1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare
  4. In der Verantwortung

KommentarDie deutsche Wirtschaft vernachlässigt die Führungskultur

Chef-Etagen sollten vielfältiger und mit mehr Experten für Zukunftsthemen besetzt sein. Überkommene Führungskulturen schrecken Investoren ab.Tanja Kewes 31.07.2023 - 15:32 Uhr
Artikel anhören

Die im Dax gelistete Porsche SE bricht aufgrund der gewählten Rechtsform mit der deutschen Tradition der paritätischen Mitbestimmung und ihre Führungsetage ignoriert diverse Empfehlungen zur guten Unternehmensführung. Das schreckt Investoren ab.

Foto: dpa

In puncto Leadership, also Führung, ist Porsche aber keine Nummer eins. Die im Dax gelistete Porsche SE bricht aufgrund der gewählten Rechtsform mit der deutschen Tradition der paritätischen Mitbestimmung und ihre Führungsetage ignoriert diverse Empfehlungen zur guten Unternehmensführung. Die Firma steht damit für eine überkommene Führungskultur, die Investoren abschreckt.

Kritisch zu sehen ist erstens die Doppelrolle von Oliver Blume als CEO der Volkswagen und der Porsche AG, zweitens die unzureichende Unabhängigkeit des Aufsichtsrats durch Ämterhäufung und familiäre Bindungen sowie drittens die mangelnde Diversität des Gremiums. So sind nur zwei der zehn Aufsichtsräte weiblich, vier sind über 65 Jahre alt, alle kommen aus Deutschland und Österreich.

Die Porsche SE ist damit ein Paradebeispiel für eine nicht mehr zeitgemäße Führungsstruktur und wäre eine ideale Gelegenheit für Headhunter, also jene Zunft, die ihr Geld damit verdient und damit auch in der Verantwortung steht, in den Führungsetagen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neue Managerinnen und Manager zu platzieren.

Doch unabhängig davon, dass der Porsche-Piëch-Clan als beratungsresistent gelten darf und lieber umfangreiche Erklärungen dazu veröffentlicht, warum man sich nicht an die Empfehlungen des Deutschen Corporate Governance Kodex hält, statt einfach eine moderne Führungsstruktur zu installieren, ist auch fraglich, ob die Personalberater ihrer Verantwortung gerecht werden.

Personalberater sind selbst nicht divers

Die Personalberater selbst sind schließlich alles andere als divers aufgestellt. Die fünf weltweit führenden Personalberatungen Egon Zehnder, Heidrick & Struggles, Korn Ferry, Russell Reynolds Associates und Spencer Stuart, die auch den deutschen Markt dominieren, tragen nicht nur die Namen ihrer männlichen Gründer. Sie sind hierzulande bis heute auch noch sehr männlich geprägt – und müssen sich zudem selbst transformieren.

Die Deutschlandchefs sind allesamt deutsche Männer über 50 Jahre, zwei von ihnen tragen adlige Nachnamen. Das zerstreut nicht gerade den Verdacht, dass sich Gleich und Gleich hier gern gesellt beziehungsweise sich gegenseitig sucht und findet, präsentiert und berät.

Jetzt lässt sich natürlich einwenden, dass die Personalberater nur Dienstleister sind. Sie tun oder lassen das, was in ihren Suchaufträgen steht, die sie von Aufsichtsratsvorsitzenden oder Personalverantwortlichen erhalten. Und sie sind so aufgestellt, weil sie genau so bisher bestens klargekommen sind, engagiert wurden, und gutes Geld verdienten.

Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass das Problem von Monokulturen in Vorständen und Aufsichtsräten wie bei Porsche viel grundlegender ist. Es basiert auf Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden, die immer noch nicht erkannt haben, dass der entscheidende Faktor in jeder Unternehmung der Mensch ist.

Es sind die Männer und Frauen und Diverse, die ein Unternehmen von den untersten bis zu den obersten Hierarchieebenen voranbringen. Das gilt auch in einer Wirtschaftswelt, die gerade wieder einmal von einer Welle der Technologiebegeisterung rund um das Thema Künstliche Intelligenz erfasst wird.

Aufsichtsrat muss für Besetzung des Vorstands sorgen

Es sind Menschen, die die Entscheidungen – auch über den Einsatz von Technologien –  treffen und die die Verantwortung dafür tragen. Deshalb ist es entscheidend, dass der Aufsichtsrat für eine Topbesetzung im Vorstand sorgt und auch das restliche Team eine sogenannte „Future Workforce“ ist.

Das mag selbstverständlich klingen, aber in der Praxis scheint diese Erkenntnis noch nicht allzu weit verbreitet. Das zeigt die Positionierung des Ressorts Personal, auf Neudeutsch „Human Resources“, in den Dax-40-Vorständen.

Dieses Ressort hat es längst noch nicht in alle Chefetagen geschafft. Gerne „hängt“ der Personalbereich noch in der Ebene darunter, und ein Vorstand lässt sich von einem Arbeitsdirektor nur „direkt unterrichten“. Von den vier Vorstandsressorts der Porsche SE etwa umfasst keines das Thema Personal.

Das ist falsch. Denn schon allein aufgrund des demografischen Wandels und normaler Fluktuation wird es in den nächsten Jahren einen umfassenden Austausch der Mitarbeiter geben. Wer in Führung und Teams einseitig aufgestellt ist, gefährdet seine Attraktivität als Arbeitgeber, weil die beschränkten Aufstiegsmöglichkeiten offensichtlich sind. Das schaut sich gerade die junge Generation nicht lange an. Sie ist bestens ausgebildet und international mobil.

Und was tun die führenden deutschen Unternehmen in ihrer Mehrheit? Sie ignorieren breite Potenziale der Bevölkerung. Das belegt der von der Initiative Beyond Gender Agenda gerade wieder neu herausgegebene Diversitätsindex. Selbst Dax-Konzerne bilden Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz noch nicht in ihren Aufsichtsräten ab, wie die Kompetenzprofile zeigen.

Das Wachstum der deutschen Wirtschaft ist ins Stocken geraten. Schlüsselbranchen wie der Maschinenbau beklagen einen Auftragsrückgang von 18 Prozent. Wann also, wenn nicht jetzt, wäre es Zeit für eine neue, mutige Führung, die das Thema Personal priorisiert, fit in Zukunftsthemen wie KI ist und vielfältig besetzt?

Verwandte Themen
Dax
Porsche
Oliver Blume
Commerzbank

Bei aller Kritik gibt es auch Hoffnung. Die Headhunter haben zuletzt in diesem Sinne geliefert. So haben sie einige der vakanten oder neu geschaffenen Personalvorstandsressorts im Dax mit Frauen besetzt.

Stephanie Coßmann ist bei Symrise die neue Personalvorständin, Christiane Giesen bei Metro und Sabine Minarsky bei der Commerzbank. Jetzt müssen diese Managerinnen nur noch beweisen, dass sie nicht nur selbst für Vielfalt stehen, sondern auch mehr Vielfalt ins Unternehmen bringen.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt