Windkraft: Die Offshore-Branche stößt an ihre Grenzen
Die Ampelkoalition will die Offshore-Windenergie massiv ausbauen, doch die Produktionskapazitäten sind begrenzt.
Foto: Siemens GamesaBerlin, Husum. Die Offshore-Windkraft-Branche ruft nach Unterstützung durch die Politik, um die ehrgeizigen Ausbauziele zu erreichen und die Energiewende nicht zu gefährden. „Mit den bestehenden Ressourcen stoßen wir an Grenzen“, sagte Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO), dem Handelsblatt. Die Ausbauziele der europäischen Politik seien „sehr ambitioniert“, zugleich stehe Europa im globalen Wettbewerb.
Die EU und speziell Deutschland wollen die Meere zum „Kraftwerk Europas“ machen. Auch in anderen Weltregionen soll Offshore-Windkraft künftig eine Schlüsselrolle bei der Stromerzeugung spielen. Dadurch ist ein weltweiter Wettkampf um dieselben Ressourcen und Produktionskapazitäten entbrannt.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte der Branche am Dienstag Hilfe zu. Die Ausbauziele könnten nur erreicht werden, „wenn wir vor allem bei den Genehmigungen und der Flächenbereitstellung aufs Tempo drücken“. Der Windbranche versprach er, dass man alles tue, um das Ziel von zehn Gigawatt Windausbau pro Jahr zu erreichen. „Das müssen wir schaffen“, sagte der Grünen-Politiker bei der Eröffnung der Branchenmesse Husum Wind.
Auch der Fachkräftemangel wird die Branche in den kommenden Jahren massiv treffen: Bis 2050 wird der Bedarf an Arbeitskräften von heute rund 80.000 Menschen in Europa auf 300.000 steigen. Im Zusammenspiel mit anhaltender Inflation, steigenden Zinsen, strukturellen Versorgungsengpässen und angespannten Lieferketten, sagte RWE-Chef Markus Krebber kürzlich, sehe er für die Offshore-Windkraft gerade den „perfekten Sturm“ heraufziehen. RWE ist einer der weltweit führenden Entwickler von Offshore-Windparks.
Das steht im Gegensatz zu den Wünschen und Forderungen der Politik. In den vergangenen Jahren wurden die Ausbauziele der EU und auch Deutschlands stark erhöht. Neun europäische Regierungen haben sich im April im belgischen Ostende darauf verständigt, in der Nordsee bis 2030 Offshore-Wind-Kapazitäten von 120 Gigawatt (GW) zu bauen. Bis 2050 sollen es 300 GW sein. Zu Einordnung: 300 GW entsprechen der installierten Leistung von 300 Atomkraftwerken.
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Deutschland will einen wichtigen Beitrag zur Zielerreichung leisten: Die Ampelkoalition strebt 70 Gigawatt bis 2045 im deutschen Teil von Nord- und Ostsee an. Bislang sind es 8,4.
Windkraft: Offshore-Industrie steckt in der Krise
Die Kluft zwischen Ist-Zustand und Ziel ist groß. Aktuell hat die europäische Offshore-Wertschöpfungskette nach Branchenangaben die Kapazität, jährlich sieben GW zu installieren, es werden aber 30 GW benötigt, um die Ziele zu erreichen.
Doch die Offshore-Industrie steckt europaweit in einer Krise. Der dänische Windparkbetreiber Orsted musste wegen steigender Kosten erst vor Kurzem 730 Millionen Euro abschreiben. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall hat ein Mega-Projekt in Großbritannien gleich ganz gestoppt, noch mehr Projekte könnten folgen, warnen Experten. Aber es sind auch sehr ambitionierte Preise, mit denen beispielsweise Vattenfall das Rennen um den britischen Windpark gewonnen hatte.
Ende vergangenen Jahres hatte Vattenfall die Auktion mit einem Gebot von umgerechnet 43,55 Euro die Megawattstunde gewonnen. Das heißt, bei der geplanten Inbetriebnahme in den Jahren 2026 oder 2027 hatte der Energiekonzern damit gerechnet, eine Megawattstunde Windstrom für 43,55 Euro produzieren zu können.
