Kommentar: Kulturwandel bei Lufthansa – Mehr miteinander statt gegeneinander

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und die Lufthansa-Führung versuchen sich derzeit an einem etwas pfleglicheren Umgang miteinander.
Foto: mauritius images / SZ Photo CreativeLufthansa-Kunden kennen das. Irgendwo im großen Reich der „Hansa“ kracht es immer zwischen Management und Arbeitnehmerseite. Die Folge ist ein Arbeitskampf. Das Gegeneinander hat im größten europäischen Luftfahrt-Konzern eine lange Tradition.
Es ist an der Zeit, das zu ändern. Und auch wenn es die von Streiks gebeutelten Kunden kaum glauben mögen: Es tut sich tatsächlich etwas. Da ist zum Beispiel der Tarifkompromiss mit der Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit (VC).
Beide Seiten sind stolz darauf, dass diese Tarifrunde „im Ton unaufgeregt und in der Sache hocheffizient“ gelaufen ist, wie es Marcel Gröls von der VC kürzlich formulierte. Und Personalvorstand Michael Niggemann ist davon überzeugt, dass die „friedlich am Verhandlungstisch gefundene Tarifeinigung die Sozialpartnerschaft stärkt“.
Ist das mehr als nur PR-Gerede in eigener Sache? Offensichtlich. Dafür spricht, dass die geplante neue Fluggesellschaft City Airlines nicht mit Brachialgewalt durchgesetzt wird, obwohl in dem Tarifkompromiss die nach Ansicht des Managements wichtige Frage nicht geklärt wurde, wie die Kosten bei den Zubringerflügen nach Frankfurt und München gesenkt werden können.
Die Konzernführung will das zarte Pflänzchen des neuen Miteinanders wohl nicht sofort wieder zertreten. Das ist nicht nur äußerst fragil. Es musste auch recht teuer erkauft werden. In Summe gibt es je nach Position der Piloten zwischen 25 und 50 Prozent mehr. Angesichts der Laufzeit von fünf Jahren sei das kaum mehr als ein Inflationsausgleich, heißt es in Pilotenkreisen. Doch keiner weiß, wo die Teuerungsrate 2024, 2025 oder 2026 liegen wird. Die Zusage kann sich am Ende doch als sehr belastend für die Bilanz erweisen.
Abschied von bisherigen Denkweisen
Aber es ging wohl nicht anders, als Geld in die Hand zu nehmen. Zu stark hatten sich Management und Arbeitnehmervertreter über die Jahre ineinander verkeilt. Die Führung fühlt sich von den Gewerkschaften kontinuierlich ausgebremst, die in ihren Augen ständig bei strategischen Entscheidungen mitmischen wollen.
Die Arbeitnehmervertreter wiederum sehen sich von der Führung erpresst, weil ständig neue Firmen gegründet wurden, die außerhalb bestehender Tarifverträge arbeiten.
Das Vertrauen wieder herzustellen dauert. Beide Seiten müssen sich von bisherigen Denkweisen lösen. Die Gewerkschaft VC hat gerade eine einheitliche Tarifkommission gegründet. Nicht mehr die Vertretungen der einzelnen Airlines von Lufthansa sollen ihre Forderungen durchsetzen. Die VC will mit einer Stimme gegenüber der Lufthansa-Führung sprechen.
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Einerseits ist das eine Chance, Partikularinteressen einzelner Gewerkschaftsmitglieder in den Hintergrund zu drängen. Andererseits besteht die Gefahr, dass sich die Forderungen an den Bestverdienern in der VC orientieren. Das wäre fatal.
Das neue Miteinander könnte schon bald vor der ersten echten Bewährungsprobe stehen. Der Hinweis des Managements, dass die Zubringerflüge mit den aktuellen Kosten nicht mehr wirtschaftlich sind, ist korrekt. Nun heißt es, gemeinsam eine Lösung zu finden.
Laut dem Management seien die Zubringerflüge mit den aktuellen Kosten nicht mehr wirtschaftlich.
Foto: imago images/sepp spieglWer mit langgedienten Lufthanseaten spricht, hört häufig, dass es früher die eine Lufthansa-Familie gegeben habe, in der alle an einem Strang zogen. Das habe sich mit der vollständigen Privatisierung und der Neuorganisation als Aktiengesellschaft geändert.
Es ist an der Zeit, den Familienfrieden zumindest grundsätzlich wieder herzustellen. Jahrelang haben sich Lufthansa-Manager an einer neuen Sozialpartnerschaft versucht – ohne Erfolg. Umso wichtiger ist es nun, die kleine Chance, die es aktuell gibt, zu nutzen. Sonst wird das nichts mit der verlässlichen Premiumairline, der die Kunden treu bleiben.