigen, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. 

Das Discord-Leck stützt nun jedoch die These, dass Teile der ukrainischen Führung in den Anschlag verwickelt sein könnten. Den Geheiminformationen zufolge soll der Kampftaucher-Trupp General Walerij Saluschnyj, dem Oberkommandierenden der Ukraine, unterstellt gewesen sein. Sollte sich das bestätigen, könnte Kiews Verhältnis zu Europa – und speziell Deutschland – Schaden nehmen. 

Nord-Stream-Anschlag könnte EU-Beitrittsverhandlungen überschatten

Unmittelbar nach den Detonationen hatte die Nato von „vorsätzlichen, rücksichtslosen und unverantwortlichen Sabotageakten“ gesprochen. Damals deutete noch vieles darauf hin, dass Russland die Röhren selbst gesprengt hatte, um die Energiekrise in Europa zu verschärfen.

Westliche Diplomaten bestätigten dem Handelsblatt, dass die Spur in die Ukraine als glaubwürdig gilt. Offiziell will sich wegen der politischen Brisanz aber niemand dazu äußern. Die Ukraine ist auf die Militärhilfen und Finanztransfers des Westens angewiesen, um sich gegen den russischen Angriffskrieg zu verteidigen.

Zugleich strebt die Regierung in Kiew eine Mitgliedschaft in EU und Nato an. In Brüssel wird damit gerechnet, dass die EU-Kommission noch in diesem Jahr die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen empfiehlt. Der sich erhärtende Verdacht, dass die Ukraine in einen Anschlag auf die europäische Energie-Infrastruktur verstrickt ist, würde die Gespräche überschatten.

Kiew hat Berichte über eine Verwicklung mit den Nord-Stream-Explosionen bisher stets zurückgewiesen

Die Ukraine hat die Nord-Stream-Pipelines politisch jahrelang bekämpft, da mit ihnen das ukrainische Leitungsnetz umgangen werden konnte. Russland gaben die Rohre die Möglichkeit, die Ukraine zu erpressen, ohne die lukrative Geschäftsbeziehung zu Europa zu riskieren.

Mit der blanken, imperialistischen Aggression gegen das Nachbarland hat Moskau die Energiepartnerschaft mit Europa allerdings zerstört. Schon vor dem Nord-Stream-Anschlag hatte Russland die Gas-Lieferung über die Ostseepipeline eingestellt, um Europa von der Unterstützung der Ukraine abzubringen. In Brüssel und Berlin wurden Pläne geschmiedet, sich dauerhaft von russischer Energie loszusagen.

Warum die Ukraine die Sprengung von Pipelines in Auftrag gegeben haben soll, die ohnehin schon eine Investitionsruine waren, ist eines der großen verbliebenen Rätsel. Die Regierung in Kiew hat Spekulationen über eine mögliche Verwicklung wiederholt zurückgewiesen.

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Eine Stellungnahme der Ukraine, Russlands, des CIA und der USA zu dem neuen Bericht lag zunächst nicht vor. Bruno Kahl, Chef des Bundesnachrichtendiensts, hatte im Mai Hoffnungen auf eine schnelle Klärung gedämpft und erklärt, es gebe Hinweise „in alle möglichen Richtungen“.

Erstpublikation: 06.06.2023, 21:01 Uhr.

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