Zum Vergleich: Die aktuellen Produktionskosten liegen laut Bloomberg New Energy Finance bei knapp 68 Euro je Megawattstunde.
Aber nicht alle Wettbewerber geraten in die Kostenfalle. Manche scheinen mit konservativeren Geboten in die Ausschreibungen auf hoher See gegangen zu sein. Dennoch dürften die Folgen für die Branche in den nächsten Jahren gravierend sein: Ab 2025 sehen Experten eine definitive Lücke zwischen Nachfrage und Produktionskapazitäten.
Die Branche wirbt nun um Unterstützung aus der Politik, damit dies nicht eintritt. Sie hat daher „industriepolitische Handlungsempfehlungen“ entwickelt, die dem Handelsblatt vorliegen. Darin werden verschiedene Forderungen erhoben. Ein Überblick.
Finanzierungsbedingungen erleichtern
Die Offshore-Branche fordert verbesserte Finanzierungsbedingungen. So sollten bestehende Kreditprogramme der staatlichen Förderbank KfW für die gesamte Wertschöpfungskette geöffnet werden. Bisher sind entsprechende Programme nur für Projektgesellschaften verfügbar, die einen Windpark in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), also dem Meeresgebiet jenseits des Küstenmeeres, errichten wollen.
Transformationstechnologie beschleunigen
Große Hoffnung setzt die Branche in die von der EU-Kommission bereits genehmigte „Bundesregelung Transformationstechnologien“, die auch für Windturbinen gelten soll. Hintergrund dieser Regelung: Bundeswirtschaftsminister Habeck verfolgt das Ziel, bestimmte Schlüsselindustrien, die für die Transformation der Wirtschaft zur Klimaneutralität unerlässlich sind, zu stärken. Das soll gewährleisten, dass Deutschland und Europa ihre Abhängigkeit von Technologie und Rohstoffen aus dem Ausland verringern. Für den Wiederaufbau einer Photovoltaik-Industrie, die wieder in großem Maßstab Solarmodule herstellen kann, hatte er bereits ein Interessenbekundungsverfahren abgeschlossen.
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Bei der Offshore-Windindustrie ist Habeck noch nicht so weit. BWO-Chef Thimm fordert daher, das Ministerium müsse auf der Basis der „Bundesregelung Transformationstechnologien“ möglichst rasch konkrete Förderprogramme entwickeln. „Der Faktor Zeit ist für den Erfolg der Branche entscheidend“, sagte Thimm.
Der Bundeswirtschaftsminister will bei den Genehmigungen „aufs Tempo drücken“.
Foto: IMAGO/Chris Emil JanÃ?enZusätzlich wünscht sich die Branche, die europäischen Regelungen für wichtige Projekte von europäischem Interesse (Important Projects of Common European Interest, kurz IPCEI) auch auf den Ausbau von Produktionskapazitäten für die Offshore-Windenergie anzuwenden. IPCEI-Projekte gibt es bereits für die Bereiche Batteriezellenfertigung, Wasserstoff und Mikroelektronik. Für IPCEI-Projekte gelten großzügigere Beihilferegelungen.
Hafeninfrastruktur ausbauen
Die Offshore-Branche klagt seit Jahren über große Lücken in der deutschen Hafeninfrastruktur. Die begrenzten Hafenkapazitäten erschwerten die gesamt Offshore-Logistik. „Der Bund muss den Ländern deutlich mehr Mittel für den Ausbau der Häfen zur Verfügung stellen“, sagte Thimm.
Nach Angaben aus der Offshore-Branche hat der Bund mit dem sogenannten „Hafenlastenausgleich“ den Ausbau und Betrieb der Häfen der Küstenländer im vergangenen Jahr mit 38 Millionen Euro unterstützt.
