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TürkeiFast 50 Prozent Inflation – Erdogans Wirtschaftspolitik und ihre Folgen

Staatschef Erdogan hatte die Wirtschaft vor den Wahlen mit eigenwilligen Methoden gelenkt. Nun beginnt die Fehlerkorrektur – doch die hat fatale Nebenwirkungen.Ozan Demircan 05.08.2023 - 15:38 Uhr Artikel anhören

Die neue Notenbankchefin leitete nach den Wahlen eine Trendwende ein und erhöhte die Leitzinsen. Doch der Verfall der türkischen Währung ließ sich bislang nicht stoppen.

Foto: IMAGO/Xinhua

Istanbul. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte nach seinem knappen Wahlsieg im Mai eigentlich wirtschaftliche Stabilität versprochen. Doch nun schicken die neuen Inflationszahlen vom Donnerstag Schockwellen durchs Land.

Nach Angaben des türkischen Statistikamts kosteten die Waren und Dienstleistungen im Juli durchschnittlich 47,83 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, im Juni hatte der Wert noch bei 38,21 Prozent gelegen. Damit stiegen die Preise in einem Monat stärker an als in Deutschland während eines gesamten Jahres.

Auch die türkische Zentralbank schlug Alarm und verdoppelte ihre Inflationsprognose. Am Jahresende dürfte die Teuerungsrate bei 58,0 Prozent liegen, prognostizierte die neue Notenbankchefin Hafize Gaye Erkan.

Vor diesem Hintergrund erscheint plötzlich das Ziel der Zentralbank, die Rate auf fünf Prozent herunterzuschrauben, als Wunschdenken. Tatsächlich war die Teuerung im ersten Halbjahr zwar rückläufig. Doch angefacht durch Steuererhöhungen kehrt die Inflation nun mit Macht zurück.

Und das ist nicht Erdogans einziges Problem. Gleich mehrere Konjunkturindikatoren senden Warnsignale, sodass spätestens seit Donnerstag klar sein dürfte: Die Türkei rutscht in eine Wirtschaftskrise.

Ausgerechnet in der wichtigen Tourismusbranche herrscht Flaute, viele Hotels in der Türkei sind nicht ausgelastet.

Foto: dpa

So erlebt die wichtige Tourismusbranche in diesem Jahr überraschend eine Flaute. Während Griechenland und Spanien trotz aktueller Hitzewellen von „Nach-Corona-Boom“ und „Overtourism“ sprechen, herrscht in der Türkei Ernüchterung. Die Auslastung in den Ferienregionen lag zuletzt bei nur 65 Prozent, wie mehrere Medien berichteten.

Wie ernst die Lage ist, zeigt auch die Lage am Arbeitsmarkt. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist seit Dezember 2022 um mehr als 1,4 Millionen gesunken, zeigen aktuelle Statistiken. Das sind fast zehn Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Land.


Der neue Finanzminister Mehmet Simsek gerät aber vor allem durch die erneut ausufernde Inflation unter Druck. Er versucht, die beunruhigten Investoren aufs nächste Jahr zu vertrösten. „Der positive Effekt unserer Geldpolitik wird sich Mitte des Jahres 2024 zeigen, wenn die Inflationszahlen sinken“, verspricht Simsek nun.

Inflation in der Türkei: Finanzminister vertröstet Investoren auf 2024

Volkswirt Liam Peach von Capital Economics bleibt skeptisch: „Auf den sprunghaften Anstieg der Inflation dürften in den kommenden Monaten weitere Preiserhöhungen folgen“, sagt er. Es sei mehr als wahrscheinlich, dass der jüngste starke Verfall der Lira und die Mehrwertsteuererhöhungen noch durchschlagen werden. Bartosz Sawicki vom Fintech Conotoxia geht noch einen Schritt weiter: „Nach mehreren Monaten sinkender Inflationszahlen ist diese Phase nun vorbei.“

Auch die Talfahrt der Landeswährung Lira befeuert die Inflation: Gegenüber dem Dollar hat sie in diesem Jahr 30 Prozent an Wert verloren. Dadurch verteuern sich Importe, auf die das rohstoffarme Land so dringend angewiesen ist. Die Lira geriet nach Bekanntgabe der Preisdaten erneut unter Abwertungsdruck und notierte mit 26,9870 zum Dollar nahe ihrem Rekordtief von 27,05.

Nachdem Staatschef Erdogan im Zuge der Präsidentschaftswahlen Milliarden an Staatsgeldern für den Wahlkampf und die Stärkung der Kaufkraft ausgegeben hat, muss sein neuer Finanzminister Mehmet Simsek nun die Schäden dieser eigenwilligen Wirtschaftspolitik beseitigen. Doch Unternehmer im Land kritisieren, Simsek wolle zu vieles zu schnell, sein Kurs hinterlasse massive Bremsspuren in der Ökonomie und im Leben der Menschen.