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Nach Ansicht der Branche ist dieser Betrag völlig unzureichend. Nach Angaben des europäischen Branchenverbands Windeurope müssen bis 2030 europaweit „mindestens neun Milliarden Euro“ in Hafeninfrastruktur investiert werden.
Ausschreibungsverfahren verändern
Das aktuelle Verfahren zur Ausschreibung von Offshore-Windparks in Deutschland, festgeschrieben im Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG), hat nach Einschätzung der Branche „unerwünschte Effekte“, die den Ausbau letztlich behindern und verteuern. Worauf die Windparkbetreiber anspielen, wurde Anfang August bei der letzten Offshore-Ausschreibung deutlich: Die erfolgreichen Bieter mussten 12,6 Milliarden Euro zahlen, um den Zuschlag für Felder im deutschen Teil von Nord- und Ostsee zu bekommen. Zuvor war in der Versteigerung eine erste Gebotsrunde mit Geboten zu null Cent je Kilowattstunde abgeschlossen worden.
Das heißt, dass in der ersten Gebotsrunde alle Bieter bereit waren, auf eine gesetzlich garantierte Vergütung je produzierte Kilowattstunde Strom zu verzichten. Daraufhin startete nach dem reformierten WindSeeG erstmals eine zweite Runde, das sogenannte „dynamische Gebotsverfahren“: Die Bieter mit der höchsten Zahlungsbereitschaft für eine Fläche erhielten dabei den Zuschlag.
Der Bau von Konverterplattformen wird ein entscheidender Faktor.
Foto: via REUTERSAus Sicht der Branche gehört das „dynamische Gebotsverfahren“ ohne Gebotsobergrenze abgeschafft, weil es die Projektkosten deutlich in die Höhe treibt. Die Regelung stehe dem Ziel der Branche entgegen, die Kosten der Offshore-Windstrom-Produktion immer weiter zu senken, sagt BWO-Chef Thimm. „Das Geld muss zurückverdient werden. Das passt nicht zu den Zielen der Bundesregierung, die Stromkosten für die Industrie zu senken.“ Tatsächlich arbeitet das Bundeswirtschaftsministerium an Konzepten, energieintensiven Branchen den Zugriff auf günstigen Offshore-Strom zu ermöglichen.
Thimm sagt, es sei auch keine Alternative, die Kostenlast an die Lieferkette durchzureichen. „Die Turbinenhersteller stehen schon jetzt unter Kostendruck“, sagt Thimm. Wenn das Verfahren der öffentlichen Hand schon Milliardenbeträge einbringe, „dann sollte dieses Geld auch zu einem erheblichen Teil dem Aufbau der benötigten Produktionskapazitäten und der benötigten Häfen zugutekommen“, fordert Thimm.
Europäische Lieferkette für Offshore-Windkraft stärken
Noch ist die europäische Offshore-Windkraft-Lieferkette geschlossen. Man nehme allerdings zur Kenntnis, dass schon heute Entwickler gezwungen seien, Fundamente aus China zu bestellen, da die europäischen Fertigungskapazitäten voll belegt seien. Auch beim Bau von Konverterplattformen, die den Strom mehrerer Windparks einsammeln und an Land übertragen, zeichnet sich nach Beobachtung der Branche eine Abhängigkeit von Herstellern außerhalb der EU ab.
„Dies ist vor dem Hintergrund der weltweit steigenden Ausbauziele für Offshore-Windenergie und des damit verbundenen Wettbewerbs um Ressourcen problematisch“, heißt es in den Handlungsempfehlungen.
Die Branche empfiehlt staatliche Unterstützung im Rahmen eines Bürgschaftsprogramms zur Errichtung von mindestens einem weiteren Standort zur Serienfertigung von Konverterplattformen. Wirtschaftsminister Habeck sagte am Dienstag, er sehe gute Chancen, Konverterplattformen in Deutschland zu bauen. Mit Bremerhaven und Rostock gebe es zwei Standorte, wo es gehen könne und deutliches Interesse vorhanden sei.
Erstpublikation: 13.09.2023, 00:43 Uhr.