Dass die türkische Wirtschaft ins Trudeln gerät, hängt nach Ansicht von Analysten vor allem auch mit der neuen Strategie Simseks zusammen, die Kosten zu bremsen, ohne die Leitzinsen massiv zu erhöhen.

Türkei: Von der Wirtschaftskrise in die Vertrauenskrise?

Das jedoch sorgt für ungewollte Nebeneffekte: Die Kombination aus schwacher Konjunktur und stark steigenden Preisen führt in eine Wirtschaftskrise, die sich schnell zu einer Vertrauenskrise ausländischer Unternehmen auswachsen könnte. Sollte die Türkei vor einer lang anhaltenden Schwächephase stehen, könnten mehr und mehr Firmen ihr Engagement überdenken, wird befürchtet.

Der eigenwillige Wirtschaftskurs des Präsidenten wirkt nach – und alle Korrekturen haben massive Nebenwirkungen.

Foto: dpa

Dabei fehlt es in Ankara nicht an gutem Willen: Um die Inflation zu drücken, ohne die Leitzinsen allzu drastisch zu erhöhen, lässt sich Simsek einiges einfallen. So wollte der Finanzminister mit den jüngsten Steuererhöhungen die Nachfrage bremsen. In seinen Ansprachen kündigte er immer wieder „fiskalpolitische Disziplin“ an, um die Teuerung zu senken.

Doch das Gegenteil trat ein, wie die jüngsten Inflationszahlen zeigen. Der Anstieg folgte, nachdem die Regierung die Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent angehoben hatte. Auch Unternehmenssteuern wurden heraufgesetzt, ebenso die auf Benzin und Diesel. Mit den erhofften Mehreinnahmen soll der Wiederaufbau nach dem verheerenden Erdbeben im Februar finanziert werden.

Ratenzahlungen auf Auslandsreisen, die per Kreditkarte bezahlt werden, sind außerdem ab sofort untersagt. Das ist ein weitgehender Eingriff in die Autonomie der Wirtschaft. Vor allem der türkische Vorzeigekonzern Turkish Airlines dürfte darunter leiden, wenn inländische Kunden – auch Geschäftskunden – ihre Auslandsreisen nicht mehr in Raten bezahlen können.

Der neue türkische Finanzminister sollte die Wirtschaft stabilisieren. Doch jetzt steht das Land vor einer schweren Wirtschaftskrise.

Foto: Reuters

Außerdem sind ab sofort Exporte von türkischem Olivenöl untersagt. Wegen der Dürre in anderen Mittelmeerländern war das türkische Olivenöl extrem gefragt. Die Folge: Der Preis verdoppelte sich innerhalb weniger Monate. Das Exportverbot dürfte den Preisdruck allerdings nur leicht mildern.

Wie Branchenkenner argumentieren, müsste die Regierung die Großhändler zwingen, das Öl zu niedrigeren Preisen an Supermärkte und Endverbraucher zu verkaufen, doch vor diesem Schritt schreckt die Regierung zurück.

Die Währung des Landes wird immer schwächer, dadurch steigen die Schulden vieler Firmen.

Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson

Noch dazu ist das Exportverbot ein Schock für alle Firmen, die Olivenöl in andere Länder verkaufen. Zuletzt waren die Exporte türkischen Olivenöls nach Spanien um das 21-Fache gestiegen, nach Italien sogar um das 44-Fache. Ab jetzt liegt der Wert bei null, und den Unternehmen gehen jede Menge Exporterlöse verloren.

Zinserhöhungen bis mindestens 27,5 Prozent notwendig

Eine Schlüsselrolle beim großen ökonomischen Reinemachen kommt der neuen Notenbankchefin Hafize Gaye Erkan zu. Die türkische Zentralbank hat ihren Leitzins angesichts der hartnäckig hohen Inflation und der kräftigen Lira-Abwertung im Juli den zweiten Monat in Folge von 15,0 auf 17,5 Prozent heraufgesetzt. Erkan leitete erst im Sommer eine Trendwende ein, nachdem sich Präsident Erdogan lange gegen höhere Zinsen ausgesprochen hatte.

Höhere Zinsen machen eine Währung für Anleger attraktiver und können den Kursverfall stoppen. „Die Zentralbank setzt auf eine allmähliche Straffung der Geldpolitik, aber wir glauben immer noch, dass in diesem Jahr Zinserhöhungen auf mindestens 27,50 Prozent notwendig sind“, sagt Volkswirt Peach von Capital Economics.

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Erstpublikation: 03.08.2023, 19:02 Uhr.